Von Lisa Erdmann
Hamburg - Peter Harry Carstensen sitzt im Publikum und hat die Lippen leicht geöffnet wie ein staunendes Kind. Er beobachtet Angela Merkel, die nach Neumünster gekommen ist, um den Spitzenkandidaten der CDU in Schleswig-Holstein im Wahlkampf zu unterstützen. Die CDU-Chefin steht wenige Meter entfernt von Carstensen auf der Bühne in der Holstenhalle. Sie müht sich auf dem eigentlich verloren gegebenen Terrain an der Waterkant und gibt sich optimistisch. Eindeutige Sieges-Versprechen vermeidet sie klug. Sie sagt: "Wir müssen gewinnen", statt "wir werden gewinnen".
Im direkten Vergleich von Carstensen und Merkel wird deutlich, warum sie Parteivorsitzende geworden ist und der Norddeutsche bis vor kurzem kaum über seine Heimat Nordstrand hinaus bekannt war - obwohl er seit 20 Jahren im Bundestag sitzt.
Peter Harry Carstensen wirkt neben Angela Merkel so seriös wie der LiLaLaunebär neben der Queen. Ein politisches Leichtgewicht in einem massigen Körper. Er trägt Lebenslust und Herzlichkeit vor sich her und greift rhetorisch gern zum Holzhammer. Sie beherrscht eher Degen und Florett. Führungsanspruch und ein gewisses Maß an Unnahbarkeit prägen ihre Ausstrahlung. Die Polemik und Bierseligkeit eines solchen Tages liegen ihr weniger. Schon das Bierglas wirkt in ihrer Hand wie ein Fremdkörper: Sie greift es mit spitzen Fingern am Stiel wie Weintrinker das tun.
Als der füllige Norddeutsche sie nach ihrer Rede auf der Bühne überschwänglich in die Arme nimmt, steht in seinen Augen geschrieben: "Komm mal her, min Deern." In ihren kann man lesen: "Hilfe! Wann ist dieser Wahlkampf endlich vorbei." Sie bleibt natürlich tapfer bis zum Ende der zweistündigen Veranstaltung, aber nach den letzten Worten entschwindet sie eilig durch den Notausgang zu ihrem Wagen, der im Regen draußen wartet.
Ganz anders Carstensen. Für ihn fängt die Arbeit nun erst an. Er taucht regelrecht ein in die Traube von Menschen vor der Bühne, die ihn mal aus der Nähe sehen wollen.
Unauffälligkeit zur Maxime erhoben
Mit seiner offenen Art wirkt er auf viele Menschen durchaus sympathisch. Seine runden Wangen umspielt meist ein verschmitztes Lächeln, als ob er alles gar nicht so richtig ernst nehmen würde. Hier ein Schulterklopfen, dort ein freundliches "Moin, Moin", wenn er sich durch die Menge schiebt. Der gelernte Landwirtschaftslehrer ist lieber der nette Kumpel als das Alphatier. Er hat die Unauffälligkeit zur Maxime erhoben. "Wenn ich irgendwo mit Leuten zusammensitze, wird keiner merken, dass ich eine besondere Funktion habe", erklärte er dem NDR kürzlich stolz. Das ist eine Fähigkeit, die einen guten Schützenkönig ausmacht; bei einem Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten ist sie ein Problem.
Bei seinem Auftritt in Neumünster stört das nicht. Hier punktet er mit Allgemeinplätzen wie: "Rot-Grün hat keine weitere Chance verdient. Die müssen weg am 20. Februar." Der Saal jubelt - offensichtlich sitzen hier Vertreter jener letzten 24 Prozent CDU-Wähler in Schleswig-Holstein, die noch an einen Sieg der Opposition am kommenden Sonntag glauben.
Dabei hatte es zunächst so gut ausgesehen.
Vor einem Jahr war die CDU als haushoher Favorit in den Wahlkampf gestartet: Bei der so genannten Sonntagsfrage stimmten damals 47 Prozent für die Union und nur 34 für die SPD. Seitdem hat sich das Verhältnis völlig umgedreht: Zuletzt ermittelte infratest dimap vor einer Woche 41 Prozent für die SPD und 36 für die CDU.
