Von Sebastian Fischer, Erfurt
Erfurt - Der Löffel rutscht ihr zurück in die mit frischem Bärlauch beladene Kürbiskernsuppe. Katrin Göring-Eckardt prustet los: "Ihr wollt was?" Die 24-jährige Ines Eichmüller erklärt der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag ihr Ansinnen: "Wir wollen Unisex-Duschen und -Toiletten. Auf dem letzten Kongress haben wir die Abschaffung der Geschlechter beschlossen, jetzt sind wir konsequent und machen den ersten Schritt."
Ines Eichmüller ist Sprecherin der Grünen Jugend. Sie quirlt lächelnd durch die Stuhlreihen der Aula im Erfurter Albert-Schweitzer-Gymnasium und hilft, wo sie kann. Zwei Mal im Jahr lädt die Grüne Jugend ihre Mitglieder zu einem Bundeskongress im West-Ost-Wechsel, meist in Schulen: Zuletzt war Köln dran, an diesem Wochenende um den 8. Mai treffen sie sich in Erfurt. Kommen darf jeder, ein Delegiertenprinzip gibt es nicht. Rund 30.000 Euro lässt sich die grüne Parteijugend den Kongress kosten.
Sie ist der kleinste und jüngste politische Jugendverband in Deutschland. Dafür aber weisen die jungen Grünen das stärkste Mitgliederwachstum vor, ganz im Gegensatz zum allgemeinen politischen Trend: In den letzten vier Jahren haben sie ihre Mitgliederzahl auf 6000 verdoppelt, allein im Jahr 2004 haben sie 1000 neue Ökopaxe gewonnen.
Im Gegensatz zu den anderen Jugendverbänden, bei denen die Mitgliedschaft im Alter von 35 endet, ist bei der Grünen Jugend mit 28 Schluss. Deshalb gehen hier öfter 17-Jährige ans Mikrofon, deshalb sind die Debatten ein bisschen realitätsferner. Manchmal kabbeln sie sich auf den Fluren und spielen Räuber und Gendarm. Vielleicht wurden die Junggrünen von der Mutterpartei, den "Altgrünen" wie sie hier genannt werden, deshalb auch nicht sonderlich ernst genommen. Früher zumindest. Spätestens seit dem letzten Jahr gilt das nicht mehr. Da putschte die Grüne Jugend beinahe mit einem eigenen Konzept zur Bürgerversicherung, nur knapp gelang es der Parteispitze, ihren Antrag durchzukriegen.
"Unser Standing in der Partei ist gestiegen"
Weil die Grünen so basisdemokratisch sind, durften die Nachwuchspolitiker ihre Ideen auch vor der Bundestagsfraktion vertreten. "Seitdem sind wir regelmäßig in der Fraktion, einmal pro Sitzungswoche", sagt Stephan Schilling ganz nüchtern. Die Vorsitzenden von JU oder Jusos verfügen nicht über dieses Privileg. Doch Schillings Augen blitzen nicht, er grinst nicht, er schaut auch nicht verlegen: "Unser Standing in der Partei ist stark gestiegen, der Parteispitze ist klar, dass sie mit uns rechnen muss." So ist nun erstmals Kathrin Göring-Eckardt auf einem Kongress der Jungen dabei.
Stephan Schilling ist zweiter Sprecher, doch der eigentliche Vorsitzende. Der 23-Jährige spricht wie ein erfahrener Jungpolitiker, weit besser als manch einer im Deutschen Bundestag. Wenn Anträge des Vorstands in die Bredouille kommen, wenn die Stimmung zu kippen scheint und die Kontrahenten sich polemisch beharken, dann geht Schilling nach vorn, sagt "Liebe Leute" und sucht nach Kompromissen. Mit seinen Gegnern steht er später Arm in Arm in der letzten Reihe und witzelt über die gegenseitigen Anfeindungen.
