Von Karin Geil
Hellersdorf, Donnerstagmorgen um halb zehn. Der Wind rauscht durch die vielen üppigen grünen Bäume zwischen den Plattenbauten. Stille liegt über der Straße, nur vereinzelt brummt ein Auto vorbei. Ältere Damen mit Einkaufstüten schlendern vorüber und so mancher Herr in Jogginghose und Schlappen führt seinen Hund Gassi.
Fast jeder Balkon ist geschmückt mit bunter Blütenpracht, vor allem Geranien und Margeriten, selbst Gartenzwerge sind auf den wenigen Quadratmetern Freiluft zu finden. Alle zehn Meter steht ein Mülleimer, die Hecken präsentieren sich sauber gestutzt und die Fahrräder von Groß und Klein sind brav an den dafür vorgesehenen Stangen angeschlossen. Ein kleinbürgerliches Platten-Idyll par excellence.
Will man hierher ziehen, wenn man aus Ostfriesland, aus Stuttgart oder Hannover zum Studieren nach Berlin kommt? Will man hier nicht so schnell als möglich weg, sobald man das erste Geld verdient und das 18. Lebensjahr überschritten hat? Ist Hellersdorf ein Kiez mit Zukunft oder geht er langsam siechend zugrunde an Leerstand und Vergreisung?
Wenn es nach Olaf Dietze und der Wohnungsgesellschaft Stadt und Land geht, dann muss dies verhindert werden. Mit Sonder- und Dumping-Aktionen versucht die Firma, neue und vor allem junge Mieter in die leer stehenden Wohnungen in den Plattenbauten zu locken. "Hellersdorf ist keine Insel der Seligen", sagt Dietze. "Wie in ganz Berlin gibt es auch hier viel Leerstand und da müssen wir aufpassen und gegensteuern."
50 Euro Miete gegen die Vergreisung
Abriss ist die radikalste Methode - in den kommenden Jahren sollen etwa 5000 Plattenbauwohnungen dem Erdboden gleichgemacht werden. Stadt und Land sowie vier weitere Wohnungsgesellschaften setzen aber auch auf Sanierung und Modernisierung, in die sie in diesem Jahr rund 35 Millionen Euro investieren wollen. "Das ist in Berlin Spitze", jubelt Dietze.
Doch neu geflieste Bäder und Küchen, frisch gestrichene Flure, schmucke Balkons und bunte Fassaden nützen herzlich wenig, wenn die Mieter ausbleiben. Schon jetzt hat die große Flucht vor allem von jungen Familien ins Berliner Umland begonnen, in den nächsten 18 Jahren wird Marzahn-Hellersdorf schätzungsweise sieben Prozent seiner Einwohner verlieren.
Gegenmittel gegen die zunehmende Verödung und Vergreisung sind Aktionen wie die BAFöG-Variante HAFöG, mit denen Stadt und Land nun die Werbetrommel rührt. Eine Einzimmerwohnung für 50 Euro Kaltmiete - mit diesem Schlachtruf will man Azubis und Studenten in den Plattenbau locken.
Caroline Alt und Ronny Lachmann*, beide 20, sind dem Ruf gefolgt und sitzen nun in ihrer Zweizimmerwohnung im so genannten Gelben Viertel, direkt an der U-Bahn-Station Neue Grottkauer Straße. Stolz präsentieren sie ihr kleines Reich, ihre große Couch und den mit Kuscheltieren voll gestopften Wohnzimmerschrank mit Glasvitrine. Die Küchenschränke aus der DDR-Zeit überzieht eine bräunliche Kunststoffmaserung, im Flur eine schwarz lackierte Kommode mit geklöppelter Spitzendecke. Nichts lassen sie auf ihren Kiez kommen, beide sind in der Platte aufgewachsen und sprechen von "Heimatverbundenheit". Hier gebe es doch alles, was man braucht, es sei grün und ruhig und sauber und alle hier seien noch so vernünftig. "Naja, hier muss ich keine Angst haben, dass ich nachts welche auf die Zwölf bekomme", erklärt Ronny.
