Von Severin Weiland
Berlin - Sie sind die Jungen im Bundestag: Anna Lührmann von den Grünen, mittlerweile auch schon 21, der Christdemokrat Jens Spahn, 24, der Sozialdemokrat Lars Klingbeil, 26 und der Liberale Daniel Bahr, 28. Aufgefallen sind sie bislang kaum - außer durch ihr Alter. Anna Lührmann etwa, die mit 19 als jüngste Abgeordnete in den Bundestag einzog und deswegen schon allerlei Gehässigkeiten über sich lesen musste. Etwa, sie sei "frühvergreist", wie es in einer etwas unschönen Geschichte des "Stern" einmal hieß - mit neun Jahren Gründerin einer Greenpeace-Gruppe, mit 14 in die Partei eingetreten.
Jungsein im Bundestag ist schwer. Die Älteren nehmen die Youngster nicht so recht ernst. Die Medien auch nur dann, wenn es ihnen in den Kram passt. Deshalb horchen die Jungparlamentarier immer sehr genau hin, wenn es um ihr Alter geht - noch dazu, wenn sich der Parlamentspräsident einmal ganz grundsätzlich dazu äußert. Und der hat das in erstaunlicher Frische getan. "Also, mich erschrecken junge Leute, die mit 18, 19 Jahren Berufspolitiker werden", so Wolfgang Thierse in dieser Woche in dem ARD-Film "Süße Droge Politik". Und dabei auch schon einmal, stellvertretend für die Jüngeren, in deren trostlose Zukunft geblickt: "In 30, 40 Jahren - denk ich mir - müssen das irgendwie Krüppel sein."
Und dann hat der Bundestagspräsident im Interview mit der ARD noch hinzugefügt, was andere im Parlament über manche Jüngere denken: Er gehöre nun einmal zu den altmodischen Menschen, die dafür plädierten, zunächst "eine ordentliche Ausbildung" und ein "bestimmtes Quantum" an beruflicher und sozialer Erfahrung zu sammeln, bevor man die Politik zu seinem Hauptberuf mache, kurzum, ein "innerlich gefestigter Mensch" werde.
Thierses Ehrlichkeit tut natürlich weh. Flugs taten sich die vier Jungpolitiker von SPD, Grünen, CDU und FDP zusammen und schrieben ihm einen Brief. "Ihre Interviewäußerungen empfinden wir ... als ungerechtfertigt und polarisierend." Und weil sie schon einmal dabei waren, haben sie Thierse, Jahrgang 1943, gleich mahnende Worte mitgegeben - die, nebenbei bemerkt, so klingen, als hätte sie ein Bundestagsverwaltungsangestellter mit 40 Jahren Dauerfrust verfasst.
63 Prozent der Bundestagabgeordneten seien zwischen 50 und 64 Jahre alt, das Parlament sollte aber einen "Querschnitt" der Gesellschaft darstellen. "Auch angesichts der hohen Parteiverdrossenheit gerade bei jungen Menschen kann es eigentlich nur in Ihrem Sinne sein", heißt es da, "wenn wir als junge Parlamentarier engagiert Politik mitgestalten." Und weil Jungsein auch eine Aufgabe ist, haben die vier nicht vergessen, warum und wofür sie im Bundestag sitzen: "Dadurch gelingt es uns, Gleichaltrige stärker für die Auseinandersetzung mit der Bundespolitik und für politische Partizipation zu motivieren."
Und der Bundestagspräsident? Der kennt die Argumente vom Parlament der Alten in und auswendig. Und sie regen ihn auf. Kürzlich erst nannte er es in den "Elmshorner Nachrichten" ein "Vorurteil", dass die Jüngeren so schlecht im Bundestag vertreten seien. Nicht sie, sondern die Älteren seien unterrepräsentiert, konterte der schlaue Thierse. Und hatte auch gleich eine Zahl parat: Es gebe nur einen über 70-Jährigen im Bundestag.
Und tatsächlich, der Bundestagspräsident hat irgendwie Recht. Es ist etwas faul im Bundestag. Die Generation "Minus 30" bringt es immerhin aus dem Stand zu einem Brief einer Vierer-Allparteienkoalition. Die Generation "70 Plus" hätte es da schon schwerer. Unter den 603 Parlamentariern gäbe es nur einen, der für sie sprechen könnte: Innenminister Otto Schily, 72. Und der müsste nicht nur für die SPD, sondern auch gleich noch für CDU, CSU, Grüne und die FDP das Wort erheben.
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