CDU-Kulturpolitiker Lammert
"Politik ist nicht für Kunst zuständig"
Norbert Lammert wird als künftiger Kulturstaatsminister in einer schwarz-gelben Regierung gehandelt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über die Rolle des Amtes, das Lob der Kritiker, das Zentrum gegen Vertreibungen und über die schwierige Hauptstadtförderung.
DDP
Bundestagsvizepräsident Lammert: Anerkennung von "FAZ" bis "taz"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Lammert, Sie sind im sogenannten
Kompetenzteam von Frau Merkel für Kultur zuständig. Das ist ein weites
Feld. Was muss ein Kulturstaatsminister eigentlich können?
Lammert: Er muss all das beherrschen, was auch für andere
Ressorts gilt - zunächst einmal Kommunikationsfähigkeit und Gestaltungswillen. Und
darüber hinaus muss er den Zugang zu einer Szene haben, die sich in ihren Interessen,
Orientierungen, Besessenheiten und Fixierungen auf einzelne Aspekte
deutlich von anderen Gruppen der Gesellschaft unterscheidet.
SPIEGEL ONLINE: Soll es eigentlich in der Kultur
Qualitätskritieren für gute und schlechte Kunst geben?
Lammert: Jedenfalls kann der Staat sie nicht definieren. Ich finde es durchaus hilfreich in einer Zeit, die
ohnehin zur Beliebigkeit neigt, wenn es einen Restbestand an
Überzeugungen, an Kriterien gibt, die ein gewisses Maß an Verbindlichkeit
erkennen lassen. Doch diese Referenz muss man deutlich trennen von der
Kompetenz eines Staates - in diesem Falle eines Ministers. Ihm steht eine
solche Beurteilung allenfalls als Privatmann zu, nicht aber in seiner
staatlichen Aufgabe. Ich wiederhole mich gerne: Politik ist nicht für
Kunst zuständig, sondern für die Bedingungen, unter denen sie
stattfindet.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind in der letzten Zeit durchweg gelobt worden, von der "FAZ" bis zur "taz". Bahnt sich da eine Versöhnung an zwischen
der CDU und dem Feuilleton?
DDP
Merkel-Team mit Lammert (l.): "Herausragende Repräsentanten aus der Kunst - und Kulturszene gewinnen"
Lammert: Vielleicht hat sie längst stattgefunden. Ich habe schon in der Amtszeit von Helmut Kohl erfolglos für die Einrichtung des Amts eines Kulturstaatsministers gekämpft, seit 1998 habe ich eine Art Parallelstruktur kultureller Beziehungen in der Partei aufgebaut. Und die erste Verblüffung war: Wie leicht es war, herausragende Repräsentanten aus der Kunst- und
Kulturszene für einen informellen Gesprächskreis der CDU zu gewinnen.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch bekennen sich mehr Künstler offen zur SPD als zur Union.
Lammert: Richtig. Wie sehr sich aber das Verhältnis zur Union entkrampft hat, können sie etwa daran ablesen, dass der Intendant Jürgen Flimm wieder einmal in einer SPD-Künstlerinitiative auftritt und in derselben Woche in einem Interview
auf die Frage, was er von einem Kulturstaatsminister Lammert hielte, antwortet: das sei eine glänzende Besetzung. Im übrigen halte ich die Instrumentalisierung von Kunst und Künstlern für Wahlkampfzwecke nicht für eine Errungenschaft.
SPIEGEL ONLINE: Die bisherigen Kulturstaatsminister mussten das 1998 von Rot-Grün geschaffene Amt neu erfinden. Welche Spuren würden Sie gerne hinterlassen?
Lammert: Ich werde im Augenblick mit dem Kompliment überschüttet, ich hätte ein bemerkenswert souveränes Verhältnis zu den Grenzen dieses
Amtes. Zugleich lebe ich mit dem Vorwurf, mir fiele offenkundig nichts ein. Ich halte nichts davon, mögliche Spuren anzukündigen statt sie zu ziehen. Eine Reihe von Akzentuierungen und Verschiebungen hängen ja nicht nur von
mir ab.
SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie es uns dennoch versuchen. Wie geht es weiter mit der Beutekunst, einer Quelle des Streits zwischen Berlin und Moskau?
Lammert: Alle Amtsinhaber sind bei dem Thema glücklos geblieben, auch weil das Auswärtige Amt die Aktivitäten des Kulturstaatsministers als Einmischung in eigene Angelegenheiten betrachtet hat. Und natürlich ist die Materie sehr komplex. So ist der Versuch, den Streit durch das Austragen völkerrechtlicher Positionen zu beenden, nicht sehr erfolgreich gewesen.
Deshalb habe ich viel Sympathie für den Vorschlag, mit anderen Instrumenten vorzugehen.
SPIEGEL ONLINE: Welchen?
DDP
Amtierende Kulturstaatsministerin Weiss: Ein von Rot-Grün geschaffenes Amt geprägt
Lammert: Zum Beispiel, indem man die ins Ausland verbrachten Kulturgüter, in
welcher Form auch immer, zugänglich macht. Da muss man mit vielen deutschen und internationalen Partnern reden, um zu einer im kulturpolitischen Interesse
überzeugenden Lösung zu kommen - ganz unbeschadet von rechtlichen Fragen.
SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie die auswärtige Kulturpolitik in die
Hände des Kulturstaatsministers legen?
Lammert: Es gibt keine Patentlösung, vielmehr geht es hier um eine Optimierungsfrage. Augenfällig bleibt zumindest der Eindruck, dass es
an einer Koordination der in- und ausländischen Kulturpolitik im
Kanzleramt mangelt.
SPIEGEL ONLINE: Was ist mit der unter Rot-Grün gegründeten
Bundeskulturstiftung? Soll sie mit der seit fast 20 Jahren bestehenden der
Länder zusammengelegt werden?
Lammert: Natürlich müssen die beiden jeweils bundesweit tätigen Stiftungen zusammengeführt
werden - das wird aber nur gehen, wenn daraus eine Stiftung des Bundes und
der Länder wird, die Projekte und Institutionen von nationaler beziehungsweise internationaler Bedeutung nach gemeinsam vereinbarten Kriterien fördert.
SPIEGEL ONLINE: Die Preußische Stiftung Kulturbesitz als Vorbild?
Lammert: Formal ja, materiell nicht. Dort sind zwar die Sitze
zwischen Bund und Ländern paritätisch aufgeteilt, die Mittel stellt aber
der Bund fast allein zu Verfügung. So kann es nicht gehen.
SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als bekennender Föderalist. Wie sehen
Sie bei der Hauptstadtrepräsentanz die künftige Rolle des Bundes?
Lammert: Ich vertrete zwei klare Orientierungen: Erstens, der
Kulturstaat Deutschland muss ganz selbstverständlich und in besonderer
Weise in der Hauptstadt erkennbar sein. Zweitens, das Kriterium für die
Förderung von Kultureinrichtungen und Projekten kann nicht der Sitz der
jeweiligen Einrichtungen sein, sondern ihre
nationale und internationale Bedeutung.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als haderten sie mit den Berliner
Ansprüchen.
Lammert: Die Selbstverständlichkeit, mit der Berliner
Einrichtungen durch den Bund für förderungswürdig gehalten werden, nur
weil sie in Berlin sind, habe ich stets für einen logischen Kurzschluss
gehalten und kulturpolitisch nicht für eine Genietat.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt, bedingt durch die Trennung, gleich drei
Opern, eine im Westen und zwei im Osten.
Lammert: Mit hohen Belastungen für den Berliner Etat. Berlin muss sich aber den Vorwurf gefallen
lassen, zu keiner Zeit eine ordentliche Eröffnungsbilanz ihrer Kultureinrichtungen in städtischer Trägerschaft vorgenommen zu
haben. Wenn man das getan hätte, wäre man wohl sehr schnell zu dem
Ergebnis gekommen, dass die Oper unter den Linden, die vom preußischen
Staat gegründet wurde, eher in den Preußischen Kulturbesitz gehört. Aber die Berliner Mischung aus Großzügigkeit,
Selbstbewusstsein und der Erwartung, vom Bund werde selbstverständlich übernommen, was Berlin
am Ende nicht finanziell tragen kann, hat auch an dieser Stelle dazu geführt, dass man das Thema
ständig vor sich her geschoben hat.
DPA
Deutsche Beutekunst in St. Petersburg(2002): "Kulturgüter, in welcher Form auch immer, zugänglich machen"
SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie uns in die Zukunft blicken. Brauchen
wir in Berlin ein Zentrum gegen Vertreibungen?
Lammert: Wir haben eine klare Position - das Zentrum ist ein
legitimes Anliegen. Wir legen großen Wert darauf, dass dieses Projekt
nicht auch nur ansatzweise in den Verdacht gerät, eine Stätte exklusiver Erinnerungskultur zu sein.
Hier soll das Leid des eigenen Volkes wie das der anderen dargestellt
werden, im Kontext der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Wenn der Staat
eine Aufgabe der Kulturpolitik hat, dann richtet sie sich gewiss auf den Umgang mit seiner eigenen Geschichte. Das Fatale ist
doch: In ihrer Ablehnung des Zentrums hat Rot-Grün jenen Stimmen im In-
und Ausland Vorschub geleistet, die das Anliegen an sich schon für unangemessen
halten.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem bleiben die Bedenken in Polen.
Lammert: Und wir müssen sie ernstnehmen, wie es der Bundespräsident kürzlich bei seinem Polen-Besuch getan hat. Ich sehe die historischen Erfahrungen, ich begreife aber nur schwer manche Intonation in der Debatte. Es
zeigt sich, dass man weiter miteinander diskutieren muss. Es ist ein
Thema, bei dem man vor allem eines braucht - Geduld.
SPIEGEL ONLINE: Rot-Grün tut sich schwer mit nationaler
Repräsentanz. Wird sich das unter einer Unionsregierung wieder ändern?
Lammert: Es gibt ja Vertreter der amtierenden Bundesregierung, die stolz darauf waren, die Nationalhymne weder zu beherrschen noch singen zu wollen. Wenn
man Selbstverständlichkeiten staatlicher Repräsentanz derart karikiert, darf man sich nicht
wundern, dass ein Bedürfnis nach einem aufgeklärtem Patriotismus heimatlos
zu werden droht. Wir werden ganz sicher selbstbewusster mit dem Thema
umgehen.
SPIEGEL ONLINE: Unter Helmut Kohl wurde - Stichwort Neue Wache,
Deutsches Historisches Museum - auch auf bauliche Repräsentationskultur
gesetzt. Soll der Bund sich am Wiederaufbau des Schlosses beteiligen?
DDP
Palast der Republik in Berlin auf dem Schlossplatz: "Wir brauchen zunächst ein solides Konzept"
Lammert: Ohne Bundesbeteiligung erledigt sich das Thema von selbst. Wenn man das will, dann darf man sich allerdings nicht von der eigenen
Begeisterung hinwegtragen lassen. Wir wollen, dass das Schloss wiederaufgebaut wird -
Voraussetzung sind Planungsrecht und ein
Finanzierungskonzept. Von beidem kann bislang nicht ernsthaft die Rede sein.
Wir brauchen zunächst ein solides Konzept,
von dem wir sagen können: das halten wir auch durch.
Das Interview führten Claus Christian Malzahn und Severin Weiland
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