Von Sebastian Christ
Berlin - Sein Halsschmuck ist eigenartig. 15 Zentimeter, schlank gegossenes Eisen, aufgeknüpft an einer Paketkordel. Ein Schlüssel. Sein Zellenschlüssel. Wenn Gustav Rust die Strecke vor dem Mauer-Denkmal am Checkpoint abgeht, baumelt das schwere Ding wie ein Pendel vor seinem Körper.
Neun Jahre haben sie ihn weggesperrt, Stasi-Knast. Das hat ihn geprägt. Und heute, da werden die Opfer des DDR-Regimes ein zweites Mal "ermordet", wie er sagt. Das Denkmal für die Mauer-Opfer am Berliner Checkpoint Charlie soll weg. "Kein Argument ist denen zu blödsinnig, um gegen das Denkmal angeführt zu werden", sagt er. Bitterkeit klingt in seiner Stimme.
Das Denkmal am früheren Berliner Grenzübergang Checkpoint Charlie erregt seit Monaten die Gemüter in Berlin. An einem unbebauten Grundstück gegenüber des Checkpoints hatte Mahnmal-Initiatorin Alexandra Hildebrandt 1065 Holzkreuze aufstellen lassen. Für jeden Mauer-Toten eines, mit Bild und kurzem Infotext. Daneben ließ sie aus Beton-Segmenten ein geweißeltes Teilstück der Berliner Mauer nachbauen. Ihre Anhänger sehen in dem Mahnmal den ersten und einzig würdigen Ort der Erinnerung an die Opfer des Grenzregimes. Gegner werfen ihr die Verkitschung des Andenkens vor.
Der Pachtvertrag für das Grundstück lief Ende vergangenen Jahres aus. Hildebrandt weigerte sich, die Kreuze zu entfernen, berief sich auf die historische Bedeutung des Ortes. Auf Hilfe aus der Politik hoffte sie vergeblich. Der Berliner Senat aus SPD und PDS will aus dem Checkpoint ein Ort des Gedenkens an die Ost-West-Konfrontation machen. An die Mauer-Toten soll weiter nördlich entlang der Bernauer Straße gedacht werden.
Bank lässt räumen
Die Bankaktiengesellschaft Hamm, Eigentümerin des Grundstücks, erwirkte einen Räumungstitel vor Gericht. Heute früh kamen die Bauarbeiter, um das Mahnmal zu demontieren. Einige Demonstranten wollten das notfalls auch mit einer Blockade verhindern, hatten Ketten, Handschellen und schwere Schlösser mitgebracht.
Gustav Rust hält sich zurück, steht lieber am Rande des Geschehens. "Nee, der Gustav kann sich nicht anketten", ruft ein Mitstreiter plötzlich von der Seite, "hat Bewährung. Wegen seiner Plakate." Gustav Rust wird für einen Moment lang stumm, wirkt ein wenig verlegen. Dann kramt er in seinem Fahrradwagen und holt ein paar gilbstichige, laminierte Papptafeln hervor. Philosophische Abhandlungen über Marx, Biografisches zum früheren SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher. Sie hingen an einem Zaun in der Nähe des Reichstags. "Da kamen so ein paar Passanten und haben die Plakate abgerissen", sagt er. "Und dann haben die eben eine aufs Maul bekommen." Heute will er friedlich demonstrieren. "Bloß keinen Ärger mit der Polizei." Aber Wut hat er trotzdem.
Am Abend wären ehemalige DDR-Regimegegner und Sozialisten um ein Haar doch noch aneinander geraten. Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands, eine linksextreme Splitterpartei, zog mit ihrem Häuflein durch die Zimmerstraße. Eine Montagsdemo mit Abzählreimen aus dem Megafon: "Fünf, sechs, sieben acht, Hartz-Gesetz wird platt gemacht." Die Stasi-Opfer fühlen sich provoziert. "Im Knast war ich", brüllt ein Mann und rennt auf den Demonstrationszug zu. Seine Hände stecken in Handschellen. Dann schiebt ein Demo-Ordner seinen massigen Körper zwischen Marxisten und Mauer-Opfer. "Toleranz ist doch ein Fremdwort für euch", pestet der Gefesselte den Montagsdemonstranten noch hinterher. Kleinere Wortgefechte. Dann zieht der Tross weiter zur SPD-Zentrale.
Der Protest gegen das DDR-Regime hat graue Haare bekommen, die meisten Protestler am Checkpoint Charlie sind über 50. Zur Unterstützung ist die Junge Union Berlin angetreten, die sich mit ihren selbst gebastelten Sperrholzschildchen telegen vor den Fernsehkameras tummelt. Auch amerikanische Republikaner stehen am Mauer-Mahnmal. Der Berliner CDU-Generalsekretär Frank Henkel legt am Morgen einen Kranz am Denkmal nieder. Für einen Moment schaut er betroffen nach unten, dann noch viel betroffener in Richtung der Fotografen. Es ist Wahlkampf.
Bittere Tränen zum Abschied
Um kurz nach sechs am Morgen hat Alexandra Hildebrandt ihren Auftritt, ist sofort umzingelt von Fernsehkameras. Auch sie ist wütend. Und im nächsten Moment traurig. Sie weint bittere Tränen in die Objektive. Am Handy erfährt sie, dass die Bank ihr Grundstück endgültig räumen lassen will. Einige Sekunden lang sagt sie überhaupt nichts. Dann unterstellt die dem Kreditinstitut politische Motive für die Entscheidung.
Hinter ihr fordert einer der Demonstranten einen "zweiten 9. November". Er schreit bis zur Heiserkeit. "Polizisten, legt die Waffen nieder und lauft zu uns über!" Doch nichts passiert. "Es hätten schon 20.000 und nicht 200 hier sein müssen, damit wir die Räumung hätten verhindern können", sagt ein anderer Protestler später resigniert.
Dann fangen Arbeiter in Blaumännern an, die Befestigungsschrauben der Holzkreuze mit Ratschen herauszudrehen. Die Fotos der Maueropfer werden vorsichtig, Bahn für Bahn, mit Klarsichtfolie umwickelt. Ein Kran hievt die Beton-Elemente der Mahnmal-Mauer auf die Straße. Es ist halb neun, bis zum späten Nachmittag soll das Gelände geräumt sein. Fünf Hartnäckige halten im Regen aus. Sie haben sich mit Handschellen und Eisenketten an die Kreuze gefesselt und werden mit dem Trennschleifer los geschnitten.
Zu diesem Zeitpunkt war Gustav Rust schon längst zu Hause. Blitzschnell ist er mit seinem Fahrrad weggefahren, als die Demontage begann. Bloß keinen Ärger mit der Polizei.
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