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18.09.2005
 

Union

Merkels bittere Stunde

Von Severin Weiland

Wie viel Stunden halten die Treueschwüre für Angela Merkel noch? Die Kandidatin der Union schaffte es, den deutlichen Vorsprung ihrer Partei auf fast Null zu reduzieren. Am Abend, an dem sie Kanzlerin werden wollte, ist ihre politische Zukunft völlig ungewiss.

 Stoiber und Merkel: Gute Mienen zu einem bösen Ende
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Stoiber und Merkel: Gute Mienen zu einem bösen Ende

Berlin - Dieses Ergebnis hat niemand erwartet. Die Politiker der Union nicht, die Demoskopen nicht und die Journalisten nicht.

Kurz vor 18 Uhr im Berliner Adenauer-Haus: Im Sitzungsraum von Präsidium- und Bundesvorstand hat die CDU ein Büffet aufgebaut, die Gäste bedienen sich, doch den meisten ist nach Essen nicht zumute. Zahlen der Meinungsforschungsinstitute kursieren unter ihnen und sie alle sagen keine Mehrheit für Schwarz-Gelb voraus. Manche prognostizieren schon 35 Prozent für die Union. "Wenn das so sein sollte, können die Demoskopen einpacken und wir auch", sagt ein Journalist einer Tageszeitung. Ein anderer schlägt vor, man solle sich selbst sechs Wochen in Urlaub schicken und nur noch Nachrichtenagenturen abdrucken. Ratlosigkeit macht sich breit: Dieser Wahlkampf hat die verrücktesten Ergebnisse zutage gefördert.

Am Abend des TV-Duells beispielsweise hatten die meisten Meinungsmacher in der Hauptstadt die Kanzlerkandidatin der Union vorne gesehen - in den Umfragen dagegen kam Gerhard Schröder am besten weg. Ähnliches scheint sich jetzt zu wiederholen: Kurz nach 18 Uhr an diesem spätsommerlichen Sonntag in Berlin, nachdem über die Bildschirme die ARD-Prognose ins Adenauer-Haus kommt, ist die Welt aus Sicht der Union aus den Fugen - die schwarz-gelbe Mehrheit kommt nicht zustande. Im Foyer kreischen einige junge Frauen beim Hochfahren des schwarzen Balkens entsetzt auf, ansonsten aber herrscht Stille: 35,5 Prozent für die Union. Erst als das Ergebnis der Liberalen mit über zehn Prozent gezeigt wird, machen sich einige der Gäste Hoffnung und klatschen.

Das aber war es dann schon. Aus der Party wird in Minutenschnelle Katerstimmung. Dieter Althaus, der Ministerpräsident aus Thüringen und einer der Merkel-Vertrauten, rutscht wenig später, wohl eher unbeabsichtigt, ein Satz vor den Kameras heraus, wonach es auch für eine Diskussion über die Zukunft von Unions-Kanzlerkandidatin Merkel "noch zu früh ist".

Je länger der Abend dauert, umso fassbarer wird, was sich an diesem 18. September ereignet hat. Es läuft am Ende auf die Frage hinaus: Wie lange halten die Treueschwüre für Merkel? Um 18.33 fällt in der CDU-Zentrale auf den Monitoren der Ton aus. Das ist der Augenblick, als SPD-Chef Franz Müntefering im Willy-Brandt-Haus spricht. Genau drei Minuten später stehen CSU-Chef Edmund Stoiber, Angela Merkel und CDU-Generalsekretär Volker Kauder auf der Bühne. Die Menge applaudiert, wie man es in solchen Augenblicken tut. Die Kandidatin sieht erstaunlich gelöst aus, sie lächelt, dabei ist es doch einer der bittersten Momente in ihrer Karriere. Mehr als drei Prozent hat sie weniger eingefahren als Stoiber 2002 - das drittschlechteste Ergebnis für die Union seit 1949.

Merkel sagt: "Rot-Grün ist abgewählt in Deutschland" und das sei "eine gute Nachricht". Der Wahlkampf sei vorbei, jetzt gehe es darum, "für die Menschen in Deutschland eine starke Regierung zu bilden". Dafür, so Merkel, "haben wir ganz eindeutig den Auftrag".

Nach ihr spricht Stoiber, er stellt sich dafür in die Mitte, Merkel wechselt mit ihm, rückt nach rechts auf seinen Platz. Der CSU-Chef sagt, es gehe jetzt darum, die Probleme, die liegen geblieben seien, anzupacken. Stoiber kann es sich nicht verkneifen, an diesem Abend auf das "überdurchschnittliche Ergebnis" seiner CSU hinzuweisen. Zu diesem Zeitpunkt liegt die CSU noch über 50 Prozent, fast drei Stunden später rutscht sie darunter.

