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04.11.2003
 

General-Lob für Hohmann

Strucks kurzer Prozess mit Querkopf Günzel

Von Matthias Gebauer

Noch kann sich niemand den lobenden Brief des KSK-Kommandeurs Günzel an den CDU-Mann Hohmann so recht erklären. Gleichwohl dürfte seine Ablösung vielen im Verteidigungsministerium ins Kalkül passen, denn der General fällt nicht zum ersten Mal aus der Reihe.

Vorlauter Krieger: Rainhard Günzel, Kommandeur der Elite-Truppe KSK
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REUTERS

Vorlauter Krieger: Rainhard Günzel, Kommandeur der Elite-Truppe KSK

Berlin - Die Worte des Verteidigungsministers Peter Struck ließen an Deutlichkeit nichts vermissen. Er habe mit dem Brigadegeneral Rainhard Günzel einen seiner höchsten Soldaten "rausgeschmissen", verkündete er in einem Pressestatement. Für die Bundeswehr sei der Mann "unerträglich" und habe großen Schaden angerichtet.

Allein schon diese Worte sind für einen langjährigen Soldaten wie Günzel ein schmerzhafter Tritt zum Abschied. Um jedoch allen Zweifel der falschen Kameradschaft oder gar der Kumpanei innerhalb seiner Truppe vorzubeugen, setzte Struck noch hinzu, dass diese Entlassung keineswegs "ehrenhaft" sei.

Dass ausgerechnet der Chef des Kommandos Spezialkräfte (KSK) einen lobenden Brief an den umstrittenen CDU-Politiker Martin Hohmann geschrieben habe, ist für Struck nicht zu entschuldigen. Aus seinem Umfeld war am Dienstag zu hören, er sei "stinksauer" auf den einstigen KSK-Chef. Der Minister selber sagte lediglich, er sehe keinen Grund für ein persönliches Gespräch mit dem General. Es handele sich bei dem Brief des Top-Soldaten um "eine verwirrte Auffassung eines Generals, der einer noch verwirrteren Auffassung eines CDU-Abgeordneten zugestimmt hat", polterte Struck ungewöhnlich offen, als er am Nachmittag aus dem SPD-Fraktionssaal im Bundestag kam.

Einen so schnellen Rausschmiss wie im Fall Günzel hat wohl selbst das schon oft Affären geschüttelte Verteidigungsministerium noch nicht gesehen. Strucks Mitarbeiter mögen sich nicht ausmalen, welche internationalen Schlagzeilen die bisher nur deutschlandweit diskutierte Affäre um den CDU-Abgeordneten Hohmann und seine umstrittene Rede zum 3. Oktober bekommen könnte. Jeder weiß, wie gut sich ein deutscher Antisemit in Uniform für markige Überschriften macht. Wieder einmal läuft die Bundeswehr Gefahr, als braune Truppe dargestellt zu werden.

Kurzer Prozess im Bendler-Block

Schon das Eiltempo der Affäre um Günzel zeigt, wie nervös das Verteidigungsministerium am Dienstagmorgen war. Durch eine Anfrage des ZDF wurden die Mitarbeiter der Pressestelle am frühen Morgen aufgescheucht. Der Sender bat um eine Stellungnahme des Ministeriums, da der CDU-Mann Hohmann den Reportern am Wochenende stolz einen Brief des Brigadegenerals gezeigt hatte. In dem Brief lobt Günzel unzweideutig die Rede Hohmanns, die er ihm zuvor zugeschickt hatte. Den Mitarbeitern des Pressestabes wurde schlagartig klar, dass die Antisemitismus-Affäre plötzlich einen der prominentesten Generale Deutschlands und die Bundeswehr insgesamt erfasst hatte.

Statt wie üblich in solchen Fällen erst mal zu lavieren, übernahm deshalb Minister Struck selbst den Vorgang. Umgehend schickte er Mitarbeiter aus, sowohl die Rede Hohmanns als auch den Brief Günzels zu beschaffen. Als die beiden Dokumente auf dem Tisch lagen und Günzel telefonisch die Echtheit des Briefs bestätigt hatte, war Strucks Entscheidung für eine sofortige Ablösung des Elite-Soldaten klar. Noch während ein Sprecher dem ZDF am Vormittag in die Kamera sagte, die Bundeswehr prüfe den Vorgang, meldete Struck beim Bundespräsidenten bereits die Versetzung Günzels in den einstweiligen Ruhestand an. Wenig später trat er selbst vor die Mikrophone.

