Mittwoch, 10. Februar 2010

Politik



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10.05.2005
 

Holocaust-Mahnmal

2711 Stelen gegen das Vergessen

Von Severin Weiland

Mit aufwühlenden und nachdenklichen Reden ist heute in Berlin das Mahnmal eröffnet worden, mit dem Deutschland inmitten seiner Hauptstadt der sechs Millionen ermordeten Juden gedenkt. Noch einmal flackerten dabei auch die Konflikte auf, die Planung und Bau des Denkmlas in den vergangenen 17 Jahren begleitet haben.

 Thierse und Köhler im Stelenfeld: Historischer Augenblick
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AP

Thierse und Köhler im Stelenfeld: Historischer Augenblick

Berlin - Als Sabina van der Linden ihre Rede beendet hat, stehen die rund 1200 Gäste im Zelt auf. Sie applaudieren einer Frau, die mit dem Namen Haberman vor über siebzig Jahren geboren wurde und als einzige ihrer Familie den Nazi-Terror überlebte.

Sabina van der Linden schilderte, wie sie mit elf Jahren im Sommer 1941 den Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion erlebte. Sie erzählte, wie unter den Augen der Deutschen, zunächst Polen und Ukrainer ihre schutzlosen jüdischen Nachbarn angriffen. Wie sie von ihrer Mutter getrennt wurde, drei Jahre später auch Vater und Bruder verlor. Wie sie mit Hilfe einer christlichen Familie und durch Flucht in Wäldern die Herrschaft der Deutschen überlebte, bis sie am 6. August 1944 von sowjetischen Truppen befreit wurde. "Nie im Leben", erzählt sie, habe sie gedacht, eines Tages hier an einer solchen Feier teilzunehmen.

Van der Linden spricht Englisch. Sie lebt heute in Australien, ihr Mann, ihre Kinder und Enkelkinder haben sie an diesem Tag zur Einweihung des "Denkmals für die ermordeten Juden Europas" begleitet. Van der Linden ist die einzige an diesem Tag, die nicht über den Sinn und Zweck des Denkmals spricht, die noch einmal in ihrer Rede alle Fürs und Wider aufführt, die den Streit um das Mahnmal in der Mitte Berlins begleiteten und weiter begleiten. Sie dankt einfach nur Lea Rosh, der Initiatorin, "and the people around her" für dieses "wunderbare Denkmal".

Höchste Sicherheitsstufe

Draußen, nach heftigen Regenfällen, warten 2711 Stelen darauf, begangen zu werden. Ein rotes Band schirmt das Denkmal ab, das wenig später von den Spitzen des Staates eröffnet wird, darunter Bundespräsident Köhler, Bundestagspräsident Thierse sowie Bundeskanzler Schröder samt Kabinett. Am Morgen sind Dutzende von Polizisten in grüner Uniform die Stelen entlang gegangen und haben den Boden der engen Schächte nach Sprengstoff abgesucht. Ein bizarres Bild bot sich da den Fotografen und Beobachtern. Es herrscht an diesem Dienstag höchste Sicherheitsstufe. Die Bürger, die ab Donnerstag das Gelände und das am südlichen Ende befindliche Informationszentrum besuchen können, müssen noch außerhalb der Absperrgitter bleiben.

Bei der Ankunft werden - ganz demokratisch - auch die geladenen Gäste von den Sicherheitsdiensten kontrolliert: Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf von der PDS, Verlegerin Friede Springer und ihr Vorstandschef Mathias Döpfner, auch Bundestagsabgeordnete. Es ist ein Großereignis, das zweite nach den Feierlichkeiten zum 8. Mai am Brandenburger Tor, das Berlin in diesen Tagen rund um den sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes erlebt.

 Architekt Eisenman: Lobt den Informationsort
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DPA

Architekt Eisenman: Lobt den Informationsort

Im Großzelt sitzen in den hinteren Reihen die Journalisten. Manche sind da, für die das Mahnmal offenbar wirklich Neuland ist. Ein englischsprechender Korrespondent will von zwei deutschen Kollegen und einer österreichischen Journalistin wissen, ob das Mahnmal auf dem "Hitler-Bunker" liege. Man zeigt ihm eine Karte in der ausgehändigten Broschüre - der Führerbunker sei 300 Meter weiter im Süden gewesen. Ein Kreuz wird markiert - der Mann schreibt es in seinen Block.

Reden und Ansprachen

Es ist kein Tag, an dem über die Dissonanzen, die das Mahnmal ausgelöst hat und weiter auslöst, einfach hinweggegangen wird. "Das Denkmal wird Anstoß bleiben, der Streit darum wird weitergehen", betont denn auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Nicht alle Gegenargumente seien widerlegt worden, die Widmung bleibe umstritten.

