: Herr Dr. Voscherau, die SPD versinkt im Chaos. Verstehen Sie Ihre Partei noch?
Henning Voscherau: Ich verstehe meine eigene Partei sehr gut. Ich verstehe den Parteivorstand nicht. Ich habe kein Verständnis für das Abstimmungsergebnis im Parteivorstand, aber ich habe sehr viel Verständnis für Franz Münteferings Entscheidung. Der Generalsekretär ist ein ganz besonderes Amt, keines der normalen Ämter im Parteivorstand. Es ist konstruiert worden in Abhängigkeit vom Vertrauen des Parteivorsitzenden als dessen Alter Ego.
SPIEGEL ONLINE: Diese Kriterien erfüllt Andrea Nahles offenbar nicht - jedenfalls sah das Franz Müntefering so.
Voscherau: Ohne den Vorsitzenden kann man nicht Generalsekretär werden, gegen ihn erst recht nicht. Insofern ist das ein Missbrauch aus persönlichem Ehrgeiz. Dass man sich als Vorsitzender nicht schleichend in Scheiben schneiden lassen will, ist ganz selbstverständlich. Dass Müntefering den Parteivorstand vorher nicht erpresst hat, ehrt ihn. Er hatte keine andere Wahl: Er musste diesen aus persönlichem Ehrgeiz spielerisch und unverantwortlich vorgehenden Seilschaften junger Leute die Brocken vor die Füße werfen. Denn sie hatten seine Führungsautorität zerstört.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie für den Fall einer Nominierung von Andrea Nahles mit dem Rückzug Franz Münteferings gerechnet?
Voscherau: Ich ja. Die offenbar nicht. Das zeigt, wie blind sie sind.
SPIEGEL ONLINE: Also Naivität seitens der jungen Garde?
Voscherau: Leichtfertigkeit. Spielerische jugendliche Leichtfertigkeit. Eine wunderschöne Zeit des Lebens, aber doch nicht im Parteivorstand der SPD in schweren Koalitionsverhandlungen mit der Union auf dem Rücken des ganzen Landes. Das ist doch Wahnsinn! Hier geht es doch nicht um Kleinkleckersdorf, hier geht es um Deutschland, um Europa. Hier geht es um den Parteivorstand von August Bebel und Willy Brandt. Der Einzige, der dazu das richtige gesagt hat, ist Joachim Poß (SPD-Fraktionsvize, die Red.): Der ganze Vorstand muss zurücktreten.
SPIEGEL ONLINE: Die SPD sollte sich komplett neu aufstellen?
Voscherau: Natürlich. Ich weiß nicht, was die Leute sich sonst vorstellen.
SPIEGEL ONLINE: Andrea Nahles erwägt mittlerweile ihren Rückzug ...
Voscherau: ... sie hätte rechtzeitig erwägen sollen, stellvertretende Parteivorsitzende zu werden. Das kann sie auch gegen den Vorsitzenden, da ist die Demokratie gewissermaßen unbegrenzt. Aber sie hätte sich niemals entscheiden dürfen - zumal in einer öffentlichen Auseinandersetzung -, ohne oder gar gegen Franz Müntefering anzutreten. So ist das Amt des Generalsekretärs nicht. Man braucht keinen Generalsekretär als Gegenvorsitzenden, sondern als Prokuristen des Vorsitzenden. Ende der Durchsage!
SPIEGEL ONLINE: Wer kann die Partei jetzt zusammenhalten?
Voscherau: Es geht ja nicht nur um Müntefering. Es fehlen ja beide: Schröder und Müntefering.
SPIEGEL ONLINE: Wer könnte ihnen nachfolgen?
Henning Voscherau: Namen will ich keine nennen. Die SPD hat viele junge Talente und viele starke Leute, aber in einer solchen Lage antreten zu müssen, ist für jeden kein Geschenk. Es wird sehr schwer sein, aus diesem katastrophalen Debakel jetzt noch in der Kürze der Zeit etwas Gutes zu machen. Zumal es nun schwer sein wird, eine Koalition zu bilden.
SPIEGEL ONLINE: Sie sehen die Große Koalition in Gefahr?
Voscherau: Ich halte den weiteren Verlauf der Koalitionsverhandlungen für unkalkulierbar. Aus zwei Gründen: Zum einen ist die SPD-Verhandlungsposition geschwächt, zum andern gibt es nun neue taktisch-strategische Motive bei der CDU/CSU.
SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie genau?
Voscherau: Es gibt doch zwei Erwägungen: Hat die SPD-Spitze sich selbst in einem Anfall von Leichtsinn und Unverantwortlichkeit gegenüber der CDU/CSU so geschwächt, dass sie jetzt um fast jeden Preis die Koalition mitmachen muss und so ein viel schlechteres Verhandlungsergebnis bekommt, als sonst erreichbar gewesen wäre? Oder ist die CDU/CSU versucht, inhaltlich aufs Ganze zu gehen, über eine harte Linie in den Verhandlungen bei Steuern, Sparen, Haushalt die ganze Sache zur Einigungsunfähigkeit zu bringen und dann zu schauen, wie die Wähler in drei Monaten - oder in zehn, falls Frau Merkel eine Minderheitsregierung bildet - diesen Vorgang honorieren? Das halte ich durchaus für vorstellbar. Das ist wirklich, wie sich der kleine Moritz die nationale, ernstzunehmende Politik vorstellt.
SPIEGEL ONLINE: Welche Chancen hätte die SPD in Neuwahlen?
Voscherau: Wie die ausgehen, ist leicht vorhersehbar.
SPIEGEL ONLINE: Sie enden in einem Desaster für die SPD.
Voscherau: Das muss man sehr stark befürchten. Da kann man nur sagen: Herzlichen Glückwunsch, Andrea and friends, gratuliere!
Das Gespräch führte Philipp Wittrock
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