Von Marcus Stölb
Herr Dr. Lotze, Sie haben Rolf J. vor drei Jahren attestiert, dass er nicht mehr nach Deutschland zurückkehren kann.
Jürgen Lotze: Ich habe nie zu untersuchen gehabt, ob Rolf J. wieder nach Deutschland kommen kann. Meine Frage war, ob es ihm psychisch schlechter ergangen wäre, wenn man ihn aus seinem gewohnten Umfeld herausgerissen hätte. Insofern ging es weder um Deutschland noch um Miami, sondern ganz einfach nur um die Bedeutung des sozialen Umfeld für Rolf J.
SPIEGEL ONLINE: Das er in Deutschland nicht mehr hat.
Lotze: Genau, und das war einer der Gründe, weshalb ich bejahen musste, dass eine Rückkehr hier nach Deutschland eine schwerwiegende psychische Beeinträchtigung für Rolf J. bedeutet hätte.
SPIEGEL ONLINE: Welchen Eindruck machte Herr J. denn auf Sie?
Lotze: Er war ein tief depressiver Mensch und es ging ihm hier wirklich sehr schlecht. Aber noch einmal: Das hatte nichts mit Deutschland zu tun, sondern mit seinem fehlenden Umfeld. Das hätte auch in Polen oder sonst wo sein können. Deshalb ist auch der Begriff "Deutschland-Allergie" völlig falsch.
SPIEGEL ONLINE: Nun gibt es viele Menschen, die ihr gewohntes Umfeld verlassen und einen neuen Freundeskreis aufbauen müssen, etwa aus beruflichen Gründen. War das Herrn J. nicht zuzumuten?
Lotze: Es war einfach nicht die Frage, die ich als Gutacher zu beantworten hatte. Ich sollte entscheiden, ob eine Rückkehr aus Miami seinen psychischen Zustand verschlechtert hätte. Das konnte ich damals aus guten Gründen bejahen.
SPIEGEL ONLINE: Sie sahen also keinerlei Behandlungsmöglichkeiten für Rolf J.?
Lotze: Hier zu Lande sah ich in der Tat keine sinnvolle Behandlungsmöglichkeit. Weder eine Psychotherapie noch eine medikamentöse Therapie erschien mir Erfolg versprechend.
SPIEGEL ONLINE: Also ist Rolf J. nicht therapierbar?
Lotze: Nach meiner Einschätzung war er es zum damaligen Zeitpunkt nicht. Als einziger Stabilisator seiner Psyche erschien mir in der Tat sein soziales Umfeld, und das befindet sich ja bekanntlich bis heute in Miami. Es ist aber gar nichts so Außergewöhnliches, dass Patienten mit psychischen Störungen nur auf diese Weise geholfen werden kann. Bei Rolf J. hatte ich auch noch einen Kollegen der Psychotraumatologie zu Rate gezogen. Aber auch der sah keinen sinnvollen Ansatz für eine Therapie.
SPIEGEL ONLINE: Wie sähe es denn heute aus? Glauben Sie, Rolf J. ist jetzt therapierbar?
Lotze: Das kann ich nicht sagen. Ich weiß nicht, wie es ihm jetzt geht.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt unverhofft in die Schlagzeilen geraten, und das mit einem drei Jahre alten Gutachten. Wie geht es Ihnen persönlich?
Lotze: Es ist nur schwer erträglich.
SPIEGEL ONLINE: Deutschlandweit gelten sie jetzt bei vielen nur noch als der Gutachter, der Rolf J. ein Leben in Miami ermöglichte.
Lotze: Nun, es ist schon schlimm, wenn eine Berichterstattung mit einer bestimmten Tendenz mein Gutachten nun in ein falsches Licht stellt. Das ist sicherlich auch mit ein Grund dafür, dass ich inzwischen auch Drohanrufe erhalten habe.
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