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26.08.2003
 

Windkraft

Sturmlauf gegen den Ökostrom

Von Gerd Rosenkranz

Die Windindustrie boomt wie keine andere Branche, doch nun formiert sich ein bizarrer Widerstand aus Kohle- und Atomwirtschaft, Politik und Naturschützern. So will der BUND und der Naturschutzbund gegen den geplanten Offshore-Windpark vor Sylt klagen. Ein SPIEGEL-ONLINE-Report über den Angriff auf eine Wachstumsbranche.

Berlin - Es war schon fast ein Ritual. Ein- oder zweimal im Jahr trat Peter Ahmels, der Präsident des Bundesverbandes Windenergie, vor die Presse und verkündete neue Rekordzahlen: immer mehr, immer größer, immer besser. Mitten in der deutschen Depression blüht das Geschäft mit den Dreiflüglern.

Binnen weniger Jahre entwickelte sich eine neue Hightech-Industrie, die 46.000 Menschen beschäftigt - mehr als Kohle- oder Atomwirtschaft, die jährlich über 3,5 Milliarden Euro umsetzt - mehr als Bio- und Gentechnologie zusammen; die die installierte Leistung ihrer Windräder seit 1998 von 2875 auf derzeit rund 13.000 Megawatt fast verfünffachte und die der Atmosphäre inzwischen rund 20 Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid pro Jahr erspart - und damit fast zehn Prozent der Reduktionsverpflichtung, die Deutschland international eingegangen ist.

Als Umweltminister Jürgen Trittin Anfang August die lang erwartete Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) vorlegte, ging ein Aufatmen durch die junge Boombranche. Denn das schlanke Regelwerk mit nur zwölf Paragraphen verpflichtet die eingesessenen Elektrizitätsversorger, Ökostrom aus Wind, Sonne, kleinen Wasserkraftwerken oder Biomasse zu einem mittleren Preis von 8,8 Cent pro Kilowattstunde (Ct/kWh) in ihre Netze zu speisen. Das Gesetz bildet das Fundament für eine neue Spitzentechnologie, die sonst gegenüber alten Kohle-, Gas- und Atomkraftwerken noch nicht wettbewerbsfähig wäre.

Zwar enthält Trittins Entwurf für die Branche auch Zumutungen. So soll die Förderung von Windkraft-Anlagen an weniger günstigen Standorten im Binnenland erheblich schrumpfen. Doch gleichzeitig erleichtert der Umweltminister den technisch wie finanziell riskanten Sprung aufs offene Meer.

Widerstand gegen die Propellerbranche

Braunkohletagebau in Hambach: Keine Chance gegen Importkohle
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DDP

Braunkohletagebau in Hambach: Keine Chance gegen Importkohle

Doch Peter Ahmels ist besorgt. Mit wachsender Unruhe beobachtet er, wie sich seine Gegner zu einer zwar zufälligen, aber machtvollen Phalanx formieren. An diesem Mittwoch tritt der Windlobbyist vor die Presse in Berlin. Sorgenvoller Titel der Veranstaltung: "Spitzentechnologie, Arbeitsplätze und Klimaziel in Gefahr".

Erstmals in ihrer kurzen Geschichte bläst der im Volk beliebten Propeller-Branche (Zustimmungsrate: über 90 Prozent) der Wind kräftig ins Gesicht. Bislang gab es an den Rotoren-Standorten bestenfalls Proteste so genannter "Landschaftsschützer".

Jetzt aber wackeln Teile der Umweltszene, die die Öko-Energien aus Sonne, Wind, Wasser und Biomasse bisher euphorisch begrüßt hatte. Der Grund: die geplanten gewaltigen Windkraftparks weit vor den Küsten von Nord- und Ostsee ("Offshore").

Die Umweltschützer fürchten um Vögel, Fische, Robben und Wale. Sie prophezeien verheerende Tankerunfälle und verbünden sich mit der Tourismusbranche, die durch die Riesenräder Umsatzeinbrüche fürchten. Nach Erfahrungen mit Offshore-Windparks in Dänemark und Schweden sind solche Horrorszenarien allerdings allesamt eher unwahrscheinlich.

Vögel umfliegen die rotierenden Riesenflügel, Fische könnten die Windparks sogar als "Ruhezonen" nutzen, weil dort keine Fischerei betrieben werden kann. Tankerunfälle werden kaum messbar wahrscheinlicher. Und die meisten Feriengäste fühlen sich kaum gestört.

Umweltschützer feiern Trittin-Novelle als zukunftsweisend

Im Prinzip sind alle wesentlichen Organisationen von Greenpeace bis zum Naturschutzbund (Nabu) für die Nutzung der windreichen See. Nur so kann die klimaschonende Technik bis 2030 ein Viertel des deutschen Strombedarfs decken, wie es Trittin vorschwebt. Die Novelle des Umweltministers feiern die organisierten Umweltschützer unisono als "zukunftsweisend".

Doch nun klagen der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und der Naturschutzbund gegen einen der ersten genehmigten Offshore-Windparks vor Sylt, weil dort ein Meeresschutzgebiet tangiert wäre. Greenpeace dagegen befürwortet dieses Vorhaben.

Bedrohlicher als die zerstrittene Umweltszene sind für die junge Branche aber die Angriffe aus Politik und Wirtschaft. Erst meldeten sich CDU-Landespolitiker wie Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel ("Mit Windkraft machen Anleger das große Geld, vom Staat subventioniert") oder Nordrhein-Westfalens Oppositionsführer Jürgen Rüttgers ("Subventionen für die Windenergie drastisch zurückführen") mit Kritik zu Wort. Dann beklagte sich ausgerechnet die CDU-Vorsitzende und frühere Umweltministerin Angela Merkel ("Die Windenergie ist völlig überfördert"). Auch Potsdams Umweltminister Wolfgang Birthler (SPD) wütet gegen die Windräder: "Sie verschandeln die Landschaft, fressen Milliarden Subventionen, Arbeitplätze entstehen kaum, der Strom wird teurer."

Windenergie-Branche: "Abzocke und Subventionsmentalität
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DPA

Windenergie-Branche: "Abzocke und Subventionsmentalität

Ende vergangener Woche wetterte mit Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) erstmals ein Spitzenpolitiker der Regierung gegen die Windkraft. Investoren wirft er "Abzocke" vor. Bei den Windmüllern habe sich eine "Subventionsmentalität" breit gemacht, schimpfte der Kohlefreund: "Wir sind in den Subventionen, in den Finanzhilfen schon jetzt so weit wie in der Steinkohle." Demnächst würden die Belastungen der Windenergie die der Steinkohlehilfen überflügeln.

Attacken von der Konkurrenz

Als Stichwortgeber für das plötzliche Trommelfeuer vermuten die Wind-Protagonisten die Konkurrenz: Kohle- und Atomkraftwerksbetreiber, die mehr als 80 Prozent des Stroms produzieren. Seit 1990 schnellte der Anteil der erneuerbaren Energien am nationalen Stromverbrauch von gut drei auf fast neun Prozent hoch, der der Windrotoren von 0,01 auf derzeit geschätzte vier Prozent. In Schleswig-Holstein wird schon mehr als jede vierte Kilowattstunde in Windrotoren erzeugt, in Mecklenburg-Vorpommern 21, in Sachsen-Anhalt 19 Prozent. Verschiebungen ähnlicher Größenordnung im deutschen Strommix gab es zuletzt, als in den siebziger Jahren Atomkraftwerke ans Netz gingen.

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