Stoiber sagt auch einen Satz, der wie eine Distanzierung klingt - nur weiß man bei ihm nie so recht, ob er es auch so gemeint hat oder nur falsch intoniert hat. Man werde mit allen, außer der Linkspartei, sprechen, "und dann werden wir sehen, ob wir eine starke Regierung unter Frau Merkel hinkriegen". Genau das aber ist die Frage - wird Merkel überhaupt eine Mehrheit zustande bringen?

 Kanzler Schröder: Selbstbewusster Auftritt
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Kanzler Schröder: Selbstbewusster Auftritt

Es ist eben nicht die Kandidatin, die an diesem Abend auftritt, als hätte sie die Wahl gewonnen. Der Stehauf-Kanzler Gerhard Schröder strahlt im Willy-Brandt-Haus wenig später Selbstbewusstsein aus, als habe er haushoch die Wahl gewonnen. Schröders Kunst ist es, ein Spieler zu sein, der bis zum äußersten ausreizt. Im Adenauer-Haus wird von denjenigen, die überhaupt noch auf die Monitore sehen, der Aufritt mit Staunen und Kopfschütteln, aber auch mit Respekt zur Kenntnis genommen. Wer in den Tagen vor der Wahl mit Unionspolitikern sprach, der hörte öfters diesen Satz: "Woher nimmt der Schröder diesen Glauben, es noch schaffen zu können?"

Am Sonntagabend, in der Elefantenrunde, scheint Schröder ganz bei sich zu sein. Er wirkt wie ein Hexenmeister, der glaubt, alles stemmen zu können. Gut gelaunt verkündet er, eine Koalition gebe es nur unter seiner Kanzlerschaft. Merkel sitzt in dieser Runde der Männer - Stoiber, FDP-Chef Guido Westerwelle, dem Grünen Joschka Fischer, PDS-Chef Lothar Bisky und Schröder - wie neben sich. In den Augenblicken, da die anderen sprechen, fängt die Kamera des öfteren ihr Gesicht ein. Es ist das Gesicht einer tief Enttäuschten, mit ihren Gedanken scheint sie ganz woanders zu sein. Erst als sie Schröder antworten kann, ist sie plötzlich präsent, lächelt und weist ihren Kontrahenten daraufhin, dass er nicht die Wahl gewonnen habe. Nach ein paar Tagen Nachdenken werde das auch als "Realität bei den Sozialdemokraten angekommen sein". Schröder rutscht in seinem Stuhl zurück, als wollte er sagen: Warten wir mal ab.

An einem Abend, der für die Union mit deutlichen Verlusten endet, gibt es für Merkel vielleicht nur einen Trost: Ihre Gegner und Konkurrenten auf Landesebene, die noch vor wenigen Tagen eine Unterstützungserklärung abgegeben haben, sind kaum besser dran. Vielleicht sind es deren nicht weniger desaströse Ergebnisse, die verhindern, dass ihr jemand aus der Führungsgarde an diesem Abend offen in den Rücken fällt. Nur in vier Ländern - in Bayern, Baden-Württemberg, dem sozial-liberal regierten Rheinland-Pfalz und in Sachsen - hat die Union die Mehrheit erringen können. In allen anderen liegt die SPD vorne oder hat zu diesem Zeitpunkt, wie in Hessen, aufgeschlossen, so dass auch Roland Koch, der hessische Ministerpräsident und ewige Merkel-Konkurrent, nicht als klammheimlicher Sieger aus diesem Abend hervorgehen kann. Im TV-Interview gibt er sich zahm. Man habe gemeinsam diesen Wahlkampf geführt, da sei es doch jetzt "blödsinnig", einen Personenwahlkampf daraus zu machen. Auch in Hessen wird die SPD später als stärkste Kraft hervorgehen. Aber wird es Merkel nützen, dass die anderen Unionsgeführten Länder kaum besser dran sind? Mit ihr, das zumindest zeigt die Wahlnacht, kann die Union keine Mehrheiten holen.

Am Montag tagen CDU-Präsidium und Vorstand in Berlin, der CSU-Vorstand kommt in München zusammen. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass in der Union der alte Nord-Süd-Konflikt wieder aufbrechen könnte. Er wolle nur daran erinnern, hat Stoiber in der Elefantenrunde erklärt, dass "der Süden" ein "erkleckliches Ergebnis" zum Abschneiden der Union beigetragen habe. So spricht nur jemand, der mitgestalten will.

 Merkel im Adenauer-Haus: Lange Nacht
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Merkel im Adenauer-Haus: Lange Nacht

Im Adenauer-Haus gibt es nur wenige, die an diesem Abend einen weiten Blick in die Zukunft wagen. Einer ist Peter Kurth, einst Finanzsenator in der Großen Koalition in Berlin. Kurth gehört dem liberalen, großstädtischen Flügel seiner Partei an. Was aus Frau Merkel nun werde, wird der Christdemokrat gefragt? Kurth überlegt einen Augenblick: "So lange absehbar ist, dass wir mit ihr ein Koalitionsangebot machen können, bleibt sie - ansonsten wird es sehr schwierig".

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