Von Dietmar Pieper
Hamburg - Angenommen, alles läuft so, wie Gerhard Schröder es will: Er verliert die Abstimmung zur Vertrauensfrage. Der Bundespräsident löst das Parlament auf. Das Verfassungsgericht hat keine Einwände gegen diesen Weg zu Neuwahlen. Was dann? Dann fangen die Probleme für den SPD-Spitzenkandidaten erst richtig an. Dann muss er in einen Wahlkampf ziehen, wie ihn noch kein Kanzler dieser Republik zu führen hatte.
Alle Widersprüche und Streitfragen, alle Ungereimtheiten und verdrängten Probleme in seiner Partei werden offen ausbrechen, wenn wirklich der Tag feststeht, an dem Schröder sich zum dritten Mal zur Wahl stellen will. Zu einer Wahl, die mit großer Wahrscheinlichkeit seine Abwahl sein wird.
Und er geht ja nicht allein. Hunderte, vielleicht Tausende von Leuten verlieren ihre Jobs, als Minister und politische Beamte, als Abgeordnete und angestellte Mitarbeiter. Das ist noch etwas anderes als politischer Streit, das greift in vielen Fällen tief in die Existenz ein. Nicht alle fallen weich oder fügen sich still. Es wird viel Wut hochkommen in der SPD. Schon länger wissen die Genossen, die vom Kanzler auf den Weg des Misstrauens genötigt wurden, dass sie zu ihm kein echtes Vertrauen haben können. Bald hindert sie nichts mehr daran, das offen zu sagen. Sie werden Rechnungen präsentieren.
Schröder hat sich immer zu wenig darum gekümmert, ob die Sozialdemokraten ihm aus Überzeugung folgten - oder nur, weil sie in ihm den besten Wahlkämpfer, den gerissenen Taktiker, den brachialen Erfolgsmenschen sahen. Nun ist der Nimbus dahin. Nun ist Gerhard Schröder die lahmste Ente aller Zeiten.
Denn was hat er seinen Leuten noch zu bieten? Sein Reformprogramm lehnen die meisten ab. Das Versprechen einer besseren sozialdemokratischen Zukunft verbindet sich nicht mehr mit dem Namen Gerhard Schröder. Als Oppositionsführer ist er undenkbar. Noch nie lagen ein Spitzenkandidat und seine Partei so weit auseinander wie der Niedersachse und die SPD. Einen solchen Wahlkampf paradox zu nennen, ist noch ein milder Ausdruck.
Wenn also ein paar Wochen vor der Wahl klar werden sollte, dass es in den Meinungsumfragen keine Trendwende gibt, wenn schließlich alle Träume von einem Überraschungssieg mit dem Sommerwind verflogen sind, dann wäre es ein Wunder, würden die immer noch 670.000 Sozialdemokraten einfach weitermachen: Plakate kleben, Luftballons aufblasen, Schröder anpreisen. Und das alles unter den mitleidigen Blicken der Passanten, die den Genossen schmerzlicher unter die Haut gehen müssen als jede politische Attacke.
Selbst wenn sich die SPD in Hamburg oder Hessen noch einmal zusammenreißt; in Nordrhein-Westfalen, wo immerhin ein Viertel der Mitglieder lebt, ist das kaum vorstellbar. Im Mai haben die NRW-Genossen die schwerste anzunehmende Niederlage kassiert, und schon sollen sie sich wieder Kampfesmut und Zuversicht einreden? Das könnte, wäre er einer von der Basis in Dortmund oder Bielefeld, nicht einmal Schröder selbst.
"It's not his first rodeo", gab George W. Bush dem Kanzler bei dessen Visite Ende Juni in Washington mit auf den Weg. Doch das Rauhbein aus Hannover könnte diesmal als "elektrischer Reiter" enden, der wie Robert Redford im gleichnamigen Film nur noch den illuminierten Hampelmann spielen darf. Oder er fällt vom Pferd, ehe der Gong ertönt.
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