Von Markus Deggerich
Berlin - Peter Struck nuckelte mürrisch im Flur an seiner Pfeife und wollte gar nichts sagen, obwohl viele gern Teil gehabt hätten an der Einschätzung des alten SPD-Hasen über den Sonderparteitag seiner Genossen. Friedrich Schorlemmer hingegen schlich sich eigens in das Pressenzentrum und wartete am Buffet darauf, dass ihn jemand nach seiner Meinung fragt. Als er nach drei Stück Kuchen immer noch alleine in die Gegend blickte, ergriff er selbst die Initiative und erklärte Journalisten seine Sicht der Dinge. Die drückten ihm Visitenkarten in die Hand und flohen.
Zwischen ratlosem Schweigen und plappernden Weisheiten verlief der SPD-Sonderparteitag, der die gebeutelte Partei aufrichten sollte und als einer der langweiligsten in die Geschichte eingehen wird. Die Ergebnisse standen fest, die Reden der Helden von Gerhard Schröder (tragisch) über Franz Müntefering (bemüht) bis zu Klaus Uwe Benneter (abgelesen) kannte man bereits von anderen Gelegenheiten. Die Aussprachen zu den Beiträgen dienten den Claqueren dazu, die mäßigen Reden als "bewegend" (Hans-Jochen Vogel), "mitreißend" (Kurt Beck) oder "hervorragend" (Andrea Nahles) hochzujazzen. Die SPD beschwört sich selbst.
Die beiden Neuen, die nun als Vorsitzender und Generalsekretär die alte Tante SPD frisch in die ungewisse Zukunft führen sollen, taten sich beim Schaulaufen vor den Delegierten schwer. Den einen, Müntefering, kennt zwar jeder, aber er musste vermutlich erstmals länger als 20 Minuten reden und offenbarte dabei, was er jedem in der Partei empfiehlt: "Wir haben alle Nachholbedarf." In seiner neuen Funktion reichen Hauptsätze allein nicht mehr. Die SPD liebt ihren Franz für Aussagen wie "Opposition ist Mist. Lasst das die anderen machen." Aber wenn er ausholte, die Globalisierung zu erläutern und in großen Linien zu denken, wurde es recht ruhig im Saal.
"Nicht in die Büsche schlagen"
Mit einem Friedensangebot an die Gewerkschaften ("Wir sind keine Gewerkschaftspartei, und Ihr seid keine Parteiengewerkschaft"), dem Bemühen, die Partei wieder zu befrieden ("Manche werden versuchen, Gräben zu schlagen zwischen uns - das wird nicht gelingen") und vor allem dem Ziel, die Politik der SPD wieder besser zu erklären ("Was dann entschieden ist, muss man auch geschlossen und entschlossen vertreten. Es darf sich niemand in die populistischen Büsche schlagen") machte er klar, dass es viel zu tun gibt für ihn - nach innen. Erst trug er die Gescheiterten vom Platz - Olaf Scholz bekam Blumen und den Hinweis, dass er ja noch jung sei, da werde sich noch was finden - dann führte er das gemeinsame Singen wieder ein: "Mit uns zieht die neue Zeit."
Müntefering ist gesetzt in der Partei und ihr letzter Hoffnungsträger: Mit 95,11 Prozent wählten sie ihn an die Spitze, das grenzt an Willy-Brandt-Ergebnisse. Denn die Zeiten, in denen der SPD-Vorsitzende noch mit mehr als 99 Prozent der Delegiertenstimmen gewählt wurde, sind eigentlich längst vorbei. In den vierziger Jahren gelang das Kunststück dem ersten Parteichef nach dem Krieg, Kurt Schumacher, gleich drei Mal in Folge. 1948 erzielte er in Düsseldorf das Rekordergebnis von 99,71 Prozent. Nach Schumacher wurde die 99er-Marke nur noch einmal durchbrochen. Willy Brandt kam 1966 bei seiner zweiten Wiederwahl auf 99,36 Prozent. Schröder überwand bei seinen vier Wahlen zum SPD-Chef nicht einmal mehr die 90 Prozent-Latte. Daran gemessen geht Müntefering mit einem Ergebnis ins Rennen, das in der SPD 2004 gleichermaßen Ausdruck der Hoffnung und Verzweiflung ist.
Wie nahe diese Gemütszustände beieinander liegen, demonstrierte dann die zweite wichtige Personalie. Gemessen an dem Graubrot, dass dann folgte, war Münteferings Krönung schon fast messianisch. Lange hatte Klaus Uwe Benneter sich öffentlich zurückgehalten, seitdem bekannt geworden war, dass er Olaf Scholz als Generalsekretär ablösen soll. Der Parteitag sollte das Forum sein, auf dem er sich den Genossen präsentiert, von denen sich viele zuvor gefragt hatten, Uwe Wer? Seine Bewerbungs- und Antrittsrede las der künftige Chef der Abteilungen Attacke und Kommunikation monoton vom Blatt ab, ohne Feuer, ohne Regung, ohne Leidenschaft. Er bekam kaum Zwischenapplaus, Delegierte wechselten kopfschüttelnd Blicke, auf dem Podium mit der SPD-Prominenz wuchs die Panik. Im Landesverband NRW witzelte ein Delegierter: "Der hatte so lange nichts gesagt, weil ihm sowieso keiner zuhört".
"Bei uns ist alles möglich"
SPD-Bundestagsabgeordneten schwante schon vorher Böses. Es gab nur einen öffentlichen Auftritt Benneters nach seiner Nominierung und vor seiner Wahl im Bundestag, eine Rede, die führende Fraktionskollegen als "katastrophal" bezeichnet hatten. Benneters Antrittsrede in Berlin löste bei einigen Sehnsucht, und das sagt viel, nach dem abgelösten "Scholzomaten" aus. Aber er ist der Kandidat Münteferings. Und deshalb folgt die Partei.
Sie schickte den Mann, der demnächst jeden Tag in der ersten Reihe rhetorische Fähigkeiten und kommunikative Talente ausleben muss, mit ordentlichen 78,74 Prozent in das Rennen um den Wiederaufstieg. "Beim nächsten Parteitag habt ihr dann die Möglichkeit, mich auch nach meiner Arbeit zu beurteilen", sagte Benneter realistisch nach der Wahl. Das werden sie tun. Spätestens. Denn wie sagte Müntefering zur Begrüßung neuer Mitglieder: "Wundert euch über nichts, bei uns ist alles möglich".
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