CDU-Politikerin Süssmuth: "Angela Merkel nicht unterschätzen"
Frau Süssmuth, müssten Sie sich nicht eigentlich bei Rot-Grün bedanken? Ohne die Veränderung des gesellschaftlichen Klimas wäre eine Kanzlerkandidatin in der CDU womöglich nicht durchsetzbar gewesen.
Süssmuth: Das lässt sich nicht auf die sieben Jahre Rot-Grün verkürzen. Es geht um einen Prozess von mindestens vier Jahrzehnten. Zuzugeben ist, dass die Frauenbewegung der sechziger und siebziger Jahre die CDU erst auf dem Essener Parteitag 1985 erreicht hat. Das war der große Durchbruch in der veränderten Sicht der Frauen im Beruf und in der Politik. Und dennoch: Die Durchsetzung einer "Quote" in meiner Partei war ungeheuer schwierig. Sie gelang erst nach mehreren Anläufen. Nicht zu unterschätzen sind die nach wie vor ungelösten strukturellen Probleme der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zwar haben wir so viele Akademikerinnen wie nie zuvor - aber darunter sind viele kinderlose. Und wir haben landesweit immer noch weniger Frauen in Führungspositionen als etwa die Türkei.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben 2002 in einem Interview gesagt, in der Union seien die Frauen noch immer kein Machtfaktor. Ist das heute anders?
Süssmuth: Mit dieser Kanzlerkandidatur ist wirklich der Vorstoß vom Vorhof zum Zentrum der Macht gelungen. Ich sage aber auch: Schauen Sie auf den niedrigen Frauenanteil in der CDU-geführten Regierung in Schleswig-Holstein und den CDU-Frauenanteil im neu gewählten Landtag in Nordrhein-Westfalen. Der liegt nur noch bei 25 Prozent. Es gibt eben Auf- und Abschwünge.
SPIEGEL ONLINE: Frau Merkel ist also die große Ausnahme - ansonsten geht der Einfluss der Frauen in der Union eher zurück?
Süssmuth: Das stimmt so allgemein nicht. Ohne den wachsenden Einfluss der Frauen in der Politik gäbe es auch heute noch keine Kanzlerkandidatin. Dafür haben die Frauen in der Union Jahrzehnte gekämpft. Frauen haben sich zu allen Bereichen der Politik Zugang verschafft. Aber dieser Einfluss ist noch nicht stabil. Erhalt und Aufbau des Einflusses müssen weiterhin von Frauen verfolgt und durchgesetzt werden.
SPIEGEL ONLINE: Angela Merkel wird derzeit häufig mit der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher verglichen. Sie kennen beide persönlich. Ist irgendetwas dran?
Süssmuth: Partiell ja, ein bestimmter, eher männlicher Politik- und Machtstil. Als Typ würde ich die beiden aber nicht gleichsetzen. Der Hauptunterschied ist die größere Beweglichkeit von Angela Merkel. Sie ist offener, kompromissbereiter und europäischer.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt in der Union nach wie vor Männerbünde - den "Andenpakt" beispielsweise. Die Riege der Unions-Ministerpräsidenten hat nun unter Führung von Edmund Stoiber angekündigt, sich "unterzuhaken" und Merkel zu unterstützen. Kann man den Herren trauen?
Süssmuth: Niemand wird wagen, den Frieden vor der Wahl zu stören. Anderenfalls stünde es schlechter um die Chancen der CDU bei der Wahl im September und damit auch schlechter für die männliche Führungsriege.
SPIEGEL ONLINE: Vor der Wahl geben die Männer also Ruhe - und nach dem Sieg beginnt das Mobbing der Vorsitzenden von neuem?
Süssmuth: Wer klug ist und unser Land und seine Entwicklung im Auge hat, setzt auf Kooperation. Und außerdem: Wir sollten Angela Merkel nicht unterschätzen.
Das Interview führte Yassin Musharbash
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