Leipzig - Die Amerikaner würden den Tag wahrscheinlich "Super Monday" taufen. In der legendären Nikolaikirche findet das erste Friedensgebet nach der Sommerpause statt. Zum ersten Mal seit 1989 ist der Landesbischof dabei. Und auf der Montagsdemo redet zum ersten Mal ein echter Promi.
Nach der frühen Führung Magdeburgs bei den Anti-Hartz-Demos hat Leipzig inzwischen seinen angestammten Ruf als Deutschlands Protesthauptstadt wiederhergestellt. Zwar gehen auch in Wismar, Rostock, Berlin, Weimar, Neuruppin und Magdeburg die Menschen auf die Straße. Doch nirgendwo ist die Symbolik schöner als in Leipzig.
Gerade rechtzeitig für den heißen Herbst ist die Renovierung der Nikolaikirche, Brutstätte der DDR-Bürgerrechtsbewegung, abgeschlossen. Blassgrün und blassrosa schimmern die erhabenen Säulen. Die prachtvolle Orgel ist noch nicht betriebsbereit. Pfarrer Christian Führer steht vor dem Portal und gibt Interviews. "Die Friedensgebete sind besonders gut besucht, wenn die Menschen Ängste und Sorgen haben", sagt er. Und setzt hinzu, dass Oskar Lafontaine auf dem "Podium des Volkes" nichts zu suchen habe.
Sonderfriedensgebet und steile biblische Vergleiche
Dabei setzt der Pfarrer sich selbst mindestens genauso offensiv in Szene. Er begrüßt die Gäste aus Berlin, München und dem Ausland zum "Sonderfriedensgebet für Gerechtigkeit", bevor er zum Rundumschlag gegen die "real existierende Demokratie" ausholt. "Wir alle wissen, dass die Demokratie an den Fabriktoren endet", ruft er in die Reihen und erntet heftigen Applaus. Der Landesbischof Jochen Pohl benutzt das Jesus-Gleichnis vom Senfkorn, um die Bundesregierung in die Nähe der römischen Besatzer im alten Palästina zu rücken.
Der Boden ist also bereitet für den Polemiker von der Saar. Wo die Pfarrer aufhören, macht Lafontaine zwei Stunden später nahtlos weiter. Der Starredner des Abends zieht an der Spitze des Demozugs von der Nikolaikirche zum Augustusplatz. Dabei fliegt ein Ei in seine Richtung. Es trifft nicht, und es bleibt die Ausnahme. Im Vorfeld war darüber spekuliert worden, wie der Saarländer im Osten aufgenommen werden würde, hatte er sich doch 1990 als prominentester Kritiker gegen die schnelle Wiedervereinigung ausgesprochen. Doch auch bei der Abschlusskundgebung bleibt es bei vereinzelten Rufen "Hau ab" und "Lafontaine nach Hause". Es dauert nicht lang, bis der ganze Platz applaudiert.
20.000 Demonstranten umranden das große Wasserbecken auf dem Augustusplatz. Es dürfte das erste Mal seit Jahren sein, dass der ehemalige SPD-Chef und Kanzlerkandidat zu einer so großen Menge redet. Wer in der SPD insgeheim gehofft hatte, der Abtrünnige werde bei dieser Gelegenheit endlich auf Parteilinie einschwenken oder sich zumindest zurückhalten, wird enttäuscht. Lafontaine genießt es sichtlich, die Regierungspolitik nach allen Regeln der Rhetorik auseinander zu nehmen. Am Ende schreit die Menge "Schröder muss weg" und "Wir sind das Volk".
"Endlich übernimmt mal einer das Kommando"
"Spitzenmäßiger Redner", schwärmt Wilfried Holzmüller, eingetragenes SPD-Mitglied aus Thüringen. "Endlich übernimmt mal einer das Kommando", sagt ein anderer Zuhörer. Die übrigen Redner seien doch alles nur "Spaßmacher".
Voller Inbrunst, so als habe er zu lange an sich halten müssen, schreit Lafontaine sein Glaubensbekenntnis in die Mikros. Es ist kein neuer Gedanke dabei, aber es ist genau das, was das Publikum hören will. Im Zusammenhang mit der Agenda 2010 spricht er von Raub, Lüge und Betrug. Er verhöhnt die Begriffe Eigenverantwortung ("verdammt nah an Egoismus"), Flexibilisierung und Arbeitsmarkt. "Das Wort Arbeitsmarkt mag ich nicht. Markt und Menschen vertragen sich nicht". Plumpe Kapitalismuskritik Marke DDR - die Menschen sind begeistert. So hat schon lang keiner mehr zu ihnen geredet - und neben Lafontaine nimmt sich ein Gregor Gysi plötzlich wie ein Großmeister der Differenzierung aus.
Lafontaine arbeitet die Themen der "Reformer in den Talkrunden" ab, eins nach dem anderen. Dass der Sozialstaat unbezahlbar sei. Falsch. Deutschland nicht wettbewerbsfähig. Was für eine Lüge. Arbeitszeiten zu kurz. Hirnrissig. Hartz IV. Unverschämt. "Wenn man Opfer fordert, dann doch zuerst bei denen, die es dicke haben", ruft er.
Der Robin Hood aus dem Westen fordert von seinem Publikum Klassensolidarität. Sie sollten sich bloß nicht durch Ost-West-Diskussionen ablenken lassen. "Der Arbeitslose im Osten ist der Bruder des Arbeitslosen im Westen", beschwört er. "Die wirkliche Trennung verläuft zwischen Arm und Reich".
Bevor er geht, spricht Lafontaine den Demonstranten noch Mut zu. "Sie haben ja bereits Erfolge", sagt er. "Die Politiker haben den Auszahlungstermin bei Hartz IV verändert. Sie haben die Freibeträge für Kinder verbessert. Jetzt debattieren sie über den Mindestlohn".
Am Ende mixt Lafontaine auch noch einen Schuss Willy Brandt in seinen explosiven Cocktail. "Wir brauchen uns nicht zu verstecken", ruft er. "Lasst uns mehr soziale Demokratie wagen. Die Interessen des Volkes dominieren, nicht die einer Minderheit". Wie auf Kommando beginnt der Sprechchor: "Wir sind das Volk".
Die Menschen drängen nach vorn, auf die Stufen des Opernhauses. Lafontaine gibt Autogramme. Er wird fast erdrückt. "Kein Durchkommen", sagt eine Frau enttäuscht. "Ist ja wie auf dem Arbeitsamt hier".
Carsten Volkery
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH