Berlin - Er habe sich vorgenommen, "jetzt noch vier Prozent draufzulegen in den nächsten zehn Tagen", sagte Schröder heute in einem Interview mit dem Nachrichtensender n-tv zu einer aktuellen Forsa-Umfrage, nach der die Sozialdemokraten auf 34 Prozent kommen. Weiter sagte er: "Wir brauchen noch vier Prozent Zuwachs, die anderen müssen genau die verlieren, dann haben wir ein Ergebnis, wie wir es 2002 auch hatten." 2002 hatte die SPD 38,5 Prozent erzielt.
Nach den neuen Forsa-Zahlen hätten SPD, Grüne und Linkspartei eine Mehrheit. Da Schröder eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei ausgeschlossen hat, wäre derzeit eine große Koalition aus CDU/CSU und SPD die wahrscheinlichste Lösung. Schröder zeigte sich zuversichtlich, dass es zu einer solchen Patt-Situation nicht kommen werde: "Das wird nicht Wirklichkeit werden".
Der Kanzler betonte, mit einem solchen Ergebnis könne er "in der Konstellation weiter arbeiten können, in der ich diese Erneuerung nach innen und die außenpolitische Positionierung Deutschlands als Friedensmacht begonnen habe". "Ich will das fortsetzen."
Verwundert zeigte sich Schröder, dass Union und FDP schon jetzt die Wahl für gelaufen hielten. "So etwas zahlt sich nicht aus", betonte er. Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel reagierte gelassen auf die Zugewinne der SPD. Dem Nachrichtensender N24 sagte sie, sie nehme die Umfrage als Ansporn. Die Union habe eine hervorragende Ausgangsposition. "Wir kämpfen bis zur letzten Stunde", betonte die CDU-Chefin.
Nach der heute veröffentlichten Forsa-Umfrage für "Stern" und RTL hat die SPD massiv aufgeholt, so dass es erstmals seit Wochen nicht mehr für eine schwarz-gelbe Regierung reichen würde. Die Befragung von insgesamt 1030 Bundesbürgern erfolgte am Montag und Dienstag, also unmittelbar nach dem Fernsehduell zwischen Schröder und seiner Herausforderin Angela Merkel vom Sonntagabend, das der Kanzler den Blitzumfragen zufolge klar gewonnen hatte.
Danach legte die SPD laut Forsa um drei Prozentpunkte von 31 auf 34 Prozent zu. CDU/CSU verloren dagegen einen Punkt und liegen jetzt bei 42 Prozent. Auch die FDP sank von sieben auf sechs Prozent, so dass Union und Liberale zusammen nur noch auf 48 Prozent kommen. Die Grünen blieben unverändert bei sieben Prozent, die Linkspartei Gregor Gysis und Oskar Lafontaines sank um einen Punkt auf acht Prozent.
Schröder 17 Prozentpunkte vor Merkel
Damit liegen SPD, Grüne und Linkspartei zusammen bei 49 Prozent und damit erstmals seit Wochen wieder einen Punkt vor der Wunschkoalition von Merkel und FDP-Chef Guido Westerwelle. Bei den Kanzlerpräferenzen konnte sich nach dem TV-Duell allerdings auch Merkel um einen Punkt verbessern, Schröder jedoch um vier Prozentpunkte. Mit insgesamt 48 Prozent liegt der Bundeskanzler damit jetzt 17 Prozentpunkte (Vorwoche: 14 Punkte) vor seiner Herausforderin.
Forsa-Chef Manfred Güllner sagte: "Es ist der SPD offensichtlich gelungen, auf Grund des guten Eindrucks von Gerhard Schröder beim TV-Duell einen Teil der bislang unentschlossenen SPD-Wähler wieder zurückzuholen." Wenn sich diese Entwicklung stabilisiere, werde es knapp für Schwarz-Gelb.
In den Blickpunkt rückt dagegen wieder eine mögliche große Koalition. Für Unions-Fraktionsvize Wolfgang Schäuble kann eine CDU/SPD- Bundesregierung nur ein zeitlich sehr begrenztes Bündnis sein. "Selbst wenn es zu Schwarz-Rot käme, was ich nicht glaube, wäre die SPD nach ein bis anderthalb Jahren innerlich so paralysiert, dass sie aus der Regierung ausscheiden und in ein Linksbündnis eintreten würde", sagte der CDU-Politiker der "Leipziger Volkszeitung".
Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) sagte der Zeitung "Die Welt": "Wir kämpfen natürlich für den Sieg von Schwarz-Gelb. Eine große Koalition wäre nur die zweitbeste Lösung. Wir zeigen in Sachsen, dass in einer CDU-geführten großen Koalition auch gute Politik gemacht werden kann."
Der Spitzenkandidat der Linkspartei, Oskar Lafontaine, sähe es als Erfolg an, wenn es zu einer großen Koalition. Es sei ein entscheidender Erfolg des Zusammenschlusses von PDS und WASG, dass die Mehrheit von CDU und FDP inzwischen nicht mehr sicher sei, sagte Lafontaine heute in Köln.
Sollte es dank des Ergebnisses der Linkspartei nur zu einer großen Koalition kommen, käme der von CDU und FDP geplante weitere Sozialabbau "faktisch zum Erliegen", sagte der ehemalige SPD-Vorsitzende. "In der großen Koalition wird der Sozialabbau wegen der Konkurrenz der SPD zur Linkspartei wesentlich schwieriger." Der PDS-Spitzenpolitiker Gregor Gysi äußerte die Erwartung, dass die SPD in der nächsten Zukunft ihren Kurs korrigieren und sich den Vorstellungen der Linkspartei annähern werde. "Vielleicht gibt es ja 2009 eine Koalition mit der SPD, wenn die wieder sozialdemokratisch geworden ist", meinte Gysi.
Emnid sieht noch Mehrheit für Schwarz-Gelb
Eine Umfrage des Instituts Emnid für die "Berliner Morgenpost" ergab ebenfalls einen deutlichen Aufwärtstrend für die SPD, danach würde es aber dennoch weiter ganz knapp für Union und FDP reichen. Allerdings wurde diese Befragung von 4058 Wahlberechtigten vom 29. August bis 5. September vorgenommen, so dass nur der letzte Tag in die Zeit nach dem Fernsehduell fiel.
Danach verbesserte sich die SPD von 30 auf 32 Prozent, während CDU/CSU unverändert bei 42 Prozent blieben. Auch FDP und Grüne kamen in der Umfrage wie in der Vorwoche wieder auf sieben Prozent, während die Linkspartei einen Punkt verlor und bei neun Prozent landete. Damit ergäbe sich ein Vorsprung von 49 zu 48 Prozent für Union und FDP.
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