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23.10.2003
 

Kohl-Porträt fürs Kanzleramt

"Was für ein Kopf!"

Von Yassin Musharbash

Helmut Kohl kehrt ins Kanzleramt zurück - als Porträt für die Kanzlergalerie. Gestern wurde das Werk des ostdeutschen Künstlers Albrecht Gehse in der Neuen Nationalgalerie in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt. Und der Oggersheimer entdeckte Züge an sich, die er nicht vermutet hatte.

Helmut Kohl mit seinem Abbild: "Karolingische Statur"
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DDP

Helmut Kohl mit seinem Abbild: "Karolingische Statur"

Berlin - Vier mal haben die beiden sich getroffen, jeweils drei Stunden miteinander verbracht, dabei Armstrong-Musik gehört und Pfälzer Wein getrunken. Eine "stinklangweilige Sache" würde es werden, dieses Modellsitzen, hatte der Bundeskanzler a. D. zuvor befürchtet. Es sei dann aber doch "eine tolle Begegnung" daraus geworden. Auch der Maler rühmt die mit dem Oggersheimer verbrachten Stunden: Ganz brav habe der dagesessen, ein aufgeweckter Beobachter, ein interessanter Gesprächspartner. Allerdings, räumt der Maler Albrecht Gehse ein, sei für ihn "jeder Strich wie ein Elfmeter gewesen". Kein Wunder. Er hatte ja zum Zeitpunkt der Sitzungen, im Gegensatz zum großen Pfälzer, seinen Platz in der Geschichte auch noch nicht gesichert.

Jetzt aber, da das Bild fertig ist, da Kohl es stolz der Öffentlichkeit präsentiert, alle Gäste klatschen und alle Redner feierlich versichern, dieses Porträt sei ganz besonders gut gelungen, viel angenehmer anzusehen als das verwaschene, verwuschene, verwuselte Willy Brandts zum Beispiel, jetzt ist alles gut. Albrecht Gehse trinkt - schon wieder! - Pfälzer Wein, den Kohl bestellt hat, und versucht den Journalisten zu entfliehen, die ja doch nur wissen wollen, wie das war, als der Kanzler Hunger hatte und er, Gehse, mit ihm in Alt-Moabit, wo sein Atelier liegt, zum Italiener an der Ecke essen gegangen ist.

Als ginge es heute Abend in der Neuen Nationalgalerie zu Berlin nicht um Wichtigeres. Schließlich geht es um nichts weniger als das Bild, das Helmut Kohl der Nachwelt von sich selbst hinterlassen will. Es geht also, genau genommen, um zwei Bilder.

"Fleisch- und Feuerfarben"

Der Porträtierte selbst gibt lediglich zu Protokoll, er wolle sich "an das Bild erst gewöhnen". Für ihn sei dies eine sehr persönliche Angelegenheit, er erkenne Züge seiner selbst in diesem Gemälde, die er nicht vermutet habe. Aber er hört zufrieden zu, als andere beschreiben, was sie in dem Bildnis entdecken.

"Wir werden dieses Bild verinnerlichen", prophezeit zum Beispiel Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin. Es sei ausdrucksstark genug, die Erinnerungsfetzen an Birnen-Karikaturen zu tilgen, die derzeit ja der eine oder andere noch in seinem Gedächtnis trägt. Da lächelt Kohl.

 Helmut Kohl mit Maler Albrecht Gehse: "Jeder Strich ein Elfmeter"
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AP

Helmut Kohl mit Maler Albrecht Gehse: "Jeder Strich ein Elfmeter"

"Was für ein Kopf!", ruft zum Beispiel der CDU-Kulturpolitiker und ehemalige Ausstellungsmacher Christoph Stölzl aus. "Der Kopf eines Handwerkers, der auch denkt." Da schmunzelt Kohl.

"Fleisch- und Feuerfarben stehen für Lebendigkeit. Hier sitzt kein Rentner, hier sitzt der Kanzler", beendet schließlich Christoph Tannert, Direktor des Künstlerhauses Bethanien, seine Bildkritik. Da lacht Kohl verschmitzt.

Aus eigener Tasche bezahlt

Und lässt es sich am Ende nicht nehmen, in seiner eigenen Rede kurz auf sein persönliches Verhältnis zu diesem Bild einzugehen. Es sei ihm wichtig gewesen, das Porträt aus der eigenen Tasche zu bezahlen, denn so könne es später einmal, etwa anlässlich einer großen Ausstellung, seinen eigentlichen Platz in der Ahnengalerie des Kanzleramts vorübergehend verlassen. Es sei ihm ebenfalls ein Anliegen gewesen, dass das Bild vor der Hängung öffentlich zu sehen ist. Hier, in der Neuen Nationalgalerie, sagt Kohl unter Beifall und Lachen, sei ihm auch das Publikum lieber als es im Kanzleramt gewesen wäre.

Ein nicht nur andächtiger, ein auch amüsanter Abend also. Und wie sieht das Bild, das große Kanzlerporträt des großen Kanzlers Helmut Kohl nun aus? Fast alterslos wirkt er darauf, mit listigen, warmen Elefantenaugen. Und fast schwerelos. Denn das, was Christoph Stölzl sehr charmant als "karolingische Statur" beschrieb, die Kohl'schen körperlichen Ausmaße nämlich, ist in dem Bild nur sehr dezent angedeutet. Vielleicht war das der Grund dafür, dass der Kanzler a. D. am Ende von einem "liebevollen Porträt" sprach. Vielleicht gefällt es ihm aber auch nur.

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