Schilling trägt lange, zusammengebundene Haare und einen schwarzen Pullover unterm braunen Knitterjacket. In fünf bis zehn Jahren vielleicht will er im Bundestag sitzen, "das kann durchaus sein". Wenn nicht, so der Berliner VWL-Student im 4. Semester, werde er ein "kluger grüner Volkswirt mit einer intelligenten ökologischen Kapitalismuskritik", die er bei Franz Münteferings jüngsten Anwürfen gegen den ungezügelten Kapitalismus vermisst hat.
Schilling ist einer der erfolgreichsten Sprecher der Grünen Jugend, er hat Zustimmungsquoten, von denen ein Juso-Vorsitzender nur träumen kann. Er verortet sich "klar links", hat aber auch schon auf kommunaler Ebene, im Landkreis Göttingen, eine Koalition mit der CDU geschmiedet: "Die sind einfach verlässlicher als die SPD." Auf Landes- oder gar Bundesebene kann er sich solch eine Ehe aber nicht vorstellen: "Da gibt es ideologische Barrieren."
Leere Kassen sind kein Argument
Unter dem Motto "Global Peace - friedliche Welt im 21. Jahrhundert" diskutieren die Jungökos deutsche Sicherheitspolitik und mögliche Strategien der Zukunft. In ihrem am Samstag verabschiedeten Leitantrag fordern sie die "Überwindung der alten Sicherheitsarchitekturen": Die Nato soll abgeschafft, die nationalen Armeen abgerüstet und stattdessen eine internationale Uno-Staatenpolizei errichtet werden. In Zukunft soll die Generalversammlung die Mitglieder des Sicherheitsrates wählen, die dann kein Veto-Recht mehr haben sollen.
Die Junggrünen fordern von der Staatenwelt einen "globalen Marshall-Plan für Entwicklung und Nachhaltigkeit". Leere Kassen in den Industrieländern dürften dabei kein Argument sein, "notfalls müssen die Mittel durch Kürzungen an anderer Stelle aufgebracht werden".
Früher galt: kein grüner Parteitag ohne Hauen und Stechen. Während die großen Grünen regierungszahm geworden sind, gilt das bei den kleinen Grünen noch heute. Darf Krieg allerletztes Mittel der Politik sein? Diese Frage legt den Graben zwischen Pazifisten und Realisten frei. Die Berlinerin Katrin Schmidberger, 22, findet Krieg "genauso scheiße wie ihr. Aber ich muss mir das letzte Mittel offen halten, wenn ich mich nicht auf meinem Pazifismus ausruhen und zuschauen will, wie Leute ermordet werden." Daniel Köbler, 24 und Sprecher der Grünen Jugend von Rheinland-Pfalz, erinnert an seine Großmutter: "Wenn meine Oma an die Bombennächte im Zweiten Weltkrieg denkt und Tränen in den Augen hat, dann ist mir meine Position klar." Helge Limburg, 22, führt dagegen Hitler ins Feld: "Wollt ihr denn, dass wieder einer kommt, der seine Nachbarn überfällt, Konzentrationslager baut - und als Pazifist schaut man zu?" Zwischendurch immer wieder mal grün-alternative Debattenkultur: Während vorne einer ins Mikro nölt, er wolle mal "den Schwung aus der Debatte nehmen", kommt von hinten ein weibliches "Der is' so süß!" Eine andere kommt erhitzt nach vorne, vergisst zwischendrin ihre Rede: "Oh je, ich kann jetzt nicht." Am Ende wird der Einsatz militärischer Gewalt nicht prinzipiell ausgeschlossen.
FC Ströbele gegen Angelika Beer
Am zweiten Kongresstag kommt der geheime Ehrenvorsitzende der Grünen Jugend: Der Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele. Jubel brandet auf, bei der SPD würden sie jetzt Musik spielen, "Ready to go" oder so was. "Der Christian hält Kontakt zu uns und wir unterstützen ihn in seinem Kampf in der Fraktion", sagt Sebastian Heiser, 26, und streift sich die Schuhe ab. Auch links und rechts fallen jetzt die Hüllen, Bierverschlüsse ploppen.
