Berlin - "Kinderarmut, da denken wir meist an Entwicklungsländer", sagt Reinhard Schlagintweit, Vorsitzender von Unicef Deutschland. Doch auch in vielen Industriestaaten habe sich die Situation von Kindern seit Anfang der neunziger Jahre verschlechtert, so der Experte. Am Dienstag stellte in Berlin die Unicef die Studie "Kinderarmut in reichen Ländern" vor. Ergebnis: In 17 von 24 Industriestaaten ist die Zahl der relativ armen Kinder gestiegen.
Zur Grundlage ihrer Berechnungen machen die Unicef-Mitarbeiter folgendes Zahlenmodell: Als relativ arm gelten Familien, die von weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens leben müssen. In nackten Zahlen hieß das für 2001: Wer monatlich weniger als 725 Euro erhält, fällt unter diese Kategorie. Auf Deutschland übertragen kommen die Berechnungen auf folgenden Wert: 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche sind von Armut betroffen. Das ist fast jeder zehnte Deutsche unter 18 Jahre.
"Allerdings greift das Pauschalurteil, Kinder seien in Deutschland ein Armutsrisiko, zu kurz", sagt Michael Fertig, Autor der Teilstudie für Deutschland. So seien Paare nur selten von Armut betroffen. Im Gegensatz dazu steht die Situation Alleinerziehender und ihrer Kinder: 40 Prozent gelten nach der Unicef-Untersuchung als relativ arm. Auch ihre Chance, der Armut wieder zu entkommen, liegt deutlich unter dem Durchschnitt.
Problem Zuwanderer
Den stärksten Anstieg von Kinderarmut verzeichnet die Unicef-Studie bei Kindern aus Zuwandererfamilien. Anfang der neunziger Jahre galten fünf Prozent dieser Kinder als arm, 2001 waren es schon 15 Prozent. "Besonders betroffen sind Einwandererfamilien aus Osteuropa, die in den neunziger Jahren kamen. Je kürzer die Ankunft zurückliegt, desto höher ist das Armutsrisiko", so Fertig. Die größere Armut in dieser Bevölkerungsgruppe habe maßgeblich zum Gesamtanstieg der Kinderarmut in Deutschland beigetragen. Diese ist seit 1991 um 2,7 Prozent gewachsen - das ist weit mehr als in den meisten anderen Industrienationen. In Westdeutschland hat sich die Kinderarmut seit 1989 mehr als verdoppelt - von 4,5 auf fast zehn Prozent 2001. In Ostdeutschland erhöhte sich der Anteil armer Kinder auf 12,6 Prozent. Damit sind Kinder inzwischen deutlich häufiger arm als Erwachsene (8,8 Prozent).
Allerdings: Im Gesamtvergleich von 26 Industrieländern liegt Deutschland mit 10,2 Prozent Kinderarmut im Mittelfeld auf Platz 12.
Kritik an der Bundesregierung
Zwar würde die Zahl der betroffenen Kinder ohne Kindergeld, Steuererleichterungen und andere sozialpolitische Maßnahmen hierzulande noch weitaus höher liegen, so die Autoren der Unicef-Studie. Andere Staaten aber handelten entschlossener. Die Bundesregierung, auch das ist ein Ergebnis des Unicef-Berichtes, tue im Vergleich zu wenig gegen Kinderarmut.
So lebten in Dänemark und Finnland weniger als drei Prozent der Kinder unter der Armutsgrenze. Diese Länder geben mehr als zehn Prozent ihres Bruttosozialproduktes für Sozialleistungen aus. In den USA oder Italien hingegen, die dafür gerade einmal die Hälfte investieren, leben über 15 Prozent aller Kinder in relativer Armut. Dem Unicef-Bericht zufolge gibt es folglich einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Höhe staatlicher Aufwendungen und der Kinderarmut.
Schmidt Kinderzuschlag ausweiten
Familienministerin Renate Schmidt sagte am Dienstag allerdings: "Das soziale Netz in Deutschland ist noch immer enger gespannt als in den meisten anderen Ländern. Und fast nirgends gibt der Staat so viel direkte finanzielle Unterstützung für Familien wie bei uns". Die Unicef-Statistik zeigt allerdings auch, dass die staatlichen Maßnahmen in Deutschland offensichtlich nicht effektiv greifen: Anfang der neunziger Jahre verringerten staatliche Leistungen Kinderarmut um rund 52 Prozent, 2001 nur noch um knapp 44 Prozent.
Ein Ausweg könnte die stärker an Bedürfnissen orientierte Verteilung der Ressourcen sein. Staatliche Hilfen gäbe es dann nur noch für einkommensschwache Familien. "England und die skandinavischen Länder haben mit einer solchen Strategie gute Erfolge erzielt", sagte der Autor der deutschen Teilstudie Fertig. "Dort werden die staatlichen Gelder fokussiert eingesetzt und durch zielgerichtete Maßnahmen in den Bereichen Erziehung und Ausbildung flankiert."
SPD-Ministerin Schmidt kündigte an, sie wolle den zu Jahresbeginn eingeführten Kinderzuschlag ausweiten, durch den Geringverdiener bis zu 140 Euro pro Monat und Kind erhalten. "Ich werde noch in diesem Jahr Vorschläge vorlegen, wie man den Kreis der berechtigten Familien erweitern kann", so das Familienministerium gegenüber SPIEGEL ONLINE.
Antonia Götsch
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