Alter Altbau und kein Fladenbrot
Anonymität? Die gebe es hier nicht. Es sei denn, man will das und redet mit niemandem, "dann ist es sicherlich anonym". Ein kleiner Plausch im Hausflur sei aber immer drin.
Ihnen gefalle der Neubau, "ist doch hübsch". Für Altbauwohnungen dagegen können sie sich nur schwerlich begeistern. Ronny, leicht unwirsch: "Ich war in Prenzlauer Berg mal in einer drin. Nee, lass mal, die sind irgendwie so alt und so voluminös. Das gefällt mir einfach nicht."
Caroline fährt jeden Tag eineinhalb Stunden nach Lichtenrade zu ihrer Ausbildungsstelle - ein Umzug in die Nähe davon kommt aber nicht in Frage. Ein Leben ohne Platte können sie sich nicht vorstellen, da würde irgendetwas fehlen - was genau, können sie nicht erklären, "ist halt einfach so ein Gefühl", meint Caroline. "Und dann muss ich ja wieder rauskriegen, wie die Busse und Bahnen fahren und wo ich einkaufen kann" - scheinbar schier unüberwindliche Hindernisse.
Susanne Olsen* hat da ganz andere Probleme: In Hellersdorf gebe es kein Fladenbrot - "und das ist echt beschissen". Olsen ist Studentin an der Viadrina in Frankfurt an der Oder und wohnt seit gut einem Jahr in Hellersdorf in einer Zweier-WG. Eine WG in der Platte - für sie selbst und ihr Umfeld vorher schlichtweg undenkbar.
"Die haben uns alle für bescheuert erklärt. Naja, wir waren ja anfangs auch alles andere als begeistert", erzählt Olsen. Doch jetzt zieht sie eine überraschende Bilanz: "Ist zwar alles typisch deutsch und spießig hier, aber im Grunde auch ganz nett und vor allem ruhig."
Sie komme hierher zum Schlafen und Lernen, ihr Leben fände aber woanders statt. "Das ist einfach nicht meine Welt", sagt sie, lächelt und breitet die Arme aus. Somit sei es auch nicht mehr so beengt und deprimierend wie früher, als sie in einer Rostocker Großsiedlung - "Ghetto" nennt sie die - aufwächst. Aber was macht das Wohnen in Hellersdorf für sie aus? "Die billige Miete, für mich eine enorme finanzielle Entlastung, und die Ruhe, die ich doch schätzen gelernt habe."
Kleinbürgerparadies inmitten Betonburgen
Grün, ruhig, sauber und ordentlich - das sind Eigenschaften, die Außenstehende wohl nicht gerade Hellersdorf zuschreiben würden. Für die Plattenmieter selbst aber sind dies die unschlagbaren Vorteile der Großsiedlung.
Zwischen 1980 und 1990 hatten die DDR-Oberen hier in einem "atemberaubenden Tempo eine ganze Großstadt" (Dietze) hochgezogen - 42.000 Wohnungen für mehr als 110.000 Menschen. Alles liegt da wie mit dem Lineal gezogen. Straßen, Wohnblocks und Hinterhöfe, alles per Dekret auf dem Reißbrett entstanden und auch genau so gebaut. Noch heute mutet die penible Ordnung und Sauberkeit im Quartier fast militärisch an - das Chaos des wilden Kapitalismus bleibt immer noch ausgesperrt.
Der Hellersdorfer preist zudem die gute soziale Durchmischung und den geringen Ausländeranteil, der hier bei drei Prozent liegt. Die Russlanddeutschen leben über die ganze Siedlung verteilt, größere Gruppen gibt es eher im Marzahner Teil des Plattenbezirks. Hier trifft man auch auf Häuser mit vornehmlich vietnamesischer Mietergemeinde, ehemals sozialistische Gastarbeiter und ihre Nachkommen.
Türken, Libanesen oder Marokkaner gibt es hier kaum. Sie zieht es eher nach Kreuzberg, Neukölln oder Schöneberg in die Nähe bereits bestehender Familienbanden. Horrormeldungen von vermehrten Nazi-Übergriffen in Marzahn-Hellersdorf schreckten sie außerdem.
