Von Alwin Schröder und Lars Langenau
Berlin - Sie hießen Luise, Marie-Luise, Rut, Loki und Hannelore - oder zuletzt Doris. Als ihr Mann ins Kanzleramt einzog, standen sie plötzlich auch im Rampenlicht - und sie übernahmen sowohl repräsentative als auch karitative Aufgaben: Loki Schmidt, die Naturfreundin, Hannelore Kohl, die sich für Unfallopfer einsetzte, und Doris Schröder-Köpf, die für das Kinder-Sorgentelefon warb.
Mit dem Einzug von Angela Merkel ins Kanzleramt bekommt Deutschland aber nun erstmals einen - ja was? Ist Joachim Sauer der "First Man" ("Bild") oder "First Husband" ("Sächsische Zeitung") der Republik?
Solche Gedankenspiele sind Unsinn, denn bei einer "First Lady" handelt es sich nicht um den Partner des Kanzlers, sondern des Bundespräsidenten. Das für den Ablauf öffentlicher Auftritte zuständige Protokoll Inland der Bundesregierung sieht dem Wechsel im Kanzleramt und damit von Frau Schröder-Köpf zu Herrn Sauer entspannt entgegen. "Für uns bricht keine Zeitenwende" an, heißt es dort.
Denn das viel zitierte "Damenprogramm" bei Staatsbesuchen zum Beispiel sei ohnehin ein veralteter Ausdruck. "Partnerprogramm" laute die gängige Bezeichnung für das, was den Lebenspartner des Kanzlers dann auf solchen Reisen erwarte und nicht auf die Damenwelt zugeschnitten sein müsse. "Wir müssen uns nicht großartig umstellen", teilte ein Sprecher des Protokolls SPIEGEL ONLINE mit. Durch Termine der früheren Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth oder der Verfassungsgerichtspräsidentin Jutta Limbach sei man an männliche Begleitung gewöhnt.
Merkel nennt ihn einen "prima Kerl"
Wie schon bei den Kanzlergattinnen werde vor einem Staatsbesuch vom dem Gastgeberland erfragt, wo die Interessen des Lebenspartners liegen. Oft läuft das dann auf Besichtigungen von Schlössern oder Fabriken hinaus. Joachim Sauer ist Chemie-Professor. Dementsprechend könnte das Programm ausgearbeitet werden, wenn er sich zum Beispiel zusammen mit Cherie Blair die Zeit vertreibt, während Angela Merkel mit Großbritanniens Premier Tony Blair konferiert.
Von Denis Thatcher, dem Gatten der früheren britischen Regierungschefin Margaret Thatcher, ist bekannt, dass er sich "einigermaßen lächerlich" vorkam, wenn er beim Füttern von Elefanten fotografiert wurde oder sich einen Turban umbinden musste. Bis zu seinem Tod im Jahre 2003 bemühte sich Denis Thatcher, der seine Frau "Boss" nannte, aber stets darum, im Hintergrund zu bleiben. Zumindest in diesem Punkte dürfte Joachim Sauer ihm ähnlich sein.
Bislang wurde Sauer - sein Frau nennt ihn einen "prima Kerl" -, wenn es schon zu öffentlichen Auftritten an der Seite seiner Angela Merkels kam, eher auf gesellschaftlichem als politischem Parkett gesehen - in diesem Jahr zum Beispiel bei Opernbesuchen in Salzburg oder Bayreuth. Im Wahlkampf tauchte der Professor für physikalische und theoretische Chemie an der Berliner Humboldt-Universität gar nicht auf - anders als Kanzlergattin Schröder-Köpf. Die Gespräche mit ihm seien für sie "fast lebenswichtig", sagte Merkel. Ihr Mann sei ein "wirklich guter Ratgeber".
"Jeder macht seinen Job"
Zuletzt wurde Sauer im August beim Weltjugendtag in Köln bei der Audienz bei Papst Benedikt XVI. an der Seite der CDU-Chefin gesichtet. "Jeder macht seinen Job", vertraute Merkel einmal der Illustrierten "Bunte" an. "Ich bin keine Hausfrau. Und er ist kein Hausmann." Auch die heutige große Stunde seiner Ehefrau erlebte Sauer nicht persönlich. Angela Merkels zur ersten Bundeskanzlerin verfolgte er nicht auf der Zuschauertribüne des Reichstages, sondern am Fernsehgerät. In Merkels Umgebung hieß es, Sauer habe wegen dringender Arbeiten an der Universität nicht in den Bundestag kommen können.
Über den Sachsen Sauer ist noch nicht einmal das genaue Geburtsdatum bekannt, er gibt sich extrem öffentlichkeitsscheu. "Ich habe mich entschlossen, keine Interviews zu geben und auch keine Gespräche mit Journalisten zu führen, die nicht durch meine Tätigkeit als Hochschullehrer und Forscher, sondern durch die politische Tätigkeit meiner Frau motiviert sind", teilte er im Sommer der "Berliner Zeitung" mit. Auf dem Gebiet der Molekularforschung wird Joachim Sauer von Kollegen zu den Top 30 der Welt gezählt. Von seinen Studenten wird Sauer als unnahbar bezeichnet, aber auch für seine Vorlesungen gelobt.
Gemeinsame Mittagessen in der Mensa
Schon zu DDR-Zeiten galt der Chemiker als angesehener Wissenschaftler. Bereits im Alter von 25 Jahren erwarb er den Doktortitel an der Humboldt-Universität, mit 36 Jahren wurde er Professor. Dann arbeitete er von 1977 bis zur Wiedervereinigung am Zentralinstitut für physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften der DDR. Ein Jahr vor dem Mauerfall durfte er dann für ein Jahr zu Forschungszwecken nach Karlsruhe.
Die Physikerin Angela Merkel lernte er an der Berliner Akademie für Wissenschaften kennen. Laut Merkel-Biograf Wolfgang Stock registrierte die Stasi schon seit 1984 gemeinsame Mittagessen in der Mensa. Wann die beiden ein Paar wurden, ist nicht bekannt. Geheiratet wurde am 30. Dezember 1998 auf einem Standesamt in Berlin. Für beide war es die zweite Ehe. Sauer hat aus seiner ersten Ehe zwei Kinder, Daniel und Adrian.
Noch wohnt das Paar in einer Altbau-Etage gegenüber dem Pergamon-Museum. Sie haben auch noch Wohnungen in Stralsund (Merkels Wahlkreis) und in der Uckermark.
Wer es sich mit Sauer verscherzen möchte, sollte ihn "Herr Merkel" nennen. Beim Protokoll der Bundesregierung sind die Mitarbeiter natürlich stilsicher. Die angemessene Anrede von Angela Merkel sei "Frau Bundeskanzlerin". Ihr Gatte bleibe schlicht "Herr Professor Sauer".
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