Von Jens Todt
Sögel - Als Gitta Connemann in einer schneeweißen Jacke das Büro des Bürgermeisters stürmt, dezent geschminkt und strahlend lächelnd, kann man sich gut vorstellen, dass sie gerade die Abschlussveranstaltung der Berlinale oder den Bundespresseball besucht hat - tatsächlich kommt sie geradewegs aus dem Schweinestall. Es ist Wahlkampf, und Connemann hat soeben Mastbetriebe in Damme und Lembruch besichtigt.
Die CDU-Bundestagsabgeordnete kann den "Bunten Bentheimer" durchaus von einem "Deutschen Edelschwein" unterscheiden, schließlich ist sie auf einem Bauernhof in der Nähe von Leer aufgewachsen. Außerdem erhöht die 41-jährige Juristin den Glamourfaktor des Emslandes erheblich, wie Kommunalpolitiker anderer Parteien augenzwinkernd eingestehen. Und auch ihre politischen Freunde zeigen sich von Connemann beeindruckt. Helmut Westermanns Augen leuchten, wenn er von "unserer Gitta" spricht: "Sie hat sich vor drei Jahren gegen fünf Kandidaten durchgesetzt, das waren alles Männer - und katholisch", erklärt der Bürgermeister der Samtgemeinde Sögel.
Die konfessionelle Bindung spielt im Nordwesten der Republik nach wie vor eine große Rolle; die Bewohner des stramm katholischen Emslandes wählen ganz überwiegend die CDU, weiter im Norden, in Ostfriesland, beginnt die protestantische Zone, traditionell von der SPD dominiert. Der Wahlkreis ist zerrissen; bei der letzten Bundestagswahl holte die Christdemokratin Connemann das Direktmandat, bei den Zweitstimmen war die SPD stärkste Partei.
Die Gemeinde Sögel liegt südlich der imaginären Grenze, auf der katholischen Seite. Hier stellt sich bei Wahlen nicht die Frage, ob, sondern wie hoch die CDU gewinnt. Die relativ scharfe konfessionelle Trennung im Emsland liege auch darin begründet, dass die Katholiken während der NS-Zeit als "nicht reichstreu" gegolten hätten, so der Historiker Helmut Lensing. "Jeder Polizist war damals Protestant", so Lensing. Zwar spielte seit der Weimarer Republik die Zentrumspartei eine große Rolle im Emsland, doch als die katholische Kirche nach dem Krieg Wahlempfehlungen für die neu gegründete CDU ausspricht, beginnt die unumschränkte Herrschaft der Christdemokraten. Seitdem ist Sögel schwarz. Bei der letzten Bundestagswahl erreichte die CDU in den acht Orten der Samtgemeinde bis zu 82 Prozent der Stimmen. Die letzten Gemeinderatswahlen verliefen ebenfalls durchaus nach dem Gusto der CDU-Granden vor Ort; in den Gemeinden Groß Berßen, Stavern und Klein Berßen stellten sich gar nicht erst Kandidaten anderer Parteien zur Wahl - folglich holte die CDU dort 100 Prozent der Stimmen.
Der SPD-Landtagsabgeordnete Klaus Fleer aus der Gemeinde Börger weiß, dass er mitten in tiefschwarzem Kernland lebt. "Das Wahlverhalten wird hier oft innerhalb der Familie weitergegeben", so Fleer, "die anderen haben das C in ihrem Parteinamen, da fühlen sich bei uns viele verpflichtet, die CDU auch zu wählen." Über die Christdemokratin Connemann sagt Fleer, sie sei "unheimlich fleißig" und käme gut an, "aber wenn man mal ins Detail geht, ist inhaltlich bei ihr nicht so viel dahinter".
