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10.09.2005
 

Nachwahl in Dresden

Promi-Flut im Tal der Ahnungslosen

Aus Dresden berichtet Jens Todt

Weil 219 000 Dresdner zwei Wochen später an die Urnen gehen werden als die übrigen Bundesbürger, könnte der Wahlkreis 160 eine entscheidende Rolle bei der Bundestagswahl spielen. Vor drei Jahren beeinflusste die Elbeflut den Wahlkampf – jetzt muss sich die Stadt auf eine politische Überschwemmung gefasst machen.

Grünen-Kandidat Kühn: Turbulente Tage
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Grünen-Kandidat Kühn: Turbulente Tage

Dresden - Es sind 28 Grad im Schatten auf der Hotelterrasse an der Elbe und Stephan Kühn bestellt eine heiße Schokolade. Der Direktkandidat der Grünen für den Wahlkreis 160 in Dresden hat gerade seinen für Ende September geplanten Griechenland-Urlaub abgesagt. Trotzdem blickt Kühn zuversichtlich auf die nächsten Wochen - denn sein Wahlkreis könnte nach dem 18. September ganz groß rauskommen in der Republik.

"Wenn es eng wird", sagt der Soziologiestudent und grüne Gemeinderatsvertreter, "dann werden hier wohl die Promis aufgefahren." Nach den neuesten Umfragen wird die Wechselstimmung im Land geringer, der schwarz-gelbe Vorsprung schmilzt. Eine große Koalition wird immer wahrscheinlicher, vielleicht schmilzt der Abstand zwischen den beiden großen Parteien sogar so stark zusamnmen, dass der Bundeswahlleiter am 18. September das Rennen für völlig offen erklärt.

In diesem Fall würde die Bundesrepublik den kuriosesten Wahlkampf ihrer Geschichte erleben. Nach dem plötzlichen Tod der NPD-Kandidatin Kerstin Lorenz müssen die Dresdner zwei Wochen später wählen als die übrigen Bundesbürger. Die sächsische Landeshauptstadt wäre Schauplatz eines einzigartigen Showdowns auf engstem Raum. In der DDR nannte man Dresden "das Tal der Ahnungslosen", weil dort kein Westsender zu empfangen war. Nun rückt das Elbtal möglicherweise ins politische Zentrum der Bundesrepublik.

Journalisten und Meinungsforscher würden jeden Winkel der Stadt ausleuchten, auf der Suche nach einem Trend oder einer besonderen Geschichte. Statt trübem Elbwasser wie drei Jahre zuvor würde eine Flut von Politikern und Wahlhelfern die Stadt überschwemmen und erbittert um jede der noch zu vergebenden 219 000 Stimmen kämpfen. Nichts wäre wie vorher in Dresden.

FDP-Kandidatin Bellmann: Das Erzgebirge muss warten
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FDP-Kandidatin Bellmann: Das Erzgebirge muss warten

Peggy Bellmanns Handy vibriert im Fünfminutentakt, immer sind es Journalisten, die ein Interview mit ihr führen möchten, und stets entschuldigt sie sich, bevor sie das Gespräch annimmt. Am Morgen die Sächsische Zeitung, danach der Tagesspiegel, jetzt n-tv - der Aufmerksamkeitsradius der FDP-Kandidatin wird immer größer.

Bellmann ist 19 Jahre alt und studiert Wirtschaftskommunikation in Berlin. Außerdem kandidiert sie für die FDP. Eigentlich sollte sie jetzt zusammen mit einem Parteifreund einen Kindergarten im Erzgebirge besuchen, aber sie hat den Termin abgesagt. Das Erzgebirge muss warten, im Moment kommt der Rest der Republik nach Dresden. Die meisten 19-jährigen wären von einer solchen Situation sicher überfordert. Bellmann lässt sich nichts anmerken.

Villenviertel Striesen: Schmiedeeiserne Gartenzäune, gepflegte Gehwege
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Villenviertel Striesen: Schmiedeeiserne Gartenzäune, gepflegte Gehwege

Der Wahlkreis 160 umfasst die Wohnviertel südlich der Elbe, neben der Altstadt gehören vier weitere Ortsamtsbereiche dazu, die jedoch sozial unterschiedlicher kaum sein könnten. Gediegene Villenviertel am Fluss auf der einen Seite, eine der größten Plattenbausiedlungen der DDR auf der anderen. In Striesen trennen schmiedeeiserne Gartenzäune herausgeputzte Gründerzeithäuser von gepflegten Gehwegen, vor den letzten Gebäuden, die noch saniert werden müssen, dösen Handwerker während der Mittagspause in ihren Transportern.

Vor drei Jahren hat die Elbeflut hier viele Keller vollaufen lassen, von den damaligen Schäden ist keine Spur mehr zu sehen. Hartz IV und ostdeutscher Frust scheinen weit entfernt in dem Besserverdiener-Viertel, viele Rechtsanwälte, Steuerberater und Ärzte haben hier ihre Messingschilder an frisch verputzte Fassaden geschraubt. Die Wahlplakate der NPD hängen hier nicht auf Augenhöhe, wie die der anderen Parteien, sondern einige Meter höher, zu viele würden sonst verschmiert oder demontiert. Wollte man einem ausländischen Besucher zeigen, wie deutsches Bürgertum lebt, müsste man ihm Striesen zeigen.

An einem massiven Eichentisch im Biergarten des "Neugrunaer Casinos", sitzen drei ältere Ehepaare und essen Schweinebraten mit Klößen. Von der Nachwahl in Dresden haben sie noch nichts gehört, aber was mache das schon? "Man kann doch sowieso keinem mehr vertrauen", sagt eine Frau. "Vor allem Gysi und Lafontaine nicht", bestätigt ihr Mann, "für mich haben die Republikflucht begangen. Erst abhauen und jetzt sagen, ich will euch führen."

