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25.08.2005
 

Münteferings Kollaps

Gefangen in der Tempomaschine

Von Severin Weiland

Der Zusammenbruch von SPD-Parteichef Franz Müntefering auf einer Wahlkampfveranstaltung zeigt, welchen Belastungen Politiker heutzutage ausgesetzt sind. Dauerpräsenz und Medienallgegenwart fordern einen hohen Tribut.

 SPD-Chef Müntefering in Homburg/Saar: Kreislauf-Kollaps
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DPA

SPD-Chef Müntefering in Homburg/Saar: Kreislauf-Kollaps

Berlin - August 2005. Franz Müntefering bricht auf einer Wahlveranstaltung in Homburg/Saar zusammen. Am Tag darauf verordnet ihm ein Arzt Schonung. Der SPD-Chef verzichtet auf einen TV-Auftritt am Donnerstagabend und Wahlkampftermine am Freitag. 48 Stunden Pause, wo andere mindestens eine Woche Auszeit nehmen würden.

Januar 2003. Der sachsen-anhaltinische Regierungschef Wolfgang Böhmer kollabiert - Kreislaufprobleme. 38 Stunden später ist der CDU-Politiker, einst Chefarzt einer Klinik in der DDR, wieder unterwegs. "Ich bin kein Typ zum Ausruhen", sagt er.

Oktober 1994. Eberhard Diepgen, Regierender Bürgermeister von Berlin, erleidet auf einer Podiumsdiskussion einen Schwächeanfall, muss ins Krankenhaus. Zwei Tage später ist der Christdemokrat wieder dort, wo er immer am liebsten war: mitten im Roten Rathaus.

So könnte die Liste munter weitergehen.

Müntefering, Böhmer, Diepgen - Politik ist ein Geschäft der Marke Gnadenlos. Von Interview zu Interview, von Talkshow zu Talkshow, von Gremium zu Gremium, von diesen zu jenem Empfang, von Marktplatz zu Marktplatz rasen und hasten sie durchs Land. Männer und Frauen, die im öffentlichen Ansehen dieser Republik ganz unten stehen - zusammen mit den Journalisten. Zwei Verbündete der Tempo-Gesellschaft, in gegenseitiger Achtung und Abneigung miteinander verbunden.

Um 7.15 Uhr hatte Münteferings Tag am Mittwoch in der Hauptstadt begonnen - mit einem Telefoninterview. Am späteren Nachmittag dann Flug in den Westen der Republik. Um 22.05 Uhr hätte er wieder in Berlin-Tegel landen sollen. 23 Uhr, heißt es in seinem Dienstkalender, wäre er in seiner Wohnung gewesen.

Ein perfekt durchgeplanter Tag. Wäre da nicht der Körper des Franz Müntefering, der irgendwann streikte: Um 17.25 begann er seine Rede im Homburg/Saar, 20 Minuten später klappte er zusammen.

Abhängig von der Droge Politik

Während der 65jährige Müntefering einen Politmarathon läuft, vergnügen sich die meisten Altersgenossen mit Rotwein in der Toskana, auf Mallorca oder auf dem heimischen Balkon. Männer wie Müntefering stehen unter ständiger Beobachtung - und sind auf diese Beobachtung durch Medien angewiesen. Viele sind einfach süchtig nach dem Drumherum. Wie Gregor Gysi, den es nach einer gefährlichen Operation am Kopf wieder ins Rampenlicht zieht wie die Mücke ins Licht. Oder wie Oskar Lafontaine, den Rächer aus dem Ruhestand, zurück in den Zweikampf gegen Gerhard Schröder. "Höhenrausch" hat der SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann sein Buch über die Droge Politik genannt.

Politiker zu sein, das ist kein Teilzeitjob, zumindest nicht an der Spitze, wo die Luft, wie überall in den Chefetagen der Republik, immer dünner wird. Vorbei die Zeiten, da man noch im Wahlkampfzug wie Willy Brandt durch die Republik reiste. Da gab es sogar noch Raum für Geheimnisse - unvorstellbar heute. Jetzt heißt es: am besten überall sein. Sich selber klonen, das wäre wahrscheinlich der Idealpolitiker.

Und immer auf der Hut sein. Man darf sich nicht wundern, dass es immer weniger Menschen in die Politik zieht - wer sich darauf einlässt, muss wissen, was ihm droht.

Ein Blick in den Terminkalender des SPD-Chefs vom 22. Juli bis zum 24. August - es könnte auch der eines anderen Politikers sein, von Schröder, Merkel, Stoiber, Westerwelle, Bisky - ist ein Dauerlauf fast ohne Pausenzeichen. Müntefering ist in einem Monat in rund 50 Orten der Bundesrepublik gewesen, hat auf 16 Kundgebungen gesprochen und rund 40 Wahlkreisveranstaltungen besucht, dazwischen und danach immer wieder Interviews gegeben, telefoniert, Besprechungen in der Parteizentrale abgehalten.

Tempo fordert Tribut

Heute wie früher gilt: Wer oben stand und steht, rudert am Rande des Möglichen. Der Körper wird ausgelaugt bei 18-Stunden-Tagen ohne Wochenende, oft ohne Familie und Freunde, dabei häufig dieselben Reden haltend und Worthülsen gebrauchend. Dabei meist unter Höchstanspannung, gerade im Wahlkampf, wo ein Versprecher genügt, um sich selbst und der Partei zu schaden. Denn überall - auch das ein Unterschied zu den Sechzigern, Siebzigern und noch den Achtzigern- ist eine Kamera dabei - ob vom Fernsehen, vom politischen Gegner oder von einem Privatmann, der den Patzer dann anschließend als Video ins Internet stellt oder an einen Sender verscherbelt.

Das Tempo fordert Tribut, nur wurde und wird das noch oft verheimlicht: Willy Brandts lebensgefährlicher Zusammenbruch 1978 wurde als "Erkältung" deklariert, auch Helmut Schmidts und Hans-Dietrich Genschers Herzinfarkte erst im Nachhinein bekannt. Peter Strucks Schlaganfall wurde ebenfalls zunächst umnebelt, doch schon bald zog es den Verteidigungsminister von der Reha-Klinik wieder in die Welt. Schwäche zu zeigen, das glauben die wenigsten Politiker sich leisten zu können.

Spitzenpolitiker im Zeitalter von digitaler Übertragungstechnik, von Internet und Handy, Dauerberieselung und Dauerpräsenz gleichen Charlie Chaplin im Film "Moderne Zeiten": Eingeklemmt zwischen Riesenzahnrädern einer Maschine, dabei hilflos mit den Werkzeugen fuchtelnd. Doch die Maschine trägt sie wie Chaplin, den einsamen Tramp, fort und fort. Es darf keinen Halt geben.

Müntefering wird sich zwei Tage Ruhe gönnen. Vielleicht ein wenig kürzer treten. Aber er wird weitermachen. Ganz gewiss. Seine Kollegen täten es ja auch.

Er schont sich nicht und seine Partei ebenso wenig. Um 16.55 Uhr meldete sich heute die bayerische SPD mit einer wichtigen Nachricht per E-Mail:

"Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, der Partei- und Bundestagsfraktionsvorsitzende Franz Müntefering kommt am Samstag, 3. September, im Rahmen seiner Wahlkampftour nach München in die Reithalle."

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