Der Landkreis Emsland ist größer als das Saarland, allerdings wesentlich dünner besiedelt. Verschlafene Landstraßen durchschneiden Wälder und fette Äcker, schwere Traktoren holen gepresste Heuballen von den Feldern, hier und da begrüßen Kruzifixe die Autofahrer an den Ortseingängen. Die Gemeinde Sögel döst unter einem satt-grauen Wolkenhimmel, viele Restaurants haben mittags noch geschlossen. Auch hinter den dunklen Butzenscheiben von "Haus Elke - Treffpunkt für Jung und Alt" ist noch kein Licht am Tresen zu erkennen. "Dieters Brotparadies" auf der anderen Straßenseite hingegen ist auch mittags geöffnet, doch die Sögeler sind an diesem Tag offenbar schon mit Backwaren versorgt. Erst am Nachmittag kommt etwas Leben in den Ort, einige Omnibusse schaukeln die Hauptstraße entlang, sie bringen Reisegruppen zum Schloss Clemenswerth am Ortsausgang. Rote Backsteinhäuser, umgeben von gepflegten Rabatten, dominieren das Stadtbild, nur die Betreiber des China-Restaurants "Lotus" riskieren den Bruch mit dem norddeutschen Baustil - zwei drachenumrankte Säulen zieren den Eingang des Lokals.
Helmut Westermann sitzt am Besprechungstisch seines Büros, wischt mit der Hand ein paar Kekskrümel von der Tischplatte und blickt durch die Sprossenfenster in den gepflegten Garten des Rathauses. Es riecht noch nach Farbe und Teppichklebstoff in Westermanns Büro, die Verwaltung ist erst vor einem Jahr in die neuen Gebäude umgezogen. "Die Sanierung des alten Hauses und der Neubau nebenan haben die Gemeinde 3,75 Millionen Euro gekostet", sagt Westermann, "trotzdem liegen wir bei der Pro-Kopf-Verschuldung unter dem Landesdurchschnitt." Wenn man im Rathaus anruft und von einem Mitarbeiter in die telefonische Warteschleife geschickt wird, hört man einen Shanty-Chor Seemannslieder singen.
Seit 40 Jahren arbeitet Westermann in der Verwaltung seines Geburtsortes Sögel, jetzt, mit 61 Jahren, ist er Samtgemeinde-Bürgermeister. Mindestens viermal in der Woche ist er abends unterwegs, er besucht Vereinsfeiern, Firmenjubiläen und Volksfeste. Es lässt sich gut leben in Sögel, der Tourismusverband meldet deutlich steigende Übernachtungszahlen, die Arbeitslosigkeit ist mit 8,3 Prozent niedriger als in vergleichbaren Gemeinden. "Mein Beruf ist mein Hobby", sagt Westermann. An dem Wochenende findet die traditionelle Wallfahrt in Sögel statt. 8000 bis 10.000 Menschen werden sich dann auf dem Schlossplatz versammeln, um mit einer Messe Mariä Himmelfahrt zu feiern - anschließend gehen die Gläubigen zum Bier auf die Kirmes.
Es fällt einem schwer, sich Gitta Connemann in einem rauchschwangeren Bierzelt vorzustellen, musikalisch unterhalten vom "Niedersachsen Sound Orchester Bösel" - dennoch wird die 41-jährige Juristin da sein. Jetzt, im Amtszimmer des Bürgermeisters, spricht sie davon, dass die CDU in diesem Landstrich "massiv verwurzelt" sei, die Leute pragmatisch und vernünftig, "ein bodenständiger Menschenschlag". Etwas Negatives über den Emsländer an sich will ihr partout nicht einfallen wenige Wochen vor der Wahl. Hier gebe es noch "funktionierende Gemeinwesen" attestiert Westermann artig. Auf die Frage, warum die Grünen im Emsland fast keine Rolle spielen, hat er auch eine Antwort: "Wir machen die grüne Politik gleich mit."
Von einem direkten Zusammenhang zwischen CDU-Wahlerfolgen und der hohen Zahl von Katholiken wollen beide nichts wissen. Natürlich gebe es eine gewisse kulturelle Grenze zwischen dem Emsland und Ostfriesland, so Connemann, das heiße aber nicht, dass die Leute aus dem katholischen Emsland konservativer seien als anderswo. "Schauen Sie mich an, ich bin evangelisch, geschieden und aus Ostfriesland", sagt Gitta Connemann. "Und eine Frau", fügt sie hinzu. Helmut Westermann nickt und lächelt fein.
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