Eindeutige Verslumungstendenzen
Horst Kaufmann, Rentner und seit 16 Jahren in Hellersdorf, wohnt gern im zentralen Grabenviertel, das demnächst komplett saniert werden soll: 230 Wohnungen bekommen einen neuen Grundriss, zwölf Aufzüge und 360 Balkone werden nachgerüstet, drei Sonnendecks soll es demnächst geben. Kaufmann freut sich darauf: "Wird ja langsam auch Zeit!"
Freimütig erzählt er von seiner Nachbarschaft. So zum Beispiel von einer Familie, in der nun auch die Frau arbeitslos geworden sei. "War vorher Sekretärin und nu'?", fragt der 76-Jährige etwas ratlos.
Laut Angaben des Statistischen Landesamts vom Juni 2004 beherbergt Marzahn-Hellersdorf die meisten Erwerbstätigen in ganz Berlin: 46 Prozent haben hier ein eigenes Einkommen. Horst Kaufmann kennt allerdings auch eine andere Realität: Die sozial Schwachen, die Leute ohne Arbeit und ohne Perspektive wie jene Familie würden immer mehr in seinem Viertel.
"Immer wieder gibt es auch Ärger und Streit. Ist aber auch kein Wunder...", er hält inne und setzt eine imaginäre Flasche an seinen Mund. Der aktuelle Sozialstrukturatlas mit seinen neuesten Zahlen bestätigt diese Beobachtungen: Dort liest man von deutlichen Verslumungstendenzen und neuen Problemkiezen, das Hellersdorfer Kleinbürgerparadies könnte also bald der Vergangenheit angehören.
Zauberwort "KiTa-Bonus"
Studenten und Azubis sind nicht die einzige und wohl auch nicht die wichtigste Zielgruppe, an die Stadt und Land die ehemals sozialistischen Idealwohnungen vermieten will. Junge und zahlungskräftige Familien sind die bevorzugten Wunschkandidaten, um das Viertel vor dem Ausbluten zu retten. Auch für diese Klientel ließen sich die findigen Marketing-Strategen von Stadt und Land etwa einfallen: Das Zauberwort heißt diesmal "KiTa-Bonus".
Familie Giebeln entspricht genau dieser neuen Zielgruppe. Vater und Mutter erwerbstätig, Söhnchen Torres ein aufgewecktes Kerlchen, auch Kater Kati darf nicht fehlen - das soll die Zukunft von Hellersdorf sein.
Im Gegensatz zu Susanne Olsen und Caroline Alt mit ihren teilsanierten HAFöG-Wohnungen lebt Dayana Giebeln, 26, mit Mann und Kind in einem komplett modernisierten Vier-Zimmer-Appartment. Bad und Küche, Balkon, die Wärmedämmung und die haustechnischen Anlagen sind alle auf dem neuesten Stand. "Auch ich hatte erst so manches Vorurteil", gesteht die junge Mutter. "Aber man darf nicht alles über einen Kamm scheren, alles hat seine guten und seine schlechten Seiten."
Anfang Juni ist die Kleinfamilie von Pankow hierher gezogen und kam gleich in den Genuss des KiTa-Bonus: Stadt und Land übernehmen für ein halbes Jahr die KiTa-Gebühren, jeden Monat also rund 45 Euro für die Ganztagsbetreuung. "Da konnten wir nicht Nein sagen, und der neue Kindergarten ist einfach super", schwärmt Mutter Giebeln. Beim Einzug sei das Namensschild schon an der Tür gewesen, sofort hätten sie sich zu Hause gefühlt.
In die Stadt, etwa nach Mitte, Friedrichshain oder Kreuzberg - für viele Neu-Berliner Dreh- und Angelpunkt ihres Hauptstadtlebens und bevorzugtes Wohnviertel - zieht es sie so wenig wie die anderen Plattenmieter: "Ach, Gott, bloß nicht. Da ist es laut und nicht so grün und dann jeden Abend die Suche nach einem Parkplatz. Hier steht das Auto doch gleich vor der Tür."
*Name von der Redaktion geändert
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