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02.08.2003
 

attac

Sommerreise ins Ungewisse

Von Susanne Amann

Rund 1000 Teilnehmer erwarten die Globalisierungskritiker von attac zu ihrer Sommerakademie im westfälischen Münster. Seit dem Gipfel von Genua strömen ihnen die Leute zu – aber nicht immer ist klar, wohin die Reise geht.

Wollten eine andere Meinung formulieren: Demonstranten in Genua 2001
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DPA

Wollten eine andere Meinung formulieren: Demonstranten in Genua 2001

Berlin - Wirklich ernst gemeint war die Idee nicht, die der Chefredakteur des französischen Intellektuellenblattes "Le Monde" im Dezember 1997 verkündete. "Warum nicht eine neue Nichtregierungsorganisation gründen?" fragte Ignacio Ramonet damals am Ende seines Leitartikels, in dem er sich die Wut von der Seele geschrieben hatte. Die Wut über eine galoppierende Globalisierung, die in Asien den gesamten Finanzmarkt ruinierte und hunderttausende in Armut stürzte.

Im Juni 1998 gründet sich "attac", die französische Kurzform für den Zusammenschluss derer, die die Einführung der so genannten Tobin-Steuer fordern. Der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger James Tobin plante einst, internationale Finanztransaktionen zu besteuern und damit Spekulationen und schnelle Gewinnmitnahmen zu erschweren. Ramonet muss mit seiner Wut den Zeitgeist getroffen haben: Allein rund 1000 Teilnehmer erwartet "attac" ab Samstag in der westfälischen Universitätsstadt Münster zur jährlichen Sommerakademie.

Denn die Idee aus Frankreich hat weltweit eingeschlagen - spätestens seit dem G7-Gipfel in Genua im Sommer 2001, bei dem der 23-jährige italienische Demonstrant Carlo Giuliani von einem Polizisten erschossen worden war. "Seit Genua hat sich unsere Mitgliederzahl stark erhöht", bestätigt Malte Kreutzfeldt, Sprecher von attac. "In den Monaten danach hatten wir bis zu 150 Neueintritten pro Woche". Inzwischen ist attac-Deutschland auf rund 12.000 Mitglieder in 160 Regionalgruppen angewachsen - das ist bereits mehr als ein Drittel der französischen Gruppe. Weltweit sind es 80.000 Mitglieder.

Der Tod von Giuliani lies die Wut der Globalisierungskritiker noch größer werden.
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Der Tod von Giuliani lies die Wut der Globalisierungskritiker noch größer werden.

Und noch immer kommen in Deutschland wöchentlich 70 neue Mitglieder hinzu. Ein Zulauf, von dem andere Organisationen nur träumen können. Die Gewerkschaft Verdi, der Bund oder auch die grüne Jugend sind attac deshalb gleich beigetreten - um auch ein bisschen abzubekommen von der extremen Anziehung, die von dem Netzwerk auszugehen scheint.

Inzwischen eint attac Globalisierungskritiker sämtlicher Couleur: Aus Kirchen, Gewerkschaften, Sozialverbänden und Parteien kommen sie, sind jung und haben gute Ausbildungen. In sich heterogen eint sie der Gedanke, dass "eine andere Welt möglich ist". Für den Kongress in Münster reisen sie nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Holland und der Schweiz an, wie Olaf Kaltmeier vom Organisationsbüro sagt. "Das ist vom Alter her bunt gemischt, viele Jüngere sind dabei. Wir haben auch Familien, die ihren Jahresurlaub komplett auf die Sommerakademie verlegt haben."

Wie sehr sich attac von seinem ursprünglichen Focus auf die Tobin-Steuer entfernt hat, zeigt auch ein Blick in das Programm der Sommerakademie. Über 50 Seminare und 120 Workshops wird es während der vier Tage geben, das Motto lautet: "Die Welt ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann". Da geht es um Flüchtlingsschutz und Frauenrechte, die EU-Agrarpolitik oder den Islam. "Wir verstehen und nicht als Aktivistengruppe, sondern als Bildungsnetzwerk", versucht Kaltmeier das Ziel zu erklären. Im gleichberechtigten Gespräch mit Fachleuten werde es Laien möglich, sich über scheinbar trockene und hoch komplizierte Themenkomplexe umfassend zu informieren.

Inzwischen äußert sich attac zu vielen Themen wie hier auf einer Anti-Kriegsdemonstration
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AP

Inzwischen äußert sich attac zu vielen Themen wie hier auf einer Anti-Kriegsdemonstration

Ob es langfristig ausreicht, sich nur zu informieren, wird sich zeigen. Bislang herrscht Harmonie vor, auch wenn sich bei genauerem Nachfragen bei vielen Punkten deutlich unterschiedliche Positionen ergeben. Deutlich machte das ein Ausspruch des französischen Kommunisten Olivier Besancenot, der auf dem Sozialforum in Florenz im Herbst 2002 den größten Applaus erhielt: "Wir stimmen nicht überein, wie wir die andere Welt erreichen wollen, aber wir respektieren alle linken Traditionen, sei es die marxistische, die trotzkistische, die sozialdemokratische oder die ökologische".

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