Berlin - War das TV-Duell von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und seiner Unions-Herausforderin Angela Merkel Ausschlag gebend für eine Trendwende? Es scheint so. Seit dem Duell holt die SPD enorm auf. Union und FDP haben ihre wochenlange Mehrheit in der Wählergunst auch in der zweiten Umfrage nach dem Duell verloren.
Würde am nächsten Sonntag gewählt, bekäme die Union zwei Punkte weniger als in der Vorwoche und läge wieder bei 41 Prozent. Dies ermittelte das Institut Infratest dimap für den "ARD-Deutschland-Trend". Im Gegenzug gewinnt die SPD zwei Punkte hinzu und erreicht 34 Prozent.
Die Linkspartei verliert einen halben Punkt und bekommt 8,5 Prozent. Die Grünen bleiben stabil bei 7 Prozent. Die FDP verbessert sich um einen halben Punkt auf 6,5 Prozent. Einen ähnlichen Trend hatte das Institut Forsa am Vortag veröffentlicht.
Die Zugewinne für die SPD beruhen nach Interpretation der Meinungsforscher vor allem auf deutlich verbesserten Werten für Schröder. Auch mit dem Abstand einiger Tage seien 47 Prozent derer, die das Fernsehduell gesehen haben, der Ansicht, der Kanzler habe besser abgeschnitten. Nur 30 Prozent sähen Merkel vorn. Dies wirke sich auch bei der Frage aus, wen die Wähler lieber als Kanzler hätten. Diese Woche nannten 54 Prozent Schröder (plus 6) und nur noch 35 Prozent Merkel (minus 7). Innerhalb einer Woche erhöhte sich der Vorsprung für Schröder im Direktvergleich von 6 auf 19 Punkte.
Allerdings gehe nach wie vor die große Mehrheit der Wähler davon aus, dass es einen Wechsel an der Spitze der Bundesregierung gibt. 67 Prozent erwarten, dass Angela Merkel Kanzlerin wird, nur 26 Prozent glauben, dass Schröder im Amt bleibt. Jedoch haben sich die Vorstellungen von der "Wunsch-Koalition" gegenüber der Vorwoche verschoben. 36 Prozent nannten eine große Koalition "am besten für Deutschland" (plus 3), nur noch 29 Prozent plädierten für Schwarz-Gelb (minus 6).
Bei den inhaltlichen Themen machte die SPD auf allen Feldern gegenüber der Vorwoche Boden gut - am deutlichsten bei der Steuerpolitik. Jeweils 35 Prozent votierten für die Steuerpolitik von SPD und Union. Noch vor einer Woche hatte die Union einen Vorsprung von 19 Punkten (42:23). Auch auf dem Feld der Rentenpolitik legte die SPD deutlich zu und übernahm mit 35:30 wieder die Führung vor der Union. Dagegen behielt die Union einen deutlichen Vorsprung in der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik.
Die Meinungsforscher heben "zunehmende Tagesschwankungen" bei der Wählerbefragung hervor. Sie führen dies darauf zurück, dass es mit 22 Prozent eine große Zahl von Unentschiedenen gebe und dass die Entscheidung von vielen Wählern als besonders schwierig empfunden werde. Dies ist das Ergebnis der letzten vor der Bundestagswahl veröffentlichten Telefonumfrage für die ARD-"Tagesthemen". Dafür wurden am Dienstag und Mittwoch dieser Woche 1000 Wahlberechtigte befragt.
Lager-Gleichstand bei Emnid
Die Umfrage ergab auch, dass der SPD im Verlauf des Wahlkampfes wieder eine deutlich höhere Kompetenz in der Sozialpolitik zugemessen werde. Während die Union im Juli auf 28 Prozent und die SPD auf 26 Prozent kam, drehte sich das Bild jetzt um. Im September glaubten 32 Prozent, dass die SPD die bessere Sozialpolitik mache, während das nur noch 27 Prozent von der Union erwarteten. Dabei spielt laut Analyse vor allem die Diskussion um die Steuer- und Rentenpläne des Wissenschaftlers Paul Kirchhof eine Rolle, der Mitglied im Kompetenzteam der Union ist. Die Sonntagsfrage wurde von Montag bis Mittwoch 3000 Bundesbürgern gestellt.
Schröder optimistisch
Zuvor hatte Kanzler Schröder erklärt, nach dem TV-Duell mit seiner Herausforderin gebe es Rückenwind für einen Wahlsieg der SPD. Die aktuellen Umfragen seien Ansporn, den Wahlkampf noch entschiedener fortzusetzen. Nach einer Forsa-Umfrage hat die SPD so weit aufgeholt, dass es derzeit nicht mehr für einen Sieg von Schwarz-Gelb reichen würde. Der Kanzler hatte zuvor 38 Prozent als Wahlziel für die SPD vorgegeben. Forsa hatte die SPD bei 34 Prozent gemessen. Schröder sagte, er brauche noch vier Prozent auf Kosten von Union und FDP. Dann gebe es ein Ergebnis wie 2002, als sich die Union vorzeitig zum Sieger erklärt habe.
Die Umfrageergebnisse veranlassen Kanzler Schröder zu Optimismus. Die Wechselstimmung sei verflogen, sagte er in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Darin bestreitet er nicht, dass das gegnerische Lager in Umfragen noch vorne liege. "Aber die Dinge verändern sich", sagte er. Wenn nach der Präferenz des Regierungschefs gefragt werde, dann liege er mit "deutlicher Mehrheit" vorn, erklärte Schröder. "Und auch die SPD holt immer weiter auf. Da ist viel Bewegung und noch alles möglich."
Ähnlich sieht es CDU-Vize Christoph Böhr. "Das Rennen ist offen", sagte der Parteichef von Rheinland-Pfalz dem "Handelsblatt". "Es gibt möglicherweise in dieser Gesellschaft keine klare Mehrheit für den Kurs, für den Schwarz-Gelb steht." In der Bevölkerung herrsche ein "flaues Magengefühl" vor: "Wer weiß, welche Medizin uns die Union verabreichen will." Dieses Grundgefühl in den letzten zehn Tagen vor der Wahl noch zu drehen werde "sehr schwer".
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