Von Claus Christian Malzahn
Berlin - Das war also der Höhepunkt des Wahlkampfs 2005. Ein Fernseh-Hochamt ist uns versprochen worden. Eine Sternstunde sollte dieses Streitgespräch werden, Entscheidungshilfen für die Zögernden bieten, Gesprächsstoff liefern für die letzte Phase vor dem 18. September.
Doch angesichts dieses ernormen Erwartungsdrucks war die erste halbe Stunde der Sendung mehr als bizarr. Angela Merkel selbst hatte die Wahl zu einer Neugründung der Bundesrepublik stilisiert und als Vergleichsdatum das Jahr 1949 genannt. Gestern Abend wurde dieser Mantel der Geschichte dann umgenäht: zu einem Deckchen für einen Nierentisch. Schade eigentlich.
Hektisch werden erst mal Steuermodelle hin und her geschoben wie Kugeln auf einem Rechenschieber. Das Thema haben selbst die Diskutanten irgendwann aus dem Blick verloren, und es ist auch keine Reklame für den Journalismus, wenn vier Moderatoren nicht dafür sorgen können, dass der Kanzler und die Kandidatin einfach die Fragen beantworten, die man ihnen stellt. Gleich beim ersten Versuch flutscht Merkel Maybrit Illner weg wie Seife: Mehrwertsteuererhöhung? Die Kandidatin meidet das Thema, bis Schröder es zurück aufs Tapet holt.
Es ist schon merkwürdig: Das große Wort der Schicksalswahl steht im Raum, aber der Kanzler und die Kandidatin tauchen erst einmal ab ins dunkle Herz der deutschen Steuerbürokratie. Immerhin wurde in dieser halben Stunde klar, dass wir von der Bierdeckel-Steuererklärung weiter entfernt sind denn je. Der deutsche Fernsehzuschauer scheint ein geduldiges Tier zu sein, dass er trotzdem dran blieb. Leider konnte man sich nicht auf einen anderen Kanal retten, denn Merkel und Schröder nahmen mit ihren krummen Prozentzahlen und verwegenen Steuerrechnungen die wichtigsten Sender in Beschlag. Eher wird Gregor Gysi Verteidigungsminister, als das dieses Land - Merz und Kirchhof hin oder her - sein eigenes Finanzsystem verstehen lernt.
Ein Gespenst geht um im Studio: Kirchhof
Nun betraten neben Merkel und Schröder noch zwei weitere Kandidaten den Raum. Der eine hieß Paul Kirchhof, der andere auch. Der eine ist ein Visionär, der mit Merkels Hilfe die Finanzpolitik mit frischen Ideen aufmischen soll, der andere ein frauenfeindlicher Reaktionär, der den kleinen Leuten ans Geld will. Der Professor aus Heidelberg ist die Überraschung in diesem Wahlkampf, der eigentlich erst für nächstes Jahr geplant war. Aber welcher Kirchhof nun eigentlich der echte ist - das haben wir auch gestern wieder nicht erfahren.
Zwei Moderatoren hätten gestern Abend auch gereicht, dass gleich vier Journalisten fragen und keine Antworten bekommen, hätte man nicht öffentlich demonstrieren müssen. 90 Minuten am Stück sind viel zu lang, zweimal eine Stunde hätte Fragern und Befragten viel mehr Konzentration abverlangt. Aber was soll's. Vielleicht sollte man seine Wahlentscheidungen künftig ganz altmodisch wieder mehr von seiner in Jahren gereiften persönlich politischen Bilanz abhängig machen - und nicht von der rundum ausgeleuchteten Tagesform zweier Spitzenkandidaten, die uns aber auch nicht im Geringsten mit irgendetwas überrascht haben.
"Viel Spaß mit Herrn Stoiber"
Wie erwartet ging Schröder als Sieger vom Platz. Alles andere wäre nach 40 Jahren Politik, davon 15 Jahre als Ministerpräsident und Bundeskanzler, eine Überraschung gewesen. Vielleicht war er als Politiker noch nie so gut wie jetzt. Mit jeder Geste machte er deutlich: Ich weiß, wovon ich rede. Seine Herausforderin hat dagegen bisher noch keine Wahl als Spitzenkandidatin gewonnen.
