Von Carsten Volkery, Karlsruhe
Karlsruhe - Am Ende steht Platzeck nicht mehr am Rand. Stolz bildet er den Kopf einer Troika, in einem Arm Franz Müntefering, im anderen Gerhard Schröder. Die Delegierten stehen vor ihm und feiern ihren neuen Vorsitzenden, einige setzen zu "Platzeck"-Sprechchören an. Der Endorphinausstoß hat seine Gesichtsmuskeln gelöst. Vorhin hat er darüber geredet, dass Deutschland und die SPD ihre "Strahlkraft" wieder gewinnen müssten. Jetzt geht er mit gutem Beispiel voran: Er strahlt. Für ihn sei dies "eine Stunde großer Freude", sagt er.
Gestern hatte die SPD die beiden Überväter Schröder und Müntefering aus ihren Ämtern verabschiedet, heute ist Platzeck-Tag auf dem Bundesparteitag in Karlsruhe. Der Tag des Neuanfangs, im buchstäblichen Sinne des Wortes. Der brandenburgische Ministerpräsident hat das rote Parteibuch erst seit zehn Jahren. So einen Vorsitzenden hatte die älteste Partei Deutschlands noch nie.
Auch andere Zweifel hatte es gegeben. Platzeck galt bisher vor allem als netter Händeschüttler, nicht als Visionär. Der Posten des Parteivorsitzenden sei vielleicht eine Nummer zu groß, hatte es geheißen, gefolgt von dem beruhigenden Nachsatz, man wachse ja mit dem Amt. Auch Müntefering hatte gönnerhaft durchblicken lassen, dass er dem Neuen sicher noch hier und da Nachhilfe geben werde. Und hatte nicht Platzeck selbst immer wieder den Eindruck erweckt, dass er sich die Bundesebene nicht zutraut? Zuletzt hatte er den Posten des Außenministers abgelehnt mit dem Hinweis, er sei ein "Provinz-Ei".
Alle diese Zweifel räumt Platzeck heute aus. In seiner bejubelten Rede macht er aus der Not eine Tugend: Er empfiehlt sich als Experte für Neuanfänge und Umbruchsituationen. Die Wiedervereinigung habe gezeigt, dass Deutschland zur Erneuerung fähig sei, sagt der Potsdamer. In diesem Umbruch habe er erfahren, "dass man sich den Blick offen halten muss" für Chancen und Gelegenheiten.
Am deutlichsten wird seine Philosophie in dem Satz: "Zupackende Menschen sind zufriedene Menschen". Platzeck ist Pragmatiker und bekennender Optimist. Das scheint ihm als Programm zunächst zu reichen. Diesen Geist will er auch in der Partei und im Land etablieren. Viel ist die Rede von Stolz, Selbstvertrauen, Eigenverantwortung und Tatkraft. "Dieses Land ist kein naturgegebener Zustand, sondern eine alltägliche Aufgabe". Als Vorbild nennt Platzeck an einer Stelle Finnland, welches die richtigen Antworten auf die großen Herausforderungen Demografie und Globalisierung gefunden habe. Damit, lockt er, könne die SPD zur "prägenden Kraft für Jahrzehnte" werden. Ob allerdings das Fünf-Millionen-Land wirklich als Modell für den Supertanker Deutschland taugt, ist fraglich.
Der Anzug des Parteichefs sitzt wie angegossen
Der 51-Jährige erweist sich als gewaltiger Rhetoriker. Souverän verteilt er Lob, weist in die Schranken. Von Unsicherheit keine Spur. Der Anzug des Parteivorsitzenden passt ihm von Anfang an wie angegossen. Die SPD sei die "Partei der linken Mitte", betont Platzeck. Das seien "die vielen, vielen Millionen ganz normalen Menschen". Die dürfe man nicht enttäuschen.
Im Versuch, programmatisch zu werden, spricht Platzeck sich für einen neuen Begriff sozialer Gerechtigkeit aus. Im 21. Jahrhundert gehe es nicht mehr um klassische materielle Umverteilung, sondern um "Mitmachen und Mitmachen können". Zentrale Instrumente für "gleiche Lebenschancen" seien daher Bildungs- und Familienpolitik - just die Bereiche, in denen die SPD ihre Ministerien gerade abgegeben hat.
Eine Kampfansage geht in Richtung Linkspartei. Links, definiert Platzeck unter dem Jubel der Delegierten, seien Aufklärung, Weltoffenheit und Kreativität. "Das ist links, und wir sind das".