Plattenbausiedlung in Prohlis: "Wen soll jemand wie ich wählen?"
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Plattenbausiedlung in Prohlis: "Wen soll jemand wie ich wählen?"

Sechs Kilometer weiter, im größten Plattenbauviertel Dresdens schleppen gehetzt aussehende Frauen bunte Plastiktüten aus dem "Prohlis-Zentrum." Der Einkaufskomplex wirbt mit kostenlosen Parkplätzen und beherbergt Läden wie "Mäc-Geiz", der Wachstücher, Plastikblumen und Shampoos anbietet. "Jedes Teil nur ein Euro", so der Slogan an den Wühltischen vor dem Eingang. "Wir machen Lesen bezahlbar" wirbt nebenan "Die Welt des Buches." Es gibt hier zwei Arten von Menschen: jene mit sehr wenig Zeit und andere mit Unmengen davon. Die Gehetzten, meist Frauen, tragen bunte Plastiktüten die Rolltreppe hinauf, gefüllt mit Windeln, Milch und Brot.

Die anderen sitzen vor der "Sport-Bar" auf dem sonnigen Platz vor dem Betonkomplex. Es ist früher Nachmittag, die Männer an den Tischen tragen kurze Hosen und Muskelshirts, niemand trinkt hier Kaffee oder Wasser, auf jedem Tisch steht Bier. Karl-Heinz H. ist häufig hier, zu Hause hat er eine pflegebedürftige Frau, "manchmal muss ich einfach raus", sagt er. Kleine Schweißperlen sammeln sich auf seiner Stirn, er erzählt von seiner Zeit bei der Nationalen Volksarmee und von den Umschulungen nach der Wende. Drei Berufe habe er gelernt, sagt der 51-jährige, Arbeit gebe es für ihn jedoch nicht mehr. Zur Wahl gehen will er nicht, "wen soll jemand wie ich wählen?" Er wird lauter, will wütend werden und seine Augen fangen an zu schwimmen. Als er wortlos den Mund öffnet, sieht man, dass ihm zwei Zähne fehlen. "Das ist nicht mehr mein Land", sagt Karl-Heinz H. leise und nimmt einen Schluck aus der Flasche.

Andreas Lämmel sitzt an einem Kunststofftisch in der Landtagskantine und löffelt gemächlich Linsensuppe. Gelegentlich setzt der CDU-Kandidat den Löffel ab und erklärt seinen Wahlkreis. Erzählt von den Rentnern in der Altstadt, unter denen viele alte Parteikader seien, schließlich habe "früher ja kein normaler Mensch eine Wohnung in der Innenstadt gekriegt."

Er betont, dass die Arbeitslosigkeit in Dresden bei 13-14 Prozent liege, das sei der beste Wert in den neuen Ländern. Lämmel gilt als Favorit, wenn alles normal läuft, schließlich sei das hier "eigentlich ein CDU-Wahlkreis". Nur 2002 sei es knapp gewesen, wegen der Flut.

SPD-Kandidatin Volkmer: Munition von Kirchhof
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SPD-Kandidatin Volkmer: Munition von Kirchhof

Seine Konkurrentin von der SPD sieht das anders. Marlies Volkmer schaut auf den großen Teller Weintrauben vor sich auf dem Tisch und sagt das, was sie sagen muss, nämlich, dass der Fluteffekt doch gar nicht genau messbar sei, außerdem seien die Leute in Dresden in ihrer Parteienpräferenz nicht so festgelegt. "Ich möchte den Wahlkreis gewinnen", so die 58-jährige, "mehr Munition als uns Herr Kirchhof liefert, kann man sich doch gar nicht wünschen."

Der Wahlkreis 160 ist nicht genau kalkulierbar, bei der Bundestagswahl 2002 holte die CDU das Direktmandat mit 33, 8 Prozent der Stimmen, die SPD jedoch die meisten Zweitstimmen. Die PDS war mit 17,7 Prozent drittstärkste Partei, Grüne und FDP lagen zwischen 7 und 8 Prozent. Doch wie würden die Wähler entscheiden, wenn mit ihrer Stimme entschieden würde, wer Kanzler wird, welche strategischen Überlegungen würden den Ausschlag geben?

Würden Dresdner Anhänger der Linkspartei eher die SPD als die CDU wählen, wenn sie mit ihrer Stimme für Gysi und Lafontaine nichts mehr ausrichten können?

Diana Bersch kann sich nicht entscheiden. Die Jura-Studentin hat sich zusammen mit ihren Mitbewohnern die Wahlprogramme aller Parteien besorgt, "abgesehen von der NPD natürlich." Die Wohngemeinschaft lebt in einer Straße zwischen dem bürgerlichen Striesen und dem sozial schwachen Prohlis. Sie findet Schröders Irak-Politik gut, andererseits müsse sich wirtschaftlich etwas ändern. Sie findet die Idee einer einheitlichen niedrigen Steuer spannend, fürchtet sich aber auch vor den Konsequenzen. Zum ersten Mal ziehe sie in Betracht, ihre Stimme der CDU zu geben, "aber das darf ich zu Hause eigentlich gar nicht erzählen." Ihre Eltern würden wohl die Linkspartei wählen, was sie "auch irgendwie verstehen" könne.

Diana B. lebt an der Grenze der verschiedenen Milieus der Stadt und sucht nun die größte Schnittmenge im politischen Spektrum. Wer ihre Stimme bekommt, gewinnt die Wahl. Diana B. nippt an ihrem Apfelsaft und schaut an die gegenüberliegende Wand. "Normalerweise wissen wir immer, was wir tun sollen", sagt sie, "nur diesmal nicht."

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