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01.02.2005
 

Debatte

Aufstand der Normalen

Von Henryk M. Broder

Die Terroristen lieben den Tod mehr als das Leben. Wir aber hegen für die Gewalttätter, die für ihre "Würde" kämpfen, viel zu häufig mehr Sympathie als für normale Menschen, die normal leben wollen. Die haben uns jetzt im Irak und in Palästina eine Lektion erteilt. Es wird nicht die letzte gewesen sein.

Soldat im Irak: Freie Wahl unter Besatzungsregime
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DPA

Soldat im Irak: Freie Wahl unter Besatzungsregime

Hamburg - Noch vor einem Monat waren es Aufständische, Rebellen, Widerstands-kämpfer. Inzwischen werden die Bombenwerfer und Bombenzünder auch in der "Tagesschau" und im "heute journal" beim Namen genannt: Terroristen. Mit der Wahl im Irak kehren Augenmaß und Vernunft in die Berichtererstattung zurück, alle sind von dem "Mut" der Iraker beeindruckt und sehen das Land am Anfang der "Demokratisierung", auch Außenminister Joschka Fischer.

Tausende von Irakern sind in den letzten Wochen von Terroristen ermordet worden, über 40 haben am Sonntag ihr Wahlrecht mit dem Leben bezahlt. Man möchte nicht wissen, wie hoch die Wahlbeteiligung unter ähnlich Umständen in der Bundesrepublik wäre. Zehn Prozent, fünf Prozent, null Prozent?

Hier, wo eine Sitzblockade vor einer Kaserne schon als Akt heldenhaften Widerstands gilt, hat man sich große Mühe gegeben, die Wahlen im Irak schlecht zu schreiben und mies zu reden. Ein Argument, das dabei immer wieder vorkam, war: Wie kann man Iraker, die seit Jahrzehnten im Ausland leben, wählen lassen? Wieso dürfen Exilanten mitstimmen? Ganz einfach: Weil sie nicht, wie deutsche Aussteiger nach Mallorca, in die Sonne umgezogen, sondern vor einer Diktatur geflohen sind. Und nun die erste Gelegenheit wahrnehmen, sich an einem demokratischen Procede zu beteiligen. Auch solche kleinen Unterschiede muss man inzwischen erklären.

Eine Überlegung, die überhaupt nicht vorkam, war die: Ist es nicht seltsam, dass die einzigen freien Wahlen in der arabischen Welt unter Besatzungsregimen stattgefunden haben? In Palästina und im Irak.

Und ist es nicht noch seltsamer, dass bei beiden Wahlen die große Mehrzahl der Wähler sich so überraschend vernünftig verhalten hat?

Wie würden die Wahlergebnisse aussehen, wenn es morgen in Syrien freie Wahlen geben würde? In der Frage ist die Antwort schon enthalten. Deswegen wird es auf absehbare Zeit keine freien Wahlen in Syrien geben.

Mahmoud Abbas: Schon weiter als Arafat jemals kommen wollte
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AP

Mahmoud Abbas: Schon weiter als Arafat jemals kommen wollte

Palästinenserpräsident Abu Mazen ist erst ein paar Wochen im Amt und ist schon weiter als Jassir Arafat jemals kommen wollte. Der redete vom Frieden, während seine eigenen Leute von den Al-Aksa-Brigaden nicht nur die besetzten Gebiete sondern das ganze historische Palästina von den Zionisten befreien wollten.

Abu Mazen schafft es zwar nicht, die Terroristen zu entwaffnen, aber er hat ihnen klar gemacht, dass sie nicht im Namen und im Auftrag der Palästinenser morden. Und er meint es ernst. Während Arafat immer wieder sagte: "We are not asking for a place on the moon", redet Abu Mazen von einer "gerechten Lösung" des Konflikts.

Seine eigene Vorgeschichte spielt dabei keine Rolle. Auch Menachem Begin war mal ein Terrorist, er hat trotzdem Frieden mit Ägypten geschlossen und den ganzen Sinai geräumt. Das größte Problem zwischen Ägypten und Israel sind derzeit Schmuggler, die Autos und Drogen über die Grenze bringen.

