ThemaBundestagswahl 2005RSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
29.06.2005
 

Schnupper-Mandat

Mit Fettes Brot im Bundestag

Von Alexander Schwabe

Im Januar erst rückte der Abgeordnete Lars Klingbeil in den Bundestag nach. Nun muss der Jüngste in der SPD-Fraktion nach nur wenigen Monaten fürchten auszuscheiden. Doch der 27-Jährige mit der gepiercten Augenbraue gibt sich angriffslustig: "Ich werde um den Sieg kämpfen."

Klingbeil: "Oh Gott, jetzt kommt was auf uns zu"
Zur Großansicht
DPA

Klingbeil: "Oh Gott, jetzt kommt was auf uns zu"

Hamburg - Als SPD-Chef Franz Müntefering am 22. Mai kurz nach der ersten Hochrechnung aus Nordrhein-Westfalen Neuwahlen im Bund ankündigte, stand Lars Klingbeil, der Jüngste in der SPD-Bundestagsfraktion neben dem ehemaligen Juso-Chef Niels Annen und der Parteilinken Andrea Nahles, im Willy-Brandt-Haus in Berlin und war baff: "Ich hätte nicht gedacht, dass es so kommt."

Vielmehr dachte er: "Oh Gott, jetzt kommt was auf uns zu." Nach der geschlagenen Schlacht von Nordrhein-Westfalen gehe es schon in die nächste, die Sommerpause fiele weg. Doch das erste Bibbern verging schnell, Klingbeil sieht den Kanzler-Coup nun weit nüchterner. "Es passt eins zu eins zu Gerhard Schröder", sagt der 27-Jährige, der früher für den Kanzler gearbeitet hat. Er kennt dessen Strategie: Niemanden in die Karten blicken lassen, um derart zu überraschen, dass das Heft des Handelns nicht aus den Händen gleiten kann.

Klingbeil, geboren im Heidestädtchen Soltau, kommt aus dem Wahlkreis Munster in Niedersachsen, wo er im Rat der Stadt saß. Seit 2003 ist er stellvertretender Vorsitzender der Jusos. Er hat Politikwissenschaft, Geschichte und Soziologie studiert und arbeitete als Bildungsreferent im SPD-Landesverband in Nordrhein-Westfalen. Ende Januar war er für Jann-Peter Janssen in den Bundestag nachgerückt. Janssen hatte sein Mandat nach der Affäre um zunächst verschwiegene Gehaltsbezüge von VW niedergelegt. Seine Doktorarbeit "Der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr" hat Klingbeil wegen seines Bundestagsmandats unterbrochen.

Noch keine neun Monate im Parlament - und schon droht Klingbeil das Aus. Die SPD liegt in Umfragen weit hinter ihrem Ergebnis der letzten Bundestagswahl. Doch wenn Klingbeil eines gelernt hat, dann dies: Politiker müssen Optimismus ausstrahlen. Er sei bereit, für seine Sache zu kämpfen, sagt er. Sein bisheriges Abgeordneten-Dasein sei zu kurz gewesen, er wolle auf jeden Fall wieder ins Parlament.

Jahrelang habe er für den Atomausstieg gekämpft, erzählt er - nun wolle die Union den Koalitionsbeschluss rückgängig machen. Auch innerhalb der Partei sieht er Erfolge: Als er sich vor Jahren gegen die Wehrpflicht aussprach, hätten in der SPD rund 20 Prozent auf seiner Seite gestanden, inzwischen sei es schon jeder Zweite. Ein weiteres Ziel: Die Einführung von Studiengebühren müsse verhindert werden.

Dass ausgerechnet Genosse Wolfgang Thierse dem Jüngsten in der SPD-Fraktion in die Parade fuhr, ist für Klingbeil "gegessen". Er war noch keine vier Wochen im Bundestag, als sich der Bundestagspräsident abfällig über Politik-Früheinsteiger äußerte. Es sei "erschreckend", so der 61-Jährige, wenn 18- oder 19-Jährige ins Parlament kämen. Zusammen mit anderen jungen Abgeordneten konterte Klingbeil mit dem Hinweis, das höchste deutsche Parlament solle einen Querschnitt der Gesellschaft widerspiegeln.

Über seine Daseinsberechtigung scheue er keinen Konflikt, sagt Klingbeil: "Wir treffen heute Entscheidungen, die meine Generation mehr treffen als die ältere." Auch hätten viele in der Partei begriffen, dass ein Generationenwechsel notwendig sei. Daher zeigt er sich zuversichtlich, auch im nächsten Parlament vertreten zu sein. Es sei zwar noch nicht klar, wie die Wahlkreise aufgeteilt würden. Doch zumindest über die Landesliste erhoffe er sich den Einzug. "Ich gehe davon aus, dass die Partei den Jusos entgegen kommt", sagt Klingbeil. Schließlich habe die SPD in NRW nur bei den Jungwählern positiv abgeschnitten. Dazu hätten die Jusos maßgeblich beigetragen.

Bundestagsluft hat Klingbeil bisher nur geschnuppert. Er war im Europaausschuss Berichterstatter für europäische Außen- und Sicherheitspolitik. Seit ein paar Wochen ist er Vorstand der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer e.V., zudem stellvertretendes Mitglied im Verteidigungsausschuss. Doch die eigentliche Arbeit finde vor Ort, im Wahlkreis, statt. Dort ist er in die Schulen gegangen, hat versucht, die Schüler für die EU-Verfassung zu begeistern.

Dass er der einzige Bundestagsabgeordnete mit gepiercter Augenbraue ist, dass er einer ist, in dessen Warteschleife seines Handys "Lass die Finger von Emanuela" von der Gruppe "Fettes Brot" läuft, mag den Zugang zu den jungen Leuten erleichtert haben. Doch Klingbeil geht es nicht um Show. Personality-Storys in "Bild" und "Focus" hat er abgelehnt, weil er sich über Inhalte definieren will und nicht über die getackerte Braue. "Meine letzte Bürgersprechstunde in Soltau musste ich verlängern, weil der Andrang so groß war."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Bundestagswahl 2005

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP