Altkanzler Helmut Kohl: "Keine Neinstimmen..."
Berlin - Auszüge aus Kohls Autobiografie, deren erster Teil kommende Woche erscheint, wurden in "Bild" und "Faz" heute vorab präsentiert. Der erste Eindruck: der Held von Oggersheim in der Totalen. Der Ex-Kanzler gibt sich noch einmal genau so, wie man ihn zuletzt in Erinnerung hatte: machtbewusst, selbstgerecht und sich selbst gegenüber vollkommen distanzlos.
In den beiden heute erschienenen Passagen geht es einmal um die Ereignisse des Jahres 1976, als die CSU die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag aufkündigte und mit dem Gedanken spielte, eine vierte bundesweite Partei zu gründen ("FAZ"). Der andere Ausschnitt beschreibt Kohls Erinnerungen an das Jahr 1982, in dem er Kanzler wurde ("Bild").
Kohl zeichnet von sich das Bild eines Felsens in der Brandung, eines durch nichts zu erschütternden Idealisten - der sich am Ende immer und gegen alle Widersacher durchzusetzen versteht. So schreibt er über den gescheiterten CSU-Versuch zur Abspaltung: "Unser gemeinsamer und entschlossener Kampf für mehr Freiheit und gegen Sozialismus war um 18 Uhr am 3. Oktober 1976 nicht beendet."
Kohl über Kohl: "Gefasst, gemäßigt, scharf"
Intrigen und Fehler, Polemik und Strippen ziehen, das machen beim Ex-Kanzler stets die anderen. Er selbst sieht sich als beharrlichen und sachlichen Anwalt seiner Partei und seiner Wähler: "Bei aller Kritik an der Bonner Regierungspolitik vergaß ich niemals, unsere Alternativen verständlich zu machen", schreibt er zum Beispiel.
Und im Streit zwischen den beiden Schwesterparteien CSU und CDU 1976 mochte der CSU-Chef Franz-Josef Strauß noch so sehr "in seinem ungezügelten Zorn" brüllen - Kohl selbst blieb "gefasst und mäßigend im Ton, aber darum nicht weniger scharf", wie er seinen Lesern mitteilt. Denn er wusste natürlich, was richtig ist, anders als sein Kontrahent: "Der Blick von Strauß auf die Länderkammer war nicht sachlich nüchtern." Also musste es der Meister richten: "Bis dahin galt es, mit großer Geduld und einer starken Hand weiteren politischen Turbulenzen geschickt zu begegnen."
Da kann freilich nicht jeder mithalten. Politische Gegner, zum Beispiels Kohls Amtsvorgänger Helmut Schmidt, dürften deshalb irgendwann zwangsläufig von Selbstzweifeln eingeholt werden. "Helmut Schmidt war unerwartet freundlich", heißt es in Kohls Memoiren über ein Gespräch zwischen den beiden Politikern am Vorabend des Bruchs der sozialliberalen Koalition 1982. "Was auch immer uns politisch trennte, jetzt tat er mir Leid."
Weinende Weggefährten
Kohl fährt fort: "Und dann sagte der Kanzler zum Oppositionsführer (Helmut Kohl, die Red.), es sei an der Zeit, bewährten Kräften die Bewältigung der großen Probleme zu überlassen." Damit ist wohl die Union, ist Kohl selbst gemeint. "Er bedauere, dass das Ansehen der Bundesrepublik im In- und Ausland dramatisch gelitten habe", lässt Kohl Schmidt weiter erklären. Kohls Fazit über Schmidts Eingeständnis des Versagens: "Diese kritische Bestandsaufnahme fand ich äußerst realistisch."
Eine zentrale Rolle spielen für Kohl in den vorab gedruckten Passagen auch Weggefährten und Unterstützer innerhalb und außerhalb der Politik. An erster Stelle steht Kohls mittlerweile verstorbene Frau Hannelore.
Betende Kardinäle
Aber da gibt es auch wehklagende Parteifreunde, die er in Rheinland-Pfalz zurücklassen muss, als er nach Bonn geht, um die Opposition zu führen: "Obwohl so viele mich in Mainz halten wollten, blieb ich bei meiner Entscheidung, nach Bonn zu gehen. Der Abschiedsempfang wurde zu einer einzigen Trauerveranstaltung."
Da gibt es Kardinäle, die ihn telefonisch unterstützen, als er - man hat den Eindruck: im Alleingang - versucht, CDU und CSU, das christliche Lager, zusammenzuhalten: "Wörtlich sagte der Kardinal: 'Ich habe für Sie gebetet, damit Sie bei allem, was Sie jetzt zu tun gedenken, eine glückliche Hand haben'", schreibt Kohl. Hinter all dem scheint ein unerschütterliches Bewusstsein dafür durch, stets auf der richtigen Seite zu stehen, eigentlich unersetzbar zu sein, immer mehr Verantwortung übernehmen zu müssen - weil es sonst niemand kann.
Am Ende steht stets der Erfolg
Am Ende steht denn auch stets der Erfolg, den Kohl gerne und detailliert, wenn auch etwas umständlich beschreibt. Zum Beispiel so: "Es gab keine Neinstimmen, keine Enthaltungen, sondern die einstimmige Annahme meiner Position." Oder so: "Von den hundertneunundachtzig abgegebenen Stimmen votierten hundertvierundachtzig für mich." Oder so: "In geheimer Wahl konnte ich von den zweihundertdreiundvierzig abgegebenen Stimmen zweihundertdreißig auf mich vereinigen, bei acht Neinstimmen, drei Enthaltungen und zwei ungültigen Stimmen." Oder, oder, oder...
Seine Erinnerungen, bekennt Kohl, hat er vor allem deswegen abgefasst, weil er mit dem Bild, das bisher von ihm gezeichnet wurde, nicht einverstanden ist. "Viele so genannte Kohl-Biografien haben Legenden erfunden, die schlicht falsch und unwahr sind", heißt es dazu in dem Textausschnitt, der heute in "Bild" abgedruckt wurde. Schon oft hat sich Kohl über das von ihm grassierende Bild des "tumben Tors aus Oggersheim" (O-Ton Kohl) beschwert.
Nun also steht seine eigene Abrechnung mit diesen mutmaßlichen Legenden ins Haus. Ob Kohl in seiner Autobiografie indessen selbst die eine oder andere Legende strickt, wird man erst beurteilen können, wenn die auf zwei Bände angelegten Memoiren in Gänze erschienen sein werden. Sicher aber ist schon einmal, dass seine Erinnerungen zumindest für alle jene faszinierend sein dürften, die an Kohls Bild von sich selbst interessiert sind.
Und damit das möglichst viele werden, macht Kohl Werbung für sein Buch: in einem Fernsehspot für die "Bild"-Zeitung.
Helmut Kohl: "Erinnerungen 1930 - 1982". Verlag Droemer Knaur, 600 Seiten, 28 Euro; erscheint am 5. März
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