Berlin - "Mindestens jede dritte Frau auf der Erde macht einmal in ihrem Leben eine schlimme Gewalterfahrung", erklärte Barbara Lochbihler, die die neue ai-Kampagne "Hinsehen und Handeln!" am Donnerstag vorstellte. Gewalt gegen Frauen sei damit eine sehr weit verbreitete Menschenrechtsverletzung aber auch eine sehr versteckte. Mit der neuen internationalen Kampagne wolle Amnesty International die Arbeit der zahlreichen Frauenorganisationen unterstützen, die teilweise schon lange gegen diese Gewalt aktiv sind. Dass es sich hierbei nicht um ein feministisches Thema handele, betonte ai-Botschafter Roger Willemsen: "Es geht hier um humanitäre Emanzipation."
Über ihre ganz persönliche Gewalterfahrung sprach die mexikanische Menschenrechtlerin Judith Galarza. Um den Hals trägt sie an einer Kette das Photo einer jungen Frau. Das Schwarzweiß-Bild zeigt ihre Schwester, die vor 25 Jahren verschwunden ist. In Ciudad Juárez an der Grenze zu den USA ist das keine Seltenheit, denn in den letzten Jahren sind dort Hunderte von Frauen verschwunden oder ermordet worden. Über die Gründe und Täter weiß man wenig. "Die verantwortlichen Stellen zeigen aber auch kein Interesse daran, dass die Morde aufgeklärt werden", so Judith Galarza am Donnerstag. Um gegen diese Straflosigkeit vorzugehen, müsse auch international Druck auf die mexikanische Regierung ausgeübt werden, forderte Galarza: "Lassen sie uns nicht alleine!"
Auch Amnesty International will, dass die Politik sich stärker einmischt. Familiäre Gewalt müsse überall auf der Welt strafbar sein, so Barbara Lochbihler, denn sie sei ihn allen Teilen der Welt die häufigste Form von Gewalt gegen Frauen. "Beratungsstellen oder Frauenhäuser dürfen auch in Deutschland nicht abgebaut werden. Jedes einzelne Frauenhaus ist unverzichtbar", sagte Lochbihler. Die deutsche Außenpolitik forderte sie auf, auf andere Regierungen einzuwirken, um Rechtsstandards zum Schutz von Frauen international durchzusetzen. Außerdem müsse das Thema weiter publik gemacht werden. Zwar hätten die Vereinten Nationen schon vor einigen Jahren eine Resolution verabschiedet, die vor allem einen besseren Schutz von Frauen in Kriegszeiten und stärkere Beteiligung in Friedensprozessen fordert. Diese sei jedoch wenig bekannt und würde auf nationaler Ebene kaum umgesetzt: "Hier muss die Bundesregierung als derzeitiges Mitglied im Sicherheitsrat aktiv werden", forderte Lochbihler.
Die internationale Kampagne "Hinsehen und Handeln!" ist auf zwei Jahre angelegt. Während dieser Zeit will Amnesty International auf den verschiedensten Ebenen auf das Thema Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen - etwa durch Infostände oder Berichte zu konkreten Beispielen. Am 8. März ist Weltfrauentag.
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