Von Carsten Volkery, Karlsruhe
Karlsruhe - Die Abschiedszeremonie beginnt gegen Mittag. Bärbeißig sitzt Gerhard Schröder auf dem Podium in der Karlsruher Messehalle, während Franz Müntefering zur Lobrede auf ihn ansetzt. Ausdruckslos hatte der scheidende Kanzler zuvor Ute Vogt zugehört, die den SPD-Parteitag eröffnete. Müntefering bringt ihn immerhin zum Lachen. "Du hast es nicht immer leicht gehabt mit uns, und wir nicht immer mit dir", sagt der SPD-Chef.
Es sind nur wenige persönliche Bemerkungen, Müntefering beschränkt sich auf das Nötigste. "Es war ein langer Weg vom Proletarierkind ins Kanzleramt", sagt er. "Ein beeindruckender Weg." Zwei Dinge würden immer mit dem Namen Schröder verbunden sein: Der Mut zur Erneuerung und Deutschlands Image als Friedensmacht. Dann wünscht er knapp: "Bleib präsent." Schröder steht auf, geht zu Müntefering und drückt ihn heftig. Das ist das Signal für die Delegierten: Sie stehen auf und klatschen. Minutenlang, wie es sich gehört.
Der Tag markiert das Ende einer Ära. Zum letzten Mal reden Schröder und Müntefering in ihren alten Funktionen als Kanzler und Parteichef auf einem SPD-Parteitag. Mit Schröder tritt der letzte der Enkel Willy Brandts ab. Gleichzeitig hört mit Müntefering einer der beliebtesten Parteichefs auf. Morgen beginnt die SPD mit der Wahl der neuen Parteiführung um den Brandenburger Matthias Platzeck einen grundlegenden Neuanfang. Ein Generationenwechsel und ein neuer Führungsstil sind angekündigt.
Doch dafür, dass es eine historische Zäsur ist, fällt der Abschied eigentümlich unsentimental aus. "Der Tag, an dem die Tränen fließen", hatte es ironisch auf dem Presseabend am Sonntag geheißen. Doch Schröders Augen sind allenfalls feucht. Nickend nimmt er den Applaus zur Kenntnis. Er steht auf, setzt sich, knöpft sich das Jackett auf und wieder zu, nickt und nickt.
"Ist gut", wiederholt er mehrfach und fordert das Publikum mit den Händen zum Hinsetzen auf. Der Applaus ist längst nicht so kräftig wie auf dem Wahlparteitag im August, als Schröder die Herzen zuflogen, oder selbst am Wahlabend im Willy-Brandt-Haus. Es fühlt sich so an, als hätten die Genossen bereits einmal zu viel Abschied genommen.
Dass die Partei jetzt andere Sorgen hat, zeigt schon Münteferings Rede. Nach der Umarmung mit Schröder geht der künftige Vizekanzler nahtlos dazu über, für den Koalitionsvertrag zu werben. Es wird der deutlich längere Teil seiner Rede. Es sei besser mitzuregieren als "kraftlos in der Opposition" zu sein, sagt Müntefering. Der Koalitionsvertrag habe "hinreichend sozialdemokratischen Geist". Er sei bei weitem nicht "reinrassig", aber "Straßenköter" seien oft durchsetzungsfähiger als "reinrassige Sensibelchen". Dann verliert er sich in Details über Mindestlöhne, ALG II und Haushaltsfragen.
Zu seinem eigenen Abschied hält Müntefering sich bedeckt. Als er das Amt 2004 von Schröder übernahm, hatte er es überschwänglich als das "schönste Amt neben dem Papst" bezeichnet. Jetzt sagt er, es sei eine "schöne Zeit" gewesen, "manchmal heftig". 606 Tage war er im Amt, das habe ihm jemand ausgerechnet. Nun gibt er sich damit zufrieden, "wenn hinter meinem Namen ein Ausrufezeichen steht und kein Fragezeichen". Der Streit mit Andrea Nahles sei ausgestanden, er freue sich auf die Zusammenarbeit. Müntefering, der Pragmatiker.