Der Traum vom Regierungswechsel geht wohl auch 18 Jahre nach der Barschel-Affäre nicht in Erfüllung. Allein Heide Simonis ist inzwischen schon elf Jahre im Amt - und damit länger als jeder schleswig-holsteinische Ministerpräsident vor ihr. Carstensen ist nun schon der dritte Herausforderer, der die Sozialdemokratin aus ihrem Büro vertreiben will. "Unser bester Wahlkämpfer", spottete die SPD schon vor Monaten.
Sonderlich bemüht hatte sich der 57-Jährige allerdings nie um den Posten des Spitzenkandidaten. Eher im Gegenteil: Die Partei hatte ihm die Aufgabe fast aufgedrängt. Carstensen hatte sich für 2006 den Ruhestand als Ziel gesetzt; das wird er nun ja vermutlich auch in die Tat umsetzen können.
"Ich habe mich da verbiegen lassen"
Seit Frühjahr 2004 kämpfte er für den Wahlsieg im Norden - mit durchschlagendem Misserfolg. Bundesweite Aufmerksamkeit besorgte ihm die "Bild"-Zeitung mit der Schlagzeile "First-Lady gesucht". Die Frauensuche des Witwers per Boulevard-Zeitung ging nach hinten los: Der wie eine Heirats-Annonce aufgemachte Text sorgte für nichts als Hohn und Spott - auch im Adenauer-Haus löste sein Verhalten Befremden aus. Er habe das damals so nicht gewollt, beteuert er heute. Und: "Ich habe mich da verbiegen lassen."
Weitaus schlimmer wiegen die politischen Fauxpas, die er sich leistete. Als er öffentlich verkündete, er wolle als Ministerpräsident "an die erfolgreichen Zeiten von Gerhard Stoltenberg und Uwe Barschel anschließen", stockte seinen Parteifreunden der Atem. Schließlich ist bei den wenigsten Menschen "Erfolg" die erste Assoziation, wenn der Name Barschel fällt.
Auf wenig staatsmännisches Fingerspitzengefühl ließ auch die Präsentation seines ersten Schattenkabinetts schließen: Seine Mannschaft war völlig frauenfrei. Außerdem präsentierte er sie en passant auf dem Kleinen Parteitag, ohne die Betreffenden vorab zu informieren. Manch einer war gar nicht anwesend.
Im November warf Carstensen der Landesregierung vor, sie verzögere die Eröffnung der Ostseeautobahn A 20 bei Lübeck aus Wahlkampfgründen. Der Bau sei doch längst fertig. Dabei waren die Bauarbeiten unübersehbar noch kräftig im Gange.
Auch der potenzielle Koalitionspartner FDP sieht den greifbar nahe geglaubten Regierungswechsel hinterm Horizont abtauchen. Fraktionschef Wolfgang Kubicki nannte Carstensen schonmal "semiprofessionell". Seine Partei hatte sich lange auf den politischen Wechsel mit der CDU festgelegt. Eine Woche vor der Wahl hält sich Kubicki wieder alle Optionen offen und erklärt, die Liberalen hielten sich mit einer Koalitionsaussage bis zur Wahl zurück.
Die Stimmung stand noch vor Monaten eindeutig auf Wechsel in Schleswig-Holstein. Aber die CDU konnte die Unzufriedenheit mit der rot-grünen Landesregierung nicht für sich nutzen. Schuldenabbau, Bildungspolitik: Mit keinem Thema konnte die Union so recht punkten. Am Ende des Wahlkampfes hat sich bei den Bürgern der Eindruck festgesetzt, dass es das andere Lager auch nicht besser kann.
Peter Harry Carstensen, der Spitzenkandidat, der kein Alphatier sein wollte, wird wohl bald auf die Berliner Hinterbank im Bundestag zurückkehren können.
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