Merkel hatte vorher keine Gelegenheit, in einem Bundesland das Regieren zu üben. Seit langem hatte es keinen Kanzler ohne diese Erfahrung gegeben. Diese handwerkliche Diskrepanz zwischen Kandidatin und Kanzler war auch gestern wieder mit Händen zu greifen. "Kann die das?" - diese Frage steht auch nach Merkels gestrigem, manchmal sogar überraschend originellem Auftritt noch immer im Raum. "Viel Spaß mit Herrn Stoiber, wenn es ums Geld geht", ruft der Kanzler ihr zu - in solchen Momenten wirkt Merkel verloren.
Der Regierungschef versteht mehr vom politischen Tagesgeschäft als seine Gegnerin. Aber der Kanzler wird in der Bundesrepublik nicht direkt, sondern aus der Mitte des Bundestags gewählt. Dieses Duell war deshalb, wenn man es überhaupt mit einem Etikett versehen will, ein Paradoxon. Schröder hat gestern zwar keinen Trend gedreht - das wäre auch mit aggressiverem Auftreten kaum möglich gewesen. Er hat aber offenbar eine ganze Reihe Unentschiedener zur SPD hinüberziehen können. Das wird nicht reichen, um Rot-Grün noch mal in die Regierung zu hieven. Aber vielleicht reicht dieser und Schröders nächster Auftritt am 12. September, um die Mehrheit von Schwarz-Gelb zu brechen.
Best of Schröder
Schröder wollte nach der Niederlage der SPD in NRW das tun, was er am besten kann: kämpfen. Doch sein "Best of Schröder" geriet unversehens zur Abschiedstournee - daran hat auch sein Auftritt gestern nichts geändert. Er wird nach politischem Ermessen nicht wieder Kanzler. Aber er schafft es vielleicht, auf seiner Abschiedstournee noch einmal so viele Wähler an die SPD zu binden, dass in Berlin nicht gegen die Sozialdemokratie regiert werden kann. Die große Koalition wäre das letzte Geschenk, was Gerhard Schröder seiner Partei machen könnte.
In den Bilanzen, die jetzt schon fleißig über Rot-Grün geschrieben werden, liest man oft, die Regierung Schröder sei irgendwo zwischen Ideologie und Pragmatismus hängen geblieben. Mal davon abgesehen, dass das zeitweise für jede Regierung der Bundesrepublik Deutschland gegolten hat, konnte man gestern Abend besichtigen, dass Angela Merkel schon vor Amtsantritt in diesem Dilemma steckt.
Einerseits betont sie, sieben Jahre Rot-Grün haben nichts als Elend über das Land gebracht. Andererseits hat die Union etwa die Hälfte dieser politischen Ausbeute mit zu verantworten. Ob Militäreinsätze im Kosovo oder in Afghanistan, Hartz IV oder Gesundheitsreform: Die CDU/CSU war einverstanden oder am politischen Kompromiss beteiligt - auf Nachfrage gab Merkel das gestern auch zu. Worin sich die Politik einer von ihr geführten Regierung nun grundsätzlich von Schröders unterscheiden soll, ist gestern nicht klar geworden. Merkels Versprechen, "vor der Wahl zu sagen, was wir nach der Wahl machen werden", hat sie gestern gerade nicht eingelöst. Als Gerhard Schröder 1998 an die Macht strebte, sagte er: "Wir wollen nicht alles anders, aber vieles besser machen." Das war glaubwürdig. Merkels Verdammung der vergangenen sieben Jahre ist es nicht.
In wenigen Wochen wird sie vermutlich trotzdem mit dem "Durchregieren" beginnen. Von einer Neugründung der Republik sind wir dennoch weit entfernt - glücklicherweise. Der von Angela Merkel in den Raum geworfene Bezugsrahmen von 1949 ist politisch völlig vermessen - sie hat diesen Vergleich gestern im Fernsehen wohlweislich nicht wiederholt. Und wenn sie die Leistungen ihrer Regierung eines Tages an denen des Reformkabinetts von Willy Brandt messen kann, hätte sie sehr viel mehr erreicht, als man ihr im Moment noch zutraut.
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