Anders als auf dem historischen Parteitag von Mannheim, wo vor genau zehn Jahren Parteichef Rudolf Scharping von Oskar Lafontaine gestürzt worden war, hat das reinigende Gewitter diesmal bereits vorher stattgefunden. In den Landesverbänden war in den vergangenen Tagen bereits heftig über die Gründe von Münteferings Rücktritt gestritten worden, nun scheint der Ärger zunächst verraucht. Zur Disziplin zwingt auch das Wahlergebnis. Wer keine Neuwahlen will, muss für die Große Koalition sein, wird wieder und wieder betont.
Auch in Karlsruhe herrscht jener neue Grundton, den die SPD seit ihrer Krise vor nicht einmal zwei Wochen pflegt: Nüchtern, geschäftsmäßig, nach vorne gerichtet. Daran kann auch der "Best of Schröder"-Film nichts ändern, der auf Großbildschirmen läuft und am ehesten so etwas wie Nostalgie aufkommen lässt. Das Video mit Bildern und Zitaten aus sieben Jahren Rot-Grün soll auf Schröders Abschiedsrede einstimmen. Schröder beim Fußballspielen, im Bundeswehrhubschrauber, in Gummistiefeln an der Elbe - und schließlich in Tränen (beim Rücktritt als Parteivorsitzender 2004).
Ganz am Ende das Happy End: Der Wahlkampf, der der SPD acht Ministerien in der Großen Koalition beschert hat.
Doch Schröder selbst nimmt der Situation jegliches Pathos, indem er mit einem Witz reagiert. Er sei erleichtert, dass sein krawalliger Auftritt vom Wahlabend in der Elefantenrunde nicht mit aufgenommen wurde, sagt er. "So viel Sensibilität hatte ich gar nicht erwartet". Auf einen persönlichen Rückblick verzichtet er. In einer emotionsfreien Rede wirbt er stattdessen für die Große Koalition und bittet um ein "eindeutiges Votum" für Müntefering als Vizekanzler. Im Namen der Partei dankt er Müntefering, so wie der ihm zuvor gedankt hatte. Müntefering sei einer der großen Vorsitzenden und stehe in einer Reihe mit August Bebel und Willy Brandt.
Brandts historische Abschiedsrede als Parteivorsitzender vom 14. Juni 1987 wird als gebundenes Bändchen mit immerhin hundert Seiten auf dem Parteitag verkauft. In die Gefahr werden weder Müntefering noch Schröder geraten. Die Abschiedsrede des Kanzlers besteht aus Versatzstücken seiner Wahlkampfrede, bereinigt um die Angriffe gegen die Union. Solche ritualisierten Kämpfe seien die Menschen leid, diagnostiziert Schröder im Geist der Zeit. Erneut beschwört er die großen Herausforderungen, vor denen Deutschland stehe. Die Große Koalition könne den nötigen "Ruck" bringen.
Die erste Rede des designierten Nachfolgers Platzecks zielt in die gleiche Richtung. Er verteidigt Schröder gegen die Agenda-Kritiker und sieht den Koalitionsvertrag als Beweis dafür, dass die SPD den Sozialstaat verteidigt. Eigene Akzente setzt der Neue nicht. Auch zeigt er unfreiwillig Distanz zum überwiegend westlichen Parteivolk: In seiner Rede spricht er die Zuhörer zunächst mit "Meine Damen und Herren" an, erst später wechselt er zum traditionellen "Liebe Genossinnen und Genossen".
Nach der selbstverschuldeten Krise, so scheint es, sehnen sich die Genossen vor allem nach Einigkeit. Das zeigen auch die Abstimmungsergebnisse: Mit überwältigender Mehrheit billigen die über 500 Delegierten den Koalitionsvertrag, die SPD-Ministerliste sowie Müntefering als Vizekanzler. Das Tandem Schröder-Müntefering funktioniert bis zum letzten Tag.
Das glatte Ergebnis hatte sich bereits gestern in den Gremiensitzungen der Partei abgezeichnet. In einer launigen Ansprache vor der Presse hatte Müntefering an den letzten Parteitag erinnert, der eine Große Koalition billigen musste. Das war 1968 - gut ein Jahr, nachdem die Regierung unter Kurt Georg Kiesinger die Geschäfte übernommen hatte. Wütende Demonstranten, darunter viele Studenten, hatten vor der Halle in Nürnberg protestiert. "Damals", so Müntefering, "hat Herbert Wehner zwei Zähne verloren und Willy Brandt mit dem Schirm was abgekriegt". Diesmal ging es glimpflicher ab.
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