Von Björn Hengst
Hamburg - Das Wort, das Wolfgang Schäuble heute Mittag in Hamburg am häufigsten benutzt, ist kurz und leicht und umso schwerer soll es wiegen: ER. Er sei "ein Mann, mit dem man offen reden kann", er habe viel gefragt, er mache sich Sorgen über die iranische Atompolitik, "was er nicht mag, ist wenn man mit ihm am Tisch übereinstimmt und sich dann später anders verhält". Es klingt wie ein Bericht über einen alten Bekannten, von dem man lange nichts mehr gehört hat. Schäuble spricht von US-Präsident George W. Bush.
Der Unions-Fraktionsvize und CDU-Außenexperte Schäuble ist gerade von seiner Reise aus den USA zurückgekehrt - und weil Schäuble dort auch überraschend Bush getroffen hat, ist eine Pressekonferenz am Hamburger Flughafen anberaumt worden. Getränke und eine kleine Tüte Gummibären hat man ihm auf den Tisch im Raum "Brahms" gelegt, aber Schäuble will seine Botschaften rasch an die Journalisten bringen.
Man habe sicher schon davon gehört, dass er im Auftrag von Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel in die USA gereist sei, sagt Schäuble. Er habe dort Merkel vertreten, um die "Grundzüge" der deutschen Außenpolitik im Falle eines Wahlsieges der Union darzulegen. Merkel selbst habe leider wegen der Kürze des deutschen Wahlkampfes nicht in die USA reisen können. Aber sie werde dort erwartet. Nach der Wahl werde sie "so früh wie möglich nach Washington reisen", sagt Schäuble.
Er habe bei seinem Besuch deutlich gemacht, dass sich eine unionsgeführte Regierung um ein besseres Verhältnis zu den USA bemühen werde, fährt Schäuble fort. Sie seien "der wichtigste Partner". Die jetzige Bundesregierung aber habe die Grundlinien der deutschen Außenpolitik "grob falsch gegen die eigenen Interessen verletzt". Es gehe deshalb darum, das "nötige Grundvertrauen" wiederherzustellen und den Eindruck von nationalen Sonderwegen zu vermeiden. Außerdem habe er mit Bush über die Rolle der Türkei in Europa gesprochen, sagte Schäuble. Der Wunsch von CDU und CSU nach einer "privilegierten Partnerschaft" Ankaras anstelle einer EU-Vollmitgliedschaft sei auf "viel Verständnis" gestoßen.
Eine Dreiviertelstunde habe er mit Bush gesprochen, sagt Schäuble in einem Nebensatz, aber es klingt wie ein Hauptsatz mit drei Ausrufezeichen und wie die Kernbotschaft der Pressekonferenz. Ursprünglich war lediglich ein Gespräch mit dem US-Sicherheitsberater Stephen Hadley geplant - aber dann kam es eben auch zu einem Zusammentreffen mit Bush und US-Außenministerin Condoleezza Rice. "Sehr direkt" sei die Gesprächsatmosphäre gewesen, sagt Schäuble.
Schon einmal hatte Bush einen Unions-Politiker mit einem überraschenden Gespräch geehrt: 2003 war der hessische Ministerpräsident Roland Koch zu Gesprächen mit US-Vizepräsident Dick Cheney nach Washington gereist - damals nahm sich Bush rund 15 Minuten Zeit für den deutschen Gast, was als Affront gegen Bundeskanzler Gerhard Schröder gewertet wurde, der zeitgleich mit dem damaligen US-Außenminister Colin Powell zusammengetroffen war, um das beschädigte deutsch-amerikanische Verhältnis nach Deutschlands Nein zum Irak-Krieg zu verbessern.
Er halte es für "bemerkenswert", dass sich Bush so lange für ihn Zeit genommen habe, sagte Schäuble heute mit zufriedenem Gesichtsausdruck. Eine Reporterin fragt Schäuble noch nach "ein paar atmosphärischen Details": Was man getrunken habe, will sie wissen. "Ich hatte Wasser", sagt Schäuble. Und er? Da muss Schäuble passen.
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