Hamburg - "Deutschland steht noch vor weiterem schwierigen Wandel, wenn es seinen Wohlstand sichern möchte. Bundeskanzler Schröder hat mit der Agenda 2010 den richtigen historischen Schritt zurückgelegt. Wir müssen den Sozialstaat durch Umbau sichern, daran gibt es gar keinen Zweifel", sagte Köhler im Interview mit dem SPIEGEL.
"Deutschland ist schon arg in der Nabelschau. Ich sehe durchaus mit Sorge, dass da ein Stück Prosperität verloren geht, aber auch politische Bedeutung und Einfluss in der Welt, denn beides hängt auch von der Aufmerksamkeit und Offenheit ab, die unser Land der Welt schenkt."
Kurz vor seiner Nominierung hat der Finanzexperte vom möglichen Einzug ins Berliner Schloss Bellevue erfahren. Köhler: "Das hat sich erst in dieser Woche ergeben. Ich habe ja keineswegs geplant, als Bundespräsident zu kandidieren." Köhler war am Dienstag von einer Reise nach Japan, Korea und Brasilien zurückgekehrt. Obwohl er sich bereits mit seiner Vertragsverlängerung beim Internationalen Währungsfonds (IWF) befasst habe, sei ihm eine Ablehnung der Präsidentenkandidatur nicht in den Sinn gekommen. "Das ist eine Ehre, das ist eine Herausforderung, das lässt sich gar nicht ablehnen."
Einen politischen Machtwechsel verbindet Köhler mit seiner möglichen Wahl als Nachfolger von Bundespräsident Johannes Rau am 23. Mai seinen Äußerungen zufolge nicht. "Ich bin in die Kandidatenfindung nicht einbezogen gewesen und bin auch froh darüber. Ich sehe mich aber nicht als ein Instrument des Machtwechsels. Ich bin gefragt worden, ob ich mir das Amt zutraue, als die Oppositionsparteien offensichtlich große Schwierigkeiten bekamen, sich auf einen gemeinsamen Kandidaten zu einigen. Aber mich treibt nicht der Machtwechsel an", so der 61-Jährige.
In Gegenwart seiner Familie hat der Mann, der schon bald das höchste Amt im Staat bekleiden könnte, seine berufliche Zukunft bislang nicht thematisiert. "Wir haben das noch nicht gemeinsam in der Familie durchgesprochen." Nachholbedarf hat der Ex-IWF-Chef auch in einer anderen Angelegenheit: der Zeitungslektüre. Denn von dem parteipolitischen Gezerre um die Kandidatenkür vor seiner Nominierung hat Köhler nur wenig mitbekommen, da er die Berichte in den Zeitungen kaum verfolgt habe. Allerdings wolle er Versäumtes "natürlich nachholen".
Bis zur Präsidentenwahl will der mögliche Johannes Rau-Nachfolger vor allem die Sorgen und Ängste der Menschen im Land ergründen. "Ich habe noch zweieinhalb Monate Zeit und ich will zuhören, ich will mit den Leuten sprechen, um noch besser herauszufinden, wo sie der Schuh drückt. Dabei könnte es ein Vorteil sein, dass ich nicht aus dem politischen Establishment komme." Eine "Ruck-Rede" im Sinne Roman Herzogs sei nicht geplant. Köhler: "Keiner soll erwarten, dass ich irgendjemanden kopiere. Ich werde der Köhler bleiben, der ich bin."
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