Von Carsten Volkery
Hans-Olaf Henkel: Chefankläger Deutschlands
Berlin - Zu Beginn macht der Mann von Droemer und Knaur einen kleinen Witz. Der frühe Termin von neun Uhr sei angesichts des Themas auch symbolisch zu verstehen. Hans-Olaf Henkel lacht nicht. Das sei ja mal wieder typisch deutsch, neun Uhr als besondere Härte darzustellen, knurrt er.
Sein Krawattenknoten sitzt perfekt - wie es sich gehört für den Chefankläger der "Schlamperrepublik". So lautet Henkels neuestes Schimpfwort für Deutschland, lanciert vergangene Woche in der "Bild". Wie üblich druckte die Zeitung exklusiv Auszüge aus dem neuen Buch von "Deutschlands klügstem Manager". Henkel ist gleichzeitig auch "Bild"-Kolumnist.
Die Schlamperrepublik. Erstaunlicherweise findet sich das bestseller-verdächtige Wort nicht auf dem Umschlag des Buches. Stattdessen steht da dröge "Die Kraft des Neubeginns". Henkel wollte wohl nicht mit der Tradition brechen: Die ersten beiden Bände seiner Trilogie hießen "Die Macht der Freiheit" und "Die Ethik des Erfolgs". Bestseller geworden sind sie trotzdem, wie der Autor bei der Buchvorstellung in Berlin stolz anmerkt.
Dass Deutschland verkommt, hat der frühere Präsident des Bundes der Industrie (BDI) schon oft gesagt. Graffiti, zerschlagene Telefonzellen, Glasscherben auf der Straße gehören zu den täglichen Ärgernissen, wenn er seine Dachwohnung in Berlin-Mitte verlässt. Wenn er sich die Wirtschaftsstatistiken anguckt, das gleiche Bild: Verfall, Abstieg, Dekadenz.
Nicht umsonst steht Henkel im Ruf, das Land schlecht zu reden. Er war einer derjenigen, die irgendwann in grauer Vorzeit die Standortdebatte angezettelt haben, die das Land bis heute beschäftigt. Auch im neuen Buch klagt er, dass Deutschland die ältesten Studenten und die jüngsten Rentner habe. Aber über Reformen, sagt er, will er nicht mehr reden. Hat er genug gemacht. Und inzwischen seien die meisten Sachen, die er vor zehn Jahren gefordert habe, längst akzeptierte rotgrüne Politik. "Das Gerede über Reformen", sagt Henkel, "hängt mir zum Hals raus. Kreuzweise".
Sein neues Steckenpferd ist etwas Fundamentaleres. Das mag auch seiner neuen Position als Präsident der Leibniz-Gemeinschaft geschuldet sein, einer angesehenen Wissenschafts-Stiftung. Jetzt, sagt Henkel, gehe es um die Reformfähigkeit. Statt bloß Symptome wie zu hohe Steuern, zu hohe Arbeitslosigkeit oder zu hohe Krankenkassenbeiträge zu kurieren, müssten die Ursachen der "Unbeweglichkeit" thematisiert werden.
Und die liegen weit zurück. Die Hauptbremse der Gesellschaft sei die "Erbsünde", die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg und am Holocaust, die tief in deutschen Gehirnen und Institutionen verankert sei, schreibt er in dem neuen Buch und fordert Änderungen des Grundgesetzes.
Mit dem Ausflug in die Geschichte geriet der Manager noch vor der Veröffentlichung des Buches am vergangenen Donnerstag ins Visier des "Stern". Unter der Schlagzeile "Verdrängen für den Standort" druckte das Magazin einen saftigen Verriss. Vorgeworfen wird Henkel, die deutsche Geschichte umdeuten zu wollen. "Wer Henkels Buch liest, trifft auf unzählige deutsche Opfer", schreibt der Rezensent.
Das liegt daran, dass Henkel ausführlich aus den Briefen seiner Eltern zitiert, die er auf dem Dachboden gefunden hat. Der Briefwechsel zwischen dem Vater an der Front und der Mutter, die ausgebombt mit drei Kindern, darunter Hans-Olaf, durch die Ruinen Hamburgs irrt, dient als Einstieg in den Reformaufruf. Die Trümmerfrauen hätten damals auch in die Hände gespuckt, statt die Hände aufzuhalten, kritisiert Henkel mit Hinweis auf Ostdeutschland.
Der Rezensent meint, der "Tunnelblick" auf die deutschen Opfer sei verständlich, solange Henkel sich an seine Familie erinnere. "Aber wenn er um das Schicksal des Vaters herum eine Geschichte Deutschlands strickt, dann gehört Auschwitz dazu, dann kann er die Einzigartigkeit der Judenvernichtung nicht als 'Glaubensartikel des modernen Deutschland' abtun". Alles in allem sei es "ein missglückter Ausflug des Ökonomen in die Geschichte".
Henkel hatte dem "Stern" auch ein Interview gegeben - und dann seine Rechtsanwälte damit beauftragt, den Abdruck zu verhindern. Nie zuvor habe er ein Interview zurückgezogen, sagt der sichtlich erregte Manager am Rande der Buchvorstellung in Berlin, aber die Absicht des Interviewers sei klar gewesen: ihn unter Generalverdacht zu stellen. Als "klassische Achtundsechziger-Reaktion" wertet Henkel den Verriss. In einer Replik in der "Welt am Sonntag" beklagt er sich dann darüber, "in die rechte Ecke gestellt" worden zu sein. Er habe nur "als Zeitzeuge" den Lesern von seinen Erfahrungen berichten wollen.
Doch Henkel ist Opfer seiner eigenen Unklarheit. Sein Buch ist ein Sammelsurium aus persönlichen Anekdoten, Amerika-Elogien, Meinungen zum politischen Geschehen und unsachlichen Ausfällen gegen seine Intimfeinde Gerhard Schröder, Joschka Fischer, Jürgen Trittin und die anderen rotgrünen "Ideologen". Es ist kein geschlossenes Gedankengebäude und lässt daher viel Raum zur Interpretation.
Manche Passagen muss man nicht mal interpretieren. "Wodurch entsteht Wettbewerbsfähigkeit?", fragt Henkel an einer Stelle und antwortet: "Alles beiseite räumen, was sich aufgetürmt hat und jeden Neuanfang behindert. Für mich gehört dazu auch das Festhalten an der 'Erbsünde', die ewige Wiederholung einer Schuld, die den Menschen ihren Mut nimmt und ihnen nur ein schlechtes Gewissen einredet".
Dass solche Sprüche nicht unkommentiert bleiben, hätte Henkel wissen müssen. Seine Dünnhäutigkeit kommt auch insofern überraschend, als er als Polemiker vom Dienst Einstecken gewohnt ist. Dass das Buch so unverhofft zum Politikum geworden ist, kann Henkel eigentlich nur recht sein. Seinem erklärten Ziel, einen dritten Bestseller zu haben, dürfte er jedenfalls ein gutes Stück näher gekommen sein.
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