Es ist wie bei einem guten Fußballspiel. Und jetzt spielt der FC Ströbele gegen Angelika Beer, die gescheiterte Ex-Parteivorsitzende. Obwohl sie eigentlich die gleiche Meinung haben, polarisiert Ströbele und schießt ein Tor nach dem anderen: Er kritisiert das Raketenabwehrsystem MEADS, erinnert an die rot-grünen Kriegseinsätze, die "ich für völkerrechtswidrig halte", und warnt vor weitergehenden Einsätzen. Sein letztes Tor schießt Ströbele mit einem Angriff gegen die EU-Verfassung. Weil dort die Harmonisierung der Rüstungsanstrengungen, "also Aufrüstung", gefordert sei, solle man sich noch einmal Zeit zur Korrektur nehmen: "Wir können doch den jungen Leuten keine Verfassung mit diesen Mängeln hinterlassen, die sie später nur noch einstimmig ändern können!"
In Erfurt zeigt jeder, was er denkt. Auf den T-Shirts die Sprüche der Bewegung ("Die Welt wird nicht einfach besser, nur weil sie sich dreht"), zerrissene Hosen, Lederjacken im Stile des frühen Joschka, Kapuzenpullis und lange Haare müssen sein. Hier ist alles ein bisschen Second-Hand, aber aus freien Stücken: "Unsere Eltern sind doch alle Lehrer oder an den Unis", sagen sie. Bei der Diskussion um den Pazifismus wird gestrickt und gehäkelt, bunt natürlich: "Ach ist das schön, mal wieder grüne Klischees zu erfüllen."
Die Selbstironie fällt auf. Sie witzeln über das, was mal unbedingte grüne Ideale waren. In den Achtzigern standen bei den Grünen überall Sonnenblumen herum, in Erfurt 2005 stehen nur vereinzelt Grünpflanzen auf dem Podium: Bogenhanf, Zimmerhafer oder Zyperngras. Und Stephan Schilling, der Sprecher, sagt: "Den Anspruch, die Welt zu verbessern, haben wir nicht aufgegeben. Aber wir glauben nicht mehr an den ganz großen Wurf." Es gibt auch nichts mehr wirklich Ideologisches, die Pazifisten haben die Abstimmung verloren.
"Im Jahr 2020 sind wir ministrabel"
Verbürgerlichung lässt sich hier nicht diagnostizieren. Wenn Göring-Eckardt eher ein mittiges, reformerisches Image anpeilt, dann kommt sie hier in Erfurt nicht gut an damit. "Wir sind links und bleiben links", heißt es. Links heißt aber auch machtorientiert. Deshalb hoffen sie auf die Fortsetzung der rot-grünen Koalition nach der Bundestagswahl im nächsten Jahr. Dann sollen noch einmal Fischer und Trittin das Steuer übernehmen, die mittlere Generation müsse dann mitrudern. Ein Verlust der Regierungsbeteiligung im Jahr 2010 käme nicht ungelegen: Union und FDP regierten dann mindestens acht, wahrscheinlich aber zehn Jahre. Und im Jahr 2020 sind die Teilnehmer von Erfurt 2005 in ihrem vierten Lebensjahrzehnt: "Dann sind wir ministrabel", sagen sie am Rande des Kongresses. Früher war alles viel chaotischer. Omid Nouripour, 29, Mitglied im Vorstand der Grünen, erinnert sich an "verbissene Kämpfe" bei den Junggrünen: "Manche waren damals gegen einfach alles, der Vorstand war der Depp vom Dienst."
Wenn in der Aula des Erfurter Albert-Schweitzer-Gymnasiums ein Redner sagt, man dürfe die Realität nicht aus den Augen verlieren, dann kommt von hinten oft der Ruf: "Hey, wir sind doch die Grüne Jugend! Visionen!" Das kommt draußen nicht so gut an. Die Taxifahrerin vor der Tür spricht von "Körnerfressern, die da tagen". Aber sie erzählt auch, wie sie als 16-Jährige aus der DDR-Berufsschule türmte, um die Linien der Volkspolizei zu durchbrechen und Willy Brandt am Fenster des Erfurter Hofes beim ersten deutsch-deutschen Treffen im März 1970 zuzujubeln: "Der Mann war ein ganz Großer, der hatte eine Vision."
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