Von Charles Hawley
Es gehört zu den weit verbreiteten Fehleinschätzungen der US-amerikanischen Linken, dass Europäer im Allgemeinen bessere Menschen und im Besonderen mit überlegenen Sekundärtugenden ausgestattet seien: Besser erzogen und irgendwie intellektueller als die Amerikaner. Und noch immer hält sich bei manchen Weltverbesserern zwischen L.A. und New York hartnäckig das Gerücht, wir Amerikaner würden uns bei Wahlen nur an blitzenden Zähnen und überzeugenden Charakteren orientieren, während die Europäer sich beim Urnengang von hehren Ideen und Überzeugungen leiten lassen.
Die Gründe dieser Sichtweise liegen an den politischen Systemen diesseits und jenseits des Atlantiks. Amerikas Mehrheitswahlrecht lenkt den Blick stärker auf einzelne Politiker als Deutschlands parlamentarisches System, das die Wähler vor allem mit Parteien anstelle von Leuten konfrontiert - jedenfalls theoretisch.
Ideen über Egos, so lautet das Lob der Europa-Fans in Amerika. Das sei ja so erfrischend anders als in den USA. Dort werden die Kampagnen von schmackigen Polit-Häppchen getragen, die nach Möglichkeit nicht länger als 30 Sekunden dauern sollten. Auch die Argumente für oder gegen einen Kandidaten sind schnell ausgetauscht, weil vorab sorgsam abgezählt.
In Deutschland dagegen werden ganze Zeitungen mit detailbesessenen Artikeln und Anzeigen gefüllt, minutiös bis ins Letzte und so politikbesessen langweilig, dass hier aus amerikanischer Sicht nur ein Erbsenzähler wie Al Gore mithalten könnte. Große Politik.
Das führt uns geradewegs zum Donnerstagabend im Zweiten Deutschen Fernsehen. Dort hatten gestern die Chefs der im Bundestag vertretenen Parteien (ich weiß, jetzt rufen wieder ein paar Erbsenzähler: "Wo war die PDS?") die Gelegenheit, sich auszubreiten. Franz Müntefering wurde von Wolfgang Clement vertreten - der SPD-Vorsitzende erlitt im Wahlkampf am Mittwochabend einen Kollaps. Mancher Deutsche hält die Zusammenkunft vor laufenden Kameras per se schon für amerikanisch: Natürlich gibt es in den USA Fernsehdebatten. Aber Parteifunktionäre zur Prime Time? Pustekuchen.
Angie mit Play-Taste
Aber wenn es so eine Polit-Show zur Prime Time einmal geben sollte in meiner Heimat, dann würde sie wohl so ablaufen wie Donnerstagabend im Zweiten, mit dem man ja angeblich besser sieht. Irgendetwas verdüstert den Weg zum Wahltag am 18. September, und es sieht nicht niedlich aus. Nennen wir es ruhig die Amerikanisierung deutscher Politik.
Niemand erwartet natürlich von so einem Polit-Fernsehabend eine wirklich tiefgehende Betrachtung deutscher Wirklichkeit. Und für amerikanische Verhältnisse war die Sendezeit zwischen 20.15 Uhr und 21.45 Uhr noch mit genug humorfeindlicher Politbesessenheit gefüllt. Jeder Kandidat hatte ausreichend Gelegenheit darzulegen, wie er die Steuern und den Schuldenberg senken und die Beschäftigungsquote steigern würde.
Dennoch, wie so oft bei Ereignissen dieser Art, kamen die Statements so unerträglich routiniert herüber. Man hat das alles schon mal gehört, und zwar in genau derselben Tonlage. Vor allem die virtuelle Bundeskanzlerin Angela Merkel kam mir so vor, als halte sie eine "Play"-Taste unter dem Tisch versteckt, mit der sie ihre Slogans auf Kommando abruft. Stimmung kam nur auf, wenn die Moderatoren ihren Frage-Zettelkasten nicht weiter ernst nahmen und die Kandidaten - oft planlos - übereinander herfielen.
Was haben wir gestern im ZDF nun gelernt? Erstens wissen wir nun definitiv, dass Edmund Stoiber noch immer nicht kapiert hat, dass nicht mehr er, sondern die Dame neben ihm Bundeskanzler werden soll. Konzentriert und aggressiv stieg er von Anfang an in den Ring und verpasste der rot-grünen Regierungsbilanz einen Haken nach dem anderen. Aber plötzlich, nach etwa 45 Minuten, wurde er ruhiger - als hätte Tischnachbarin Merkel im unter dem Tisch gegen das Schienbein getreten und gezischt: "Ich bin hier die Kandidatin, du Depp!"