In Deutschland, wie auch im übrigen Europa, haben viel zu viele mit den Opfern von Besatzung und Gewalt nur so lange Mitgefühl, wie sie nicht versuchen, ihr Schicksal zu ändern. Dann werden sie gewarnt, ob sie sich der Folgen auch bewusst wären. Es könnte alles noch schlimmer kommen!

Zur Zeit machen sich die Auguren große Sorgen um die Sunniten, die an der Wahl im Irak nicht teilgenommen haben. Neuesten Berichten zufolge war aber die Beteiligung auch in den von ihnen dominierten Landesteilen größer, als zunächst angenommen. Wahlenthaltung gehört übrigens auch mit zum Wahlrecht.

Die zweite große Sorge ist, ob der einseitige israelische Rückzug aus dem Gaza-Streifen die Situation nicht zu Lasten der Palästinenser verändern wird. Eine seltsame Form der Fürsorge, nicht zugunsten der Betroffenen, sondern zugunsten des Status quo.

Denn nur der garantiert stabile Verhältnisse und liefert Anlässe zur besserwissersischen Einmischung.

Was in Deutschland, wie auch im übrigen Europa, nicht wahrgenommen wird. Sowohl die Iraker wie auch die Palästinenser sind von ihren eigenen Leuten als Geiseln genommen worden. Die Palästinenser hatten seit Oslo unter einer doppelten Besatzung zu leiden: der Israelis und der PLO.

Das Kalkül der Terroristen, sowohl im Irak wie in den palästinensischen Gebieten, war es, Verhältnisse zu schaffen und zu erhalten, die ihnen eine sichere Existenz garantieren, auf Kosten derjenigen, die sie "befreien" wollten. Aber in Deutschland, wie auch im übrigen Europa, gibt es eine unsägliche Tradition: Sympathie mit Terroristen, erst recht, wenn sie sich an ihren eigenen Verwandten austoben.

Anschlag in Gaza: Robin-Hood-Bonus für Terroristen
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REUTERS

Anschlag in Gaza: Robin-Hood-Bonus für Terroristen

Man gibt ihnen einen Robin-Hood-Bonus, romantisiert ihre Verbrechen und idealisiert ihre Motive. Dass sie das, was sie tun, einfach gerne tun, dass sie das Abenteuer zum Beruf gemacht haben, dass sie aus Leidenschaft töten, wie andere aus Leidenschaft Gedichte schreiben oder kochen, wird nicht mal als Möglichkeit "angedacht".

Sogar denjenigen, die aus begüterten Verhältnissen kommen, wird unterstellt, dass sie aus Verzweiflung über die Armut in der Dritten Welt und die Ignoranz der Amerikaner gegenüber ökologischen Problemen (Kyoto!) in den bewaffneten Kampf gezogen sind.

Deswegen ist aus den Kreisen der deutschen Friedensbewegung nicht mal ein symbolisches Augenzwinkern, nicht mal ein leises Grummeln gegen den Terror zu vernehmen gewesen. Ist Hans Todenhöfer, die Stimme der Gepeinigten und Sprachlosen, in den Irak gefahren, um sich der Kinder anzunehmen, die durch den Terror zu Waisen geworden sind?

Hat Konstantin Wecker in Bagdad ein Solidariätskonzert für die irakischen Demokratie-Anhänger gegeben? Hat er nicht, er war zu sehr damit beschäftigt, den Widerstand gegen die Münchener "Sicherheitskonferenz" von Hans Teltschik zu organisieren.

Was sich sonst als "Solidarität" mit den Unterdrückten geriert, ist der reine Wohlfühl-Rassismus. Wir solidarisieren uns mit den edlen Wilden, die um ihre "Würde" kämpfen, den Märtyrern, die den Tod mehr als das Leben lieben.

Wir solidarisieren uns nicht mit normalen Menschen, die normal leben wollen: arbeiten, einkaufen, an den Strand fahren, ins Kino gehen. Das ist UNS zu wenig, nicht heroisch genug.

Jetzt haben uns die Iraker und die Palästinenser mit dem Wahlzettel eine Lektion verpasst. Es wird nicht die letzte gewesen sein.

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