Rafah - Die Demonstranten flohen in Panik. Einige schleiften auf der Flucht blutüberströmte Verletzte mit sich. Der Demonstrationszug hatte sich auf das Viertel Tel Sultan in Rafah zubewegt, in dem die Armee in einem Großeinsatz nach Extremisten und Tunneln zum Schmuggel von Waffen aus dem benachbarten Ägypten sucht.
Als die Demonstranten noch etwa einen Kilometer vom Eingang des Lagers entfernt waren, wurden nach Berichten palästinensischer Augenzeugen vier Raketen und vier Panzergranaten abgefeuert. Außerdem war Maschinengewehrfeuer zu hören.
Die israelische Brigadegeneralin Ruth Jaron sagte im Fernsehen, unter den Demonstranten seien auch bewaffnete Männer gewesen. Die Soldaten hätten zunächst Warnschüsse abgegeben, um die Menge auf ihrem Weg zum Flüchtlingslager zu stoppen.
Zunächst hatte es geheißen, israelische Kampfhubschrauber hätten mit Raketen in die Menge geschossen. Die Armee bestritt dies. Es seien nur einige Leuchtkörper und eine Rakete abgeschossen worden - jedoch nur auf offenem Gelände.
Unter insgesamt 23 Toten seien auch Frauen und Kinder, berichtete die israelische Zeitung "Jedioth Ahronoth" auf ihrer Internetseite. Ärzte bestätigten die Zahl von 50 Verletzten, sprachen jedoch von zehn Toten. Die Zahl könne wegen des kritischen Zustands der Schwerverletzten noch steigen, sagte der Direktor des Hospitals von Rafah, Ali Mussah.
Die Zeitung "Haaretz" berichtete auf ihrer Webseite von 23 Leichen. "Es war fürchterlich", erzählte ein 35-jähriger palästinensischer Augenzeuge, dem sich nach dem Angriff ein Bild des Grauens bot. "Da war einer, dem hingen die Gedärme heraus. Ein anderer war derart Blut überströmt, dass man nicht einmal mehr seine Gesichtszüge erkennen konnte", schilderte der Mann seine Eindrücke.
Nach dem Angriff strömten zahlreiche Bewohner des Palästinenser-Lagers ins Zentral-Krankenhaus von Rafah, um sich über das Schicksal von Angehörigen zu erkundigen.
Der palästinensische Außenminister Nabil Schaath sprach von einem "terroristischen Massaker und einem terroristischen Kriegsverbrechen".
Aufnahmen der Fernsehnachrichtenagentur APTN zeigten eine gewaltige Explosion in der Mitte einer Demonstration. Danach bargen Sanitäter Verwundete. Zur gleichen Zeit befanden sich Hubschrauber und Panzer in der Umgebung. Die Demonstration richtete sich gegen die anhaltende Militäroffensive im Flüchtlingslager von Rafah, bei der gestern und heute 24 Menschen getötet worden waren.
Im Krankenhaus von Rafah sprachen Ärzte von einer verzweifelten Lage. Sie baten um Blutspenden und forderten Hilfe bei der Behandlung der Verletzten. "Wir werden mit der Situation nicht fertig", sagte Sprecher Moawija Hassanain. Die Zahl der Toten könne noch steigen, weil zahlreiche Leichenteile noch nicht identifiziert seien. Treppen und Flure des Krankenhauses waren blutüberströmt. Ein Sprecher der Organisation Ärzte für Menschenrechte warf den israelischen Streitkräften vor, die Zufahrt von Krankenwagen aus Chan Junis nach Rafah zu blockieren.
Die Gefechte konzentrierten sich weiter auf das Viertel Tel Sultan, in dem rund 25.000 Menschen leben. Die Soldaten umstellten das Areal und riefen alle Männer zum Aufgeben auf. Rund 2000 Männer kamen nach Militär- und Augenzeugenberichten mit weißen Fahnen aus ihren Häusern. Israelische Soldaten hätten zwei sich ergebende Jugendliche beschossen und einen von ihnen getötet, berichteten Palästinenser. Eine Armeesprecherin sagte hingegen, in den Häusern verschanzte palästinensische Extremisten hätten auf die sich versammelnden Männer geschossen und zwei verletzt.
Auch im Westjordanland rückten heute israelische Truppen vor. In einem Flüchtlingslager nahe der Stadt Dschenin wurde nach Berichten des israelischen Rundfunks ein örtlicher Anführer der Aksa-Brigaden getötet. In Nablus erschossen israelische Soldaten ein Aksa-Mitglied bei einem Feuergefecht.
In Jerusalem wird erwartet, dass Ministerpräsident Ariel Scharon schon am Sonntag seinem Kabinett einen leicht abgeänderten Plan für einen Rückzug aus dem Gaza-Streifen vorlegen wird. Nach Informationen aus Regierungskreisen will Scharon den Abzug in drei Schritten gestalten, wobei das Kabinett in jeder Phase neu mitentscheiden könnte. Außerdem will sich Israel demnach um eine internationale Truppe zur Sicherung der Grenze des Gaza-Streifens zu Ägypten bemühen.
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