Bisher kann sich niemand im Verteidigungsministerium so recht erklären, was den Brigadegeneral trieb, als er den Lob-Brief an Hohmann verfasste. Allein schon die Tatsache, dass Hohmann dem KSK-Kommandeur seine Rede zur Ansicht schickte, besorgt die Verantwortlichen. Sie fragen sich, ob sie bei einem Top-Mann etwas übersehen haben. Auch wenn Günzel innerhalb der Truppe als Eigenbrödler und Querkopf bekannt war, hatte niemand eine rechte oder antisemitische Grundhaltung des Soldaten wahrgenommen. Freilich galt der durchtrainierte Fallschirmjäger als ausgemachtes Raubein, doch seine Äußerungen waren stets eher bundeswehrkritisch als politisch verdächtig.

Rambo der Worte

Dass Günzel eher ein Rambo der Worte als ein Diplomat ist, bewies er schon häufig. Bereits 1996 sorgte er als Oberst im sächsischen Schneeberg für Wirbel und wurde letztlich Thema einer Bundestags-Fragestunde. Mit seiner damaligen Truppe war Günzel für ein Manöver ausgerechnet in die Sandsteingebirge der Sächsischen Schweiz gezogen - ein Areal, das selbst die DDR-Armee als Naturschutzgebiet verschont hatte. Als sich schließlich Demonstranten in den Weg der Bewaffneten stellten, wurde der Offizier ungehalten und beschimpfte sie als "Berufschaoten". Günzel habe laut seinen eigenen Worten "die Faust in der Tasche geballt", um seinen Fallschirmjägern nicht den Befehl zu geben, das Problem "sehr schnell" zu lösen.

Kurz darauf kam der General wieder ins Gerede und in die Schlagzeilen, als rechtsradikale Tendenzen in seinem Schneeberger Bataillon bekannt geworden waren. Der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe schasste Günzel umgehend. Im Nachhinein jedoch wurde der heute 59-jährige von allen Seiten als politisches Bauernopfer bezeichnet, da er keine direkte Verantwortung trug und sich der Skandal um angeblich rechtsgerichtete Videos in der Kaserne nach einer Untersuchung als reichlich aufgebauscht entpuppte.

Gleichwohl war Günzel vielen in der Bundeswehr ein Dorn im Auge, da er sich auch weiterhin den Mund nicht verbieten ließ. Erst im vergangenen Jahr handelte er sich eine deftige Abmahnung der Oberen ein, als er im Interview mit SPIEGEL ONLINE ausdrücklich vor einer Festnahme Osama Bin Ladens warnte und von einem möglichen Blutbad sprach. Von da an verpasste ihm das Ministerium einen Maulkorb. Schon jetzt unken einige im Bendler-Block, der Brief Günzels sei vielleicht einigen in der Entscheidungsebene ganz recht gekommen, um Günzel loszuwerden.

Günzel schweigt zu den Vorwürfen

Seit 1963 ist Rainer Günzel bei der Bundeswehr. Der leidenschaftliche Marathon-Läufer durchlief eine normale Offizierskarriere. Im Jahr 1944 wurde er als Sohn einer Schauspielerfamilie in Den Haag geboren. Einige in der Bundeswehr lästern seit Jahren, vielleicht kämen seine Ruhbeinigkeit und der Hang zu offenen Worten aus dem Erbe seines Vaters.

Innerhalb der Bundeswehr hatte Günzel eine Vielzahl von Jobs: Zuerst kommandierte er das Fallschirmjägerbataillon in Merzig, dann das Jägerregiment in Trier und die Jägerbrigade in Frankenberg. Zwischendurch absolvierte er ein Studium der Geschichte und Philosophie in Tübingen.

Spätestens seit dem Afghanistan-Krieg stand Günzel immer wieder im Licht der Öffentlichkeit. Als Chef der streng geheimen KSK-Truppe galt er jedoch als äußerst verschwiegen und öffentlichkeitsscheu. Über die Arbeit seiner Männer wollte er am liebsten gar nicht reden, da dies der beste Schutz für die Elite-Kämpfer sei. Begann er jedoch einmal mit einem Reporter zu sprechen, musste der ihn fast bremsen. Seit dem umstrittenen SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Gefahren des Afghanistan-Einsatzes aber hielt er sich an die aufgezwungene Schweigevereinbarung. Auch zu den nun geäußerten Vorwürfen war am Dienstag von ihm keine Stellungnahme zu erhalten.

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