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19.09.2005
 

Comeback-Kanzler

"Gerhard, Gerhard"

Von Carsten Volkery

Alle hatten ihn schon abgeschrieben. Kommentatoren lobten Gerhard Schröder in den Ruhestand, selbst Genossen hielten die Neuwahl-Entscheidung für politischen Selbstmord. Nun gibt er sich als Sieger und ruft seinen Gegnern zu: Keine Regierung ohne mich.

Gerhard Schröder: "Dann kam der Kater"
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REUTERS

Gerhard Schröder: "Dann kam der Kater"

Berlin - Die ersten Worte, die Gerhard Schröder gestern Abend sagt, sind für seine ärgsten Widersacher reserviert. "Medienmacht und Medienmanipulation" könnten gegen den Willen des Volkes eben doch nichts ausrichten, donnert er in das Foyer des Willy-Brandt-Hauses. Das Volk habe gewählt, und es habe sich für ihn entschieden. Der Jubel, der dem Volkstribun entgegen schallt, ist ohrenbetäubend. "Gerhard, Gerhard", brüllen die Anwesenden und recken "Schröder für Deutschland"-Schilder in die Höhe. Neben dem Kanzler steht SPD-Chef Franz Müntefering und strahlt über das ganze Gesicht.

Es ist einer dieser "Big Moments", für die Schröder zu leben scheint. Wie damals nach der Wahlniederlage in NRW, als er Neuwahlen ankündigte, tut der Kanzler, was er am liebsten tut: Er spielt volles Risiko. Zu diesem Zeitpunkt, es ist halb acht, liegt die SPD in den Hochrechnungen knapp hinter der Union. Gegenüber der letzten Bundestagswahl hat sie über vier Prozentpunkte verloren. Die Mehrheitsverhältnisse sind völlig unklar, mögliche Koalitionen drängen sich nicht auf. Doch der Wahlverlierer Schröder lässt keinen Zweifel daran, wer den Auftrag zur Regierungsbildung erhalten habe. Er sei der einzige, der in Deutschland eine stabile Regierung bilden könne, ruft er. "Diejenigen, die einen Wechsel im Amt des Bundeskanzlers erstreben wollten, sind grandios gescheitert."

Schröder, der Spieler

Wieder spielt Schröder öffentlich um die Macht, und er wirkt zutiefst befriedigt. Mit einem breiten Grinsen war er auf die Bühne getreten. Minutenlang lässt er den Jubel über sich ergehen, die Hände über dem Kopf zusammengedrückt und beide Daumen in die Höhe gestreckt. Es ist sein Comeback, und er freut sich diebisch. Alle hatten ihn schon abgeschrieben. Gern wurde die Formel vom "Mann, der mit sich im Reinen ist," bemüht. Als "Patriot", der zum Wohle des Landes den Weg für eine neue Regierung frei mache, wurde er in den Ruhestand gelobt, wo er sich um seine Adoptivtochter Victoria kümmern sollte. Das Urteil der Kommentatoren war schon am Abend der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen gefällt: Gerhard Schröder hat hingeschmissen. Auch in der eigenen Partei erklärte man Schröder für verrückt. Im Willy-Brandt-Haus, wo die Genossen versammelt waren, fiel noch am Wahlabend der Satz: "Das ist politischer Selbstmord".

Doch dann hielt Schröder seine erste Wahlkampfrede. Und noch eine. Und noch eine. Über hundert Auftritte absolvierte er. Mehr als eine halbe Million Menschen sahen ihn auf seiner vermeintlichen Abschiedstournee. 21 Millionen sahen ihn beim Fernsehduell mit Angela Merkel und kürten ihn hinterher mit übergroßer Mehrheit zum Sieger. Er war der Sympathischere, der Kompetentere, der Normalere. Irgendwann zollten ihm selbst die zynischsten Kommentatoren wieder Respekt. Das Wort vom "Kraftwerk Schröder" machte die Runde. Konnte er es wirklich noch einmal reißen? Als die SPD in den Umfragen drei Prozent zulegte, wurde auch der politische Gegner nervös und erschauerte angesichts der Bestimmtheit des Gegners.