Um das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückzugewinnen, fordert Platzeck ein "Signal von Karlsruhe". Die Partei müsse "einen ganz dicken Strich unter die Vergangenheit ziehen". Damit spielt er auf die selbstverschuldete Krise der letzten zwei Wochen an. Die Aufgabe der SPD sei nicht die "Selbstbeschäftigung", sagt Platzeck, sondern das Regieren. Denn "wenn wir uns nicht um diese Aufgabe kümmern, kümmert sich niemand darum". Er zitiert auch Müntefering: "Opposition ist Mist".
Als Reaktion auf die Kritik an Schröders Basta-Politik und Münteferings einsamen Entscheidungen hatte Platzeck im Vorfeld einen neuen Führungsstil angekündigt. In Karlsruhe präsentiert er sich als moderner Chef. Die SPD solle "lebhaft" bleiben, denn "wo nichts los ist, geht niemand hin", sagt er. Konstruktive Kritik sei erwünscht, Flügel seien wichtig. Allerdings gebe es nicht umsonst eine gewählte Führung. "Die heißt so, weil erwartet wird, dass sie die Partei führt." Und er betont: "Das soll auch so bleiben."
"Wo nichts los ist, geht niemand hin"
Der Ruf des Menschenfängers eilt ihm zu Recht voraus. Wie man Menschen einbindet, demonstriert Platzeck, als er jedem einzelnen Kandidaten für die Parteiführung einige Worte widmet. "Ute, ich hab das Gefühl, da geht noch was", ruft er der baden-württembergischen Landeschefin Ute Vogt zu, die im März Landtagswahlen hat. "Tu es, wir helfen wir dabei". Peter Struck nennt er einen der besten "Friedensverteidigungsminister", die Deutschland je hatte. Dem designierten Finanzminister Peer Steinbrück gratuliert er zum "schönsten Job". Er bittet um ein gutes Ergebnis für den umstrittenen Generalsekretärskandidaten Hubertus Heil und schließt auch Andrea Nahles mit ein. "Wir brauchen die jungen Leute, wir brauchen die Talente", sagt er. Die Großbildleinwand zeigt es allen: Die Genannten sind gerührt. Auch Gerhard Schröder lächelt seinen Nachfolger dankbar an, als der ihn für seine Verdienste um den Frieden lobt.
Wie Schröder und Müntefering in ihren besten Zeiten findet der neue Vorsitzende gleich den richtigen Draht zur Partei. Die Delegierten sind begeistert von dem Naturtalent. "Viel besser als erwartet", sagt eine Frau aus Hannover. "Was für ein Gespür für Menschen", schwärmt ein Delegierter aus Baden-Württemberg. Das Wahlergebnis bestätigt dann ein weiteres Vorurteil über Platzeck: Alle mögen ihn. Nur zwei Delegierte stimmen gegen ihn, einer enthält sich. Die 99,4 Prozent, das zweitbeste Ergebnis der Geschichte der SPD, sind Platzeck fast schon peinlich. "Es erinnert an alte Zeiten", witzelt er in Anspielung auf Wahlergebnisse in der DDR.
Über seine Herkunft redet Platzeck ganz zum Schluss. Mit dramatisch gesenkter Stimme erzählt er, dass er seine ersten 35 Lebensjahre "auf der anderen Seite" der Glienicker Brücke in Potsdam verbracht habe. "Das ist nicht zu ändern", sagt er. "Ich bin klipp und klar sozialisierter Ostdeutscher, und ich bin das gerne, und ich stehe dazu." Manchmal gehe er noch am Sonntagmorgen über die einstige Grenze auf der Brücke, und immer wieder empfinde er das gleiche "Glücksgefühl". Spätestens hier dürften einigen Delegierten die Tränen in die Augen gestiegen sein.
Einen Dämpfer bekommt der neue Parteichef dann doch noch, am Nachmittag, als sein Kandidat Hubertus Heil zum Generalsekretär gewählt wird. In einer blassen Rede wiederholt der Sprecher des "Netzwerks" zunächst etliche Gedanken aus Platzecks Rede, zum Teil mit den gleichen Worten. Ein Denkzettel war bei der Wahl erwartet worden: Der 33-jährige Niedersachse hatte zu den führenden Nahles-Unterstützern im Konflikt um den Generalsekretärsposten gezählt. In seiner Rede sagt Heil erneut, er habe einen Fehler gemacht, und bittet um Nachsehen. Die Partei müsse jetzt nach vorn schauen und zu einem neuen Miteinander kommen. Doch die Wunde des Müntefering-Rücktritts ist noch nicht verheilt: Heil bekommt enttäuschende 61,7 Prozent.
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