Zweitens haben wir gelernt, dass sich Guido Westerwelle anstrengen kann, wie er will - irgendwie nimmt ihn keiner ernst. Vielleicht liegt das auch daran, dass er meistens so aussah wie ein Schiffbrüchiger im Rettungsring. Dabei steht seine Partei gar nicht schlecht da - merkwürdig.
Wir haben gelernt, dass Joschka Fischer draußen im Lande um jeden Preis um Stimmen kämpft - auch um seine eigene, wie er ironisch betonte. Er hat den Umfragen zufolge keine Chance mehr auf die Macht, aber er nutzt sie: Mit seiner von Kundgebungen heiseren Don-Corleone-Stimme war er neben Stoiber noch immer der beste Kämpfer am Tisch. Verehrung, mein Pate! Übrigens ist Fischer gar nicht offiziell Vorsitzender seiner Partei; dass er trotzdem in die Runde durfte, beweist die Corleone-These.
Arbeitsminister und SPD-Vizechef Wolfgang Clement, der Parteichef Müntefering ersetzen musste, war munterer als erwartet und konnte es mit Merkel und Stoiber locker aufnehmen. Leider lernten wir über ihn auch, dass er offenbar nur mit einer 45-Minuten Runde gerechnet hat. Um 21 Uhr ging ihm der Dampf aus.
Keine Zeit für Absprachen
Und schließlich wissen wir jetzt, dass Angela Merkel auch nach hunderten Fernsehauftritten noch immer in die Kameras und Scheinwerfer guckt wie ein scheues Reh. Sie brauchte eine Dreiviertelstunde, um warm zu werden, dann sprudelte sie manchmal vor kurzen Sätzen - eigentlich Münteferings Vorrecht, aber der war ja nicht da. Frau Merkel und Herr Stoiber haben übrigens ganz offensichtlich keine Zeit darauf verschwendet, sich in ihrer Gesprächsstrategie irgendwie abzustimmen. Das lässt auf lustige Zeiten nach dem 18. September hoffen, wenn beide diese Republik regieren sollen.
Eine oberflächliche Analyse? Wahrscheinlich. Aber was soll man machen? Dies ist ein oberflächlicher Wahlkampf mit oberflächlichen Kandidaten, die sich in einer oberflächlichen Sendung oberflächliche Argumente an den Kopf geworfen haben. SPD und CDU suchen krampfhaft nach Themen, und in dieser verzweifelten Pose unterscheiden sie sich nicht besonders von George W. Bush, der zurzeit damit beschäftigt ist, seinen Irak-Krieg krampfhaft zu rechtfertigen.
Deutschland war in den vergangenen Jahren vor allem damit beschäftigt, sich in eine Weltuntergangsstimmung hinein zu reden. Die politische Debatte ging von Sozialreformen zum Steuersystem, dann zu Sozialreformen und wieder zum Steuersystem, und schließlich: zu Sozialreformen um dann, na ja, Sie ahnen es schon. Nun ruft die CDU "Weltuntergang" und die SPD antwortet: "Fünf Millionen Arbeitslose? Welcher Weltuntergang?"
Das Ergebnis haben wir am Donnerstag auf der Mattscheibe begutachtet. Eine siegesgewisse Union tritt im Doppelpack vor die Kameras - und bleibt die Antwort schuldig, wie sie Deutschland aus der Misere holen will. Gewinnen werden Merkel und Stoiber wohl trotzdem.
Gegenüber sitzen lebhafte Regierungsvertreter, die nichts mehr zu verlieren haben, weil sie wissen, dass die Wahl für Rot-Grün verloren ist. Dazwischen kauert eine bedeutungslose FDP, die vielleicht bald mitregieren darf. Die einzig interessante Frage bleibt, wie viele Menschen zur Wahl gehen werden. Es würde mich nicht überraschen, wenn wir auch hier bald amerikanische Verhältnisse in Deutschland erreichen.
Charles Hawley, 34, arbeitet in der englischsprachigen Redaktion von SPIEGEL ONLINE. Er wurde in Seattle geboren und lebt seit 1999 als Amerikaner in Berlin
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