Nach der Wahl nun ist Schröder wie im Rausch. Vom Willy-Brandt-Haus fährt er ins Fernsehstudio zur Berliner Elefantenrunde. Dort legt er rhetorisch noch ein paar Schippen drauf, pöbelt rechthaberisch die Moderatoren und den politischen Gegner an. Selbst seine Frau Doris Schröder-Köpf rügt ihn hinterher für sein "krawalliges" Benehmen. Aber Schröder scheint sich Luft machen zu müssen. Später kehrt er ins Willy-Brandt-Haus zurück und hält noch eine Ansprache vor den SPD-Mitarbeitern. Erneut beschwört er den Sieg.

Wie lange dauert Schröders Comeback?

Ist das riskante Neuwahl-Spiel also aufgegangen? Seine persönliche Ausgangsposition zumindest hat Schröder erheblich verbessert. Die SPD ist nach diesem Wahlkampf so geeint wie lange nicht mehr. Schröder persönlich ist, sollte er Kanzler bleiben, für seine innerparteilichen Kritiker fast unangreifbar. Die Union liegt angesichts des drittschlechtesten Ergebnisses ihrer Geschichte am Boden und wird bald mit den Schuldzuweisungen beginnen. "Ein desaströses Ergebnis" habe Merkel erzielt, stichelt Schröder. Das sei eben die Quittung für die "Arroganz".

Doch sind die politischen Verhältnisse nun stabiler? Haben die Wähler ihm seinen Reformauftrag bestätigt wie gewünscht? Das Votum ist alles andere als eindeutig und schon gar kein Vertrauensbeweis. Noch ist nicht einmal sicher, wie lange Schröders Comeback dauern wird. Vier Jahre oder doch nur ein paar Tage?

Großzügig sieht Schröder darüber hinweg, dass das Ergebnis der SPD keinen Anlass zur Freude gibt. Sicher, die Partei hat sich seit Mai aus dem Umfragetief von 24 Prozent befreit. Aber mit 34,2 Prozent liegt sie nur knapp über der historischen Schlappe Oskar Lafontaines. Der hatte als SPD-Kanzlerkandidat 1990 im ersten gesamtdeutschen Wahlkampf 33,5 Prozent geholt. "Von unseren Zahlen allein kann man nicht begeistert sein", sagt der Parteiratsvorsitzende Rüdiger Fikentscher. "Aber im Vergleich zur Union ist es ein fantastisches Ergebnis."

Kraft der Autosuggestion

Das Wahlziel, verkündet die SPD-Führung triumphierend, sei erreicht. Man sei stärkste Partei am Koalitionstisch, wenn man CDU und CSU als zwei Parteien betrachte, und Schröder bleibe Kanzler. Von einem "Riesenerfolg von Gerd Schröder" schwärmt Müntefering. Es ist die gleiche Kraft der Autosuggestion, mit der das Duo schon im Wahlkampf gearbeitet hat. Vor allem, so scheint es, dient die Kraftmeierei dazu, eine Kanzlerin Merkel unmöglich zu machen.

Über Koalitionen wird nicht offiziell geredet. Nur Rot-Rot-Grün schließen Schröder und Müntefering erwartungsgemäß aus. Darüber hinaus ist das Pokerspiel der beiden schwer zu verstehen. Will Schröder eine Ampel? In einer Hinsicht wäre dies ein Traumergebnis: Er könnte seinen Reformkurs fortsetzen, mit einer FDP als Pfund gegen die SPD-Linke. Allerdings schließen sowohl FDP als auch Grüne diese Möglichkeit kategorisch aus. Nur in der SPD finden sich plötzlich erstaunlich viele Befürworter einer solchen Koalition.

Wahrscheinlicher bleibt eine große Koalition. Diese allerdings wäre nach den Worten Schröders und Münteferings nur dann möglich, wenn die Union sich unter die Führung Schröders begeben würde, was einigermaßen schwer vorstellbar ist. "Das Land will Gerhard Schröder als Bundeskanzler haben", behauptet Müntefering. Merkel hingegen habe eine "persönliche Niederlage" erlitten. Das lässt nicht viel Spielraum.

Angesichts der verworrenen Situation wollen längst nicht alle im Willy-Brandt-Haus in den Applaus einstimmen. "Nach der Neuwahlentscheidung gab es auch zunächst Jubel", warnt ein prominenter Parteilinker. "Dann kam der Kater".

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