Damit erinnert der SPD-Politiker an den Streit, den das Mahnmal begleitete. Von Anbeginn war kritisiert worden, dass es an die sechs Millionen ermordete Juden erinnert - und damit jene Klassifizierung der Opfer fortsetzt, die die Nazis vorgenommen hatten. Es war Paul Spiegel, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, der sich am Dienstag in seiner Rede hinter die Forderung anderer Opfergruppen nach öffentlichen Orten des Gedenkens stellte - für die der Homosexuellen und die der Roma und Sinti. Spiegel ließ es sich nicht nehmen, in einer kritischen Rede das Mahnmal zu würdigen und zugleich an seine Schwächen zu erinnern. Ohne die historische Erinnerung, ohne die authentischen Vernichtungsorte werde auf Dauer jedes abstrakte Denkmal seine Wirkung als Zeichen gegen das Vergessen verlieren, mahnte er.

Für einen Augenblick kehrte der Diskurs zurück - und machte so deutlich, dass das Mahnmal kein Mahnmal der üblichen Art ist und wohl auch nicht bleiben wird. Indirekt kritisierte Spiegel auch die Erscheinungsform und seine mögliche Wirkung. Es ehre zwar die Opfer, verweise aber nicht auf die Täter: "Die Täter und Mitläufer von einst und deren heutige Gesinnungsgenossen müssen sich beim Besuch des Denkmals nicht unmittelbar angesprochen fühlen." Trotz der Einwände unterstütze er aber das Projekt, so Spiegel: "Möge es dazu beitragen, jene Erinnerung wach zu halten, die mit dem Verstummen der Zeitzeugen zu verblassen droht."

Dass das Mahnmal nicht völlig dem Grauen enthoben ist, an das es erinnern soll, ist vor allem dem - nachträglich - eingefügten "Ort der Information" zu verdanken, der sich unterhalb des Stelenfeldes an seiner südlichen Seite befindet. Hier wird das Schicksal von sechs Opfern und deren Familien hervorgehoben - stellvertretend für die rund 6 Millionen ermordeten Juden Europas. Zudem befinden sich dort, auf Terminals recherchierbar, die Namen von 3 Millionen Opfern, die die israelische Gedenkstätte Yad Vashem zusammengetragen und erstmals einer Gedenkstätte in Deutschland zur Verfügung gestellt hat. Wie Thierse so lobte auch der US-Architekt Peter Eisenman den "Ort der Information", für dessen gestalterische Gesamtkonzeption Dagmar von Wilcken verantwortlich zeichnet. Heute wisse er, dass es nicht richtig gewesen wäre, das Informationszentrum auszuklammern, räumte er selbstkritisch ein. Sichtlich bewegt sprach Eisenman davon, wie er im Zusammenhang mit der Arbeit an dem Mahnmal auch seinem Jüdischsein "näher" gekommen sei. Am Ende sprach er, dabei ein wenig an John F. Kennedys Rhetorik erinnernd, den Satz, dass er von Herzen zwar ein New Yorker sei, dass nun aber ein "Teil seiner Seele" für immer in Berlin bleibe.

Vor allem war es auch der Tag von Lea Rosh, ohne deren hartnäckigen Einsatz das Mahnmal nie zustande gekommen wäre. Sie erinnerte an den Beginn vor 17 Jahren, daran, dass es einer Gruppe nichtjüdischer Deutsche zu verdanken sei, dass die Idee für das Mahnmal vorangetrieben wurde. Sie hob vor allem den Historiker Eberhard Jaeckel hervor, der die Idee für das Mahnmal 1988 gehabt und schließlich ihr überlassen habe.

Und sie erinnerte neben anderen Persönlichkeiten wie den früheren Daimler-Chef Edzard Reuter auch an Altkanzler Helmut Kohl. Der habe den ersten Entwurf zu ihrer Enttäuschung abgelehnt, dennoch an der Idee des Mahnmals festgehalten und sich in seiner Amtszeit regelrecht "verkämpft", so Rosh. Kohl sei es gewesen, der das Mahnmal "unumkehrbar auf den Weg gebracht" habe, dafür gebühre ihm Dank.

 Rosh beim Festakt: Dankesworte an Helmut Kohl
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DDP

Rosh beim Festakt: Dankesworte an Helmut Kohl

Am Ende ihrer Rede hielt Rosh hintereinander einen menschlichen Backenzahn und einen gelben Stern in die Kameras. In diesem Augenblick wurde noch einmal deutlich, dass der Ort in Berlins Mitte, auf dem Gelände der früheren Ministergärten, eben doch ein Kunstort in der Stadt der Täter ist. Es schien, als wolle Rosh mit der - gewagten - Geste der Veranstaltung jene Authentizität zurückgeben, die das Stelenfeld nicht hat und auch nicht haben kann. Wer je eine KZ-Gedenkstätte besucht hat, der weiß, warum.

Den Zahn, so Rosh, habe sie im Sand neben einem der langen Gräber in einem deutschen Vernichtungslager im heutigen Polen gefunden. Dabei habe sie geschworen, "dass wir den Ermordeten ein Denkmal setzen". Und dieser Zahn werde in einer der Stelen einen Platz finden, das habe sie mit Eisenman verabredet, ebenso wie der Stoffstern, der ihr von einer Frau in Amsterdam übergeben worden, deren Mutter in einem Vernichtungslager der Nazis umkam.

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