Berlin - Es könne für die Bevölkerung insgesamt kein Tabu sein, darüber nachzudenken, was geschehen muss, um dem Land zu helfen. Köhler fügte hinzu: "Ich bin fest überzeugt davon, die meisten Deutschen wissen, wie notwendig es ist, manchmal mehr zu arbeiten, wenn die Umstände es verlangen."
Er habe früher öfter die Wohnung geweißt und tapeziert, sagte Köhler der "Welt am Sonntag". "Da habe ich auch nicht gesagt, ich höre um 18 Uhr auf, wenn ich am Montag wieder in meinem Institut in der Universität sein musste. Ich wollte bis dahin fertig sein, dann habe ich eben länger gearbeitet. Das ist doch eine blanke Selbstverständlichkeit."
Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber sieht nach der Kündigung des Tarifvertrages durch die Länder massive Arbeitszeitverlängerungen. Der "Bild am Sonntag" sagte Stoiber, er gehe davon aus, "dass die Länder in ihrem öffentlichen Dienst noch in diesem Jahr für alle neu eingestellten Angestellten und Arbeiter eine wöchentliche Arbeitszeit in der Bandbreite von etwa 40 bis zu 42 Stunden einführen werden". Auch sei jede Beförderung künftig mit der Bereitschaft für eine Arbeitszeit von 40 bis 42 Stunden verbunden.
Der CSU-Chef ist davon überzeugt, dass der öffentliche Dienst mit längeren Arbeitszeiten Vorreiter für andere Wirtschaftsbereiche sein werde. Stoiber betonte: "Wenn schon der öffentliche Dienst auf eine Wochenarbeitszeit von bis zu 42 Stunden kommt, wird dies auch für die anderen Wirtschaftszweige nicht ohne Auswirkung bleiben." Gleichzeitig forderte er die Wirtschaft auf, Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten.
Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, ist davon überzeugt, dass längere Arbeitszeiten im öffentlichen Dienst nicht nur mehr Service für den Bürger, sondern auch zusätzliche Spielräume für Steuersenkungen bedeuten, sagte er der "Welt am Sonntag". Dadurch gewinne der Standort Deutschland an Attraktivität. So würden zwei Stunden Mehrarbeit pro Woche die Betriebe wettbewerbsfähiger machen und zusätzliche Chancen auf den Weltmärkten eröffnen.
Der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Frank Bsirske, sieht das erwartungsgemäß völlig anders und wirft den Ländern vor, sie würden die Tarifabsprachen des letzten Jahres brechen. Das werde seine Gewerkschaft nicht hinnehmen. Bundesinnenminister Otto Schily bedauerte das Vorgehen der Länder. Er sehe keinen Grund für eine Kündigung von Tarifverträgen oder Teilen davon. Auch die Gemeinden haben bisher nicht gekündigt.
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