Berlin - Laut einer Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie im Auftrag des Wirtschaftsmagazins "Capital" haben die Top-Entscheider Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) nach seinem Vorstoß für Neuwahlen bereits abgeschrieben. Auf die Frage, "wen würden Sie als Bundeskanzler vorziehen?", nannten 68 Prozent Angela Merkel. Nur 27 Prozent votierten für Amtsinhaber Schröder. Dessen Entscheidung für vorgezogene Neuwahlen war für 67 Prozent eine "Kapitulation vor den Problemen", 59 Prozent bewerteten sie als "Kurzschlusshandlung". 81 Prozent prophezeiten Schröder als Folge davon sogar das Ende seiner politischen Laufbahn.
61 Prozent der Führungselite bezweifeln, dass die Union gut auf die Regierungsübernahme vorbereitet ist. Sogar 53 Prozent der Anhänger der Union und 66 Prozent der Anhänger ihres Wunsch-Koalitionspartners FDP haben diese Zweifel. 59 Prozent trauen einer unionsgeführten Regierung aber eine entschlossene Reformpolitik zu, während 40 Prozent auch hier skeptisch sind.
Die Umfrage ergab zudem, dass Merkel unter einem sehr hohen Erwartungsdruck seitens der Führungselite steht. 61 Prozent erhoffen sich von der Kanzlerkandidatin der Union eine "echte politische Zäsur", 76 Prozent fordern eine "radikale Reformpolitik", und 66 Prozent halten "tiefe Einschnitte in das soziale Netz für notwendig". Ebenso viele rechnen damit, dass es unter einer unionsgeführten Regierung "verstärkt zu heftigen gesellschaftlichen Kontroversen und Massenprotesten kommt".
Auch deshalb halten es 90 Prozent für erforderlich, "dass sich die Politik verstärkt bemüht, politische Entscheidungen mit Werten zu begründen". 94 Prozent halten ein "langfristig ausgerichtetes Zukunftskonzept" für Deutschland für notwendig. 53 Prozent der Elite bevorzugen als neue Bundesregierung eine schwarz-gelbe Koalition. 30 Prozent wünschen sich eine absolute Mehrheit für die Union, nur 16 Prozent sind für eine große Koalition.
Wunschkandidaten für das Kabinett Merkel sind der CDU-Politiker Friedrich Merz als Finanzminister (74 Prozent), Bayerns Innenminister Günther Beckstein als Bundesinnenminister (54 Prozent), FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt als Außenminister (48 Prozent) und der frühere Siemens-Chef Heinrich von Pierer als Wirtschaftsminister (36 Prozent).
Zustimmung zur Steuererhöhung
Eine vorgezogene Neuwahl trifft bei 92 Prozent der Führungskräfte auf Zustimmung. 72 Prozent versprechen sich von einer unionsgeführten Regierung eine Aufbruchstimmung und 85 Prozent sogar eine Konjunkturbelebung. 73 Prozent der befragten Spitzenkräfte befürworten die für den Fall eines Wahlsieges angekündigte Erhöhung der Mehrwertsteuer, wenn sie zur Senkung der Sozialabgaben verwendet wird.
Für das seit Mai 1987 regelmäßig erhobene "Capital-Elite-Panel" werden jeweils rund 500 Top-Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung telefonisch befragt, darunter Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen, Direktoren, Ministerpräsidenten und Minister sowie Leiter von Bundes- und Landesbehörden. Die aktuelle Befragung wurde nach Angaben von Allensbach vom 28. Juni bis zum 12. Juli durchgeführt.
BDI kritisiert Unionsprogramm
Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann hat unterdessen das Wahlprogramm von CDU und CSU kritisiert. Es reiche nicht aus, um die Wirtschaft zu stärken und die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. "Gemessen an unseren ehrgeizigen Maßstäben erscheint mir das Unions-Programm etwas zaghaft", sagte Thumann in Berlin.
So sei die Senkung des Körperschaftssteuersatzes von 25 auf 22 Prozent nicht ausreichend, die Union falle hier hinter die Beschlüsse des Jobgipfels beim Kanzler zurück. Kapitalgesellschaften seien damit einer Gesamtbelastung von über 35 Prozent ausgesetzt. "Damit sind wir international nicht wettbewerbsfähig", warnte Thumann. Die Steuerbelastung von Kapitalgesellschaften dürfe höchstens bei 30 Prozent liegen. Regierung und Opposition hatten auf dem Jobgipfel eine Steuerbelastung von 33 Prozent vereinbart.
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