Von Björn Hengst und Anna Reimann
Berlin - Es ist zwei Minuten vor sechs, eine Mutter erklärt ihrer Tochter: "Wenn der gelbe Balken kommt, dann musst du so laut schreien, wie du kannst." Die beiden stehen vor einem Fernseher in einem großen Pulk von Menschen im Thomas-Dehler-Haus, der Berliner Parteizentrale der FDP. Nur, wie lange kann die Euphorie über ein ausgezeichnetes Wahlergebnis währen? Eine Stunde, zwei, den ganzen Abend?
Bei der FDP lässt sich das ziemlich genau bemessen: Schon früh am Abend haben sich die Parteifreunde und Anhänger in den Räumen in der Reinhardtstraße versammelt. Noch gibt es keine offiziellen Ergebnisse, aber es schwirren erste, bisher nicht veröffentlichte Prognosen durch die Luft. Zweistellig könnten die Liberalen abschneiden, heißt es. Man hört Worte wie "Wahnsinn", ein "echter Hammer", die Menschen im Thomas-Dehler-Haus sehen glücklich aus, sie trinken Wein und Bier - viele haben eine Art Dauergrinsen aufgesetzt.
Und kurz bevor die Fernsehsender um Punkt 18 Uhr ihre ersten Prognosen senden, zählen sie die verbleibenden Sekunden herunter: "Fünf, vier, drei, zwei." Es sind die letzten Sekunden im Überschwang. Zwar werden sie gleich jubeln, aber sie werden auch sehr schnell mit den Schultern zucken. Die Euphorie bei der FDP endet um 18.03 Uhr. 10,5 Prozent, lautet die Prognose für die FDP. Das ist viel. Das ist genug Grund für viele "Juhus" und "Aahs" und "Ohs" - aber es ist auch das Ende der Hoffnungen auf den Einzug in die Regierung - weil die Union gleichzeitig Stimmen verliert und es nicht für eine schwarz-gelbe Mehrheit reichen wird. Die ersten Hochrechnungen bestätigen diesen Trend.
"Gewonnen und trotzdem verloren", sagt Sylvius Bardt, der im Thomas-Dehler-Haus den Beginn einer schwarz-gelben Regierung feiern wollte. Er ist enttäuscht und hat eine Ahnung, die ihn heute schlecht schlafen lassen wird: "Ich gehe jede Wette ein, jetzt kommt Rot-Rot-Grün", sagt Bardt.
Und die andere Option, die der FDP den Eintritt in die Regierung bescheren würde, die Ampelkoalition zusammen mit der SPD und den Grünen? Bei der FDP winkt man ab. "Unvorstellbar", sagt Sirus Paidar, der die Rückkehr seiner Partei in die Regierung in Berlin feiern wollte. Dafür ist er extra aus der Nähe von Heilbronn in die Hauptstadt gereist. Ein Paktieren mit der SPD und den Grünen würde der Glaubwürdigkeit der Partei schaden. Und überhaupt: Die programmatischen Unterschiede. Auch Marcus Scharein kann sich eine Ampelkoalition nicht vorstellen. Nur unter einer Bedingung: "Wenn Kanzler Schröder mit einer Regierungsbeteiligung der Linkspartei droht, dann wären wir verpflichtet, dies zu verhindern."
In der Parteiführung will niemand etwas von einer Ampelkoalition wissen. Um 18.40 Uhr tritt Parteichef Guido Westerwelle zusammen mit dem Ehrenvorsitzenden Otto Graf Lambsdorff , Fraktionschef Wolfgang Gerhardt, Parteivize Andreas Pinkwart und der gesamten Führungsriege der Liberalen auf die Bühne - "Guido, Guido, Guido" schallt es durch den Raum. Sein erster Versuch, zum Publikum zu sprechen, scheitert. Zu laut ist es im Thomas-Dehler-Haus. Wenigstens das gute Ergebnis wollen sie feiern, wenn es schon nicht zum Regierungswechsel reicht. Es sei eines der "besten Ergebnisse in der Geschichte der Partei", sagt Westerwelle, die FDP sei "Sieger des Abends", für eine Ampelkoalition stehe seine Partei nicht zur Verfügung. Westerwelle lacht viel auf der Bühne, er wirkt zufrieden. Vergessen ist die Kritik an seiner Parteiführung, an seinen Wahlniederlagen, an seinen Spaßwahlkampf 2002. Dass seine Partei zusammen mit der Union das eigentliche Wahlziel, die rot-grüne Regierung abzulösen, verfehlt hat, sieht man Westerwelle jetzt nicht an.
Vielleicht muss man sich dafür Lambsdorff anschauen, der am linken Rand auf der Bühne steht. Freude über das zweistellige Wahlergebnis? In seinem Gesicht lässt sie sich nicht ablesen. Grimmig schaut er und manchmal schweift sein Blick auf einen der zahlreichen Fernseher, die gerade dieses Diagramm zeigen, in dem Schwarz-Gelb einige Stimmen für die Mehrheit im Bundestag fehlen.
Um kurz vor sieben treten Westerwelle und seine Mannschaft von der Bühne - und die Party im Thomas-Dehler-Haus ist irgendwie vorbei, auch wenn alle den Stimmenzuwachs loben: "Der Erfolg der FDP spricht für unsere Demokratie. In einem derart polarisierten Wahlkampf, ist eine liberale Partei honoriert worden", sagt ein Parteimitglied.
Tatsächlich muss man in den Geschichtsbüchern einige Seiten zurückblättern, um auf ein zweistelliges Ergebnis der Liberalen zu stoßen. Bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl 1990 kam die Partei auf elf Prozent und errang in Halle sogar ein Direktmandat - für die meisten galt dieser Erfolg als Verdienst des damaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher (FDP), der in der Stadt an der Saale aufgewachsen war.
Den bisher größten Erfolg errang die Partei jedoch bei der Bundestagswahl 1961, als sie unter ihrem Vorsitzenden Erich Mende 12,8 Prozent der Stimmen gewann. Den Liberalen haftete seitdem aber auch lange das Prädikat der "Umfallerpartei" an: Vor der Wahl hatte Mende eine Koalition mit der CDU unter einem Kanzler Konrad Adenauer ausgeschlossen, trotzdem übernahm die FDP anschließend Regierungsverantwortung unter Adenauer dessen Union bei der Wahl die absolute Mehrheit verloren hatte. Auch das Ende der Ära des sozialdemokratischen Kanzlers Helmut Schmidt besiegelte die FDP, indem sie 1982 von einer sozialliberalen Koalition in eine schwarz-gelbe Regierung wechselte.
Das Etikett des Umfallers will sich die Westerwelle-FDP auf keinen Fall anheften: Mit einer klaren Koalitionsaussage zugunsten der Union war die Partei in den Wahlkampf gegangen. Andere Optionen seien trotz der fehlenden Mehrheit für Schwarz-Gelb weiterhin undenkbar, sagte auch Fraktionschef Gerhardt heute Abend in Berlin. Kurs halten, klare Aussagen, Berechenbarkeit, das ist die Devise der wiedererstarkten Liberalen. Die Anhänger im Thomas-Dehler-Haus, der FDP-Parteizentrale, quittierten die Distanzierung von einer möglichen Ampelkoalition mit prasselndem Beifall.
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