Von Carsten Volkery
Berlin - Helmut Schmidt hat es durchgemacht, Helmut Kohl auch, Gerhard Schröder sowieso. Jetzt ist Angela Merkel dran. Eine deutsche Staatsbürgerin ist im Ausland entführt worden, und die Kanzlerin muss sich als Krisenmanagerin bewähren. Die Krise kommt früh, gerade eine Woche ist es her, dass Merkel im Bundestag den Eid auf die Verfassung ablegte. Nicht leichter wird es dadurch, dass ihr Vorgänger ausgerechnet diese Rolle mit Bravour gespielt hat. Schröder lief immer dann zu Hochform auf, wenn die Lage besonders ernst war.
Gestern Abend war die Entführung der Archäologin Susanne Osthoff und ihres Fahrers bekannt geworden, heute Vormittag tritt Angela Merkel im Kanzleramt vor die Presse. Ganz in schwarz biegt sie um die Ecke im Foyer und geht direkt zum Rednerpult. Vorher schon hatte ein Mitarbeiter die Regeln festgelegt: Keine Fotos aus der Froschperspektive, keine Fragen.
Mit beiden Händen greift die Kanzlerin sich das Pult und gibt eine kurze Erklärung ab. "In dieser schweren Stunde sind unsere Gedanken bei den Angehörigen und den Freunden. Ihnen gilt unser Mitgefühl", sagt sie. Die Bundesregierung werde alles tun, was in ihrer Macht stehe, um die Freilassung der Geiseln zu erwirken. Ein Krisenstab im Auswärtigen Amt sei eingerichtet. Sie habe sich persönlich vom BND-Präsidenten unterrichten lassen. Es sind die üblichen Sätze, die ein Regierungschef in so einer Situation eben sagt. Mehr ist zu diesem Zeitpunkt auch nicht zu sagen. Nach nicht einmal einer Minute sammelt Merkel ihre Zettel ein und verschwindet.
Merkel kann auf Schröders Krisenteam zurückgreifen
Die Entführer fordern von der neuen Regierung, die Beziehungen zum Irak abzubrechen. Doch viel ist da nicht abzubrechen. Zwar bilden deutsche Experten im Auftrag des Innenministeriums in den Vereinigten Arabischen Emiraten irakische Polizisten und Soldaten aus. Auch helfen deutsche Organisationen beim Wiederaufbau, etwa bei der Wasserversorgung, der Wahlbeobachtung oder der Forschungsförderung. Insgesamt wurden laut Auswärtigem Amt 200 Millionen Euro zugesagt. Doch im Vergleich zur Militärmission in Afghanistan ist das deutsche Engagement an Euphrat und Tigris sehr begrenzt.
Die Zurückhaltung von privaten Helfern hat vor allem mit der desperaten Sicherheitslage im Land zu tun. Seit Beginn des Irakkriegs im März 2003 sind mehr als 200 Ausländer entführt worden. Deutsche waren nicht darunter. Allerdings waren zwei Tote zu beklagen: Im vergangenen Jahr fielen zwei Grenzschutzbeamte einem terroristischen Anschlag zum Opfer. Sie hatten in Bagdad die deutsche Botschaft bewacht und waren auf dem Landweg nach Jordanien bei Falludscha erschossen worden.
Es hat dennoch fast etwas Schicksalhaftes, dass die erste deutsche Geisel im Irak ausgerechnet in der Amtszeit von Merkel genommen wird. In der Frage des Irakkriegs hatte die Oppositionsführerin damals versucht, sich von der US-kritischen Position der Schröder-Regierung abzusetzen.
Bei der Krisenbewältigung kann sich die außenpolitisch unerfahrene Merkel nun auf den Sachverstand der Vorgängerregierung stützen. "Es ist nicht Frau Merkels Krise, sondern die der Regierung", erklärte der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Gert Weisskirchen, gegenüber SPIEGEL ONLINE. Außenminister Steinmeier werde helfen, und mit dem verantwortlichen Staatssekretär Klaus Scharioth habe man einen erprobten Krisenmanager zur Hand. "Das ist jemand, der das kann". Scharioth leitet den Krisenstab im Auswärtigen Amt.
Steinmeier meldet sich nachmittags aus Washington. "Oberste Priorität" habe jetzt die körperliche Unversehrtheit der Betroffenen, sagt der Außenminister vor seinem Antrittsbesuch bei seiner Kollegin Condoleezza Rice. Die Regierung werde "mit Umsicht und Vorsicht" vorgehen, verspricht Steinmeier.
"Hoffen, dass die Entführer bestechlich sind"
Weisskirchen wünscht sich eine Lösegeldforderung. "Man kann nur hoffen, dass die Entführer bestechlich sind", so der SPD-Politiker. Das sei der leichteste Weg, um die beiden Geiseln freizubekommen. Schwieriger wäre es, wenn es sich um eine Al-Qaida-Gruppe mit politischen Forderungen handelte.
Auch der frühere Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer erwartet Lösegeldforderungen. "In Ausnahmefällen" könne es auch ohne Zahlungen gelingen, das Leben der Geisel zu retten, sagte Schmidbauer dem Bayerischen Rundfunk. "Aber wenn ich mir diese kriminelle Energie ansehe, dann denke ich, dass man mit allem rechnen muss." Der außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Werner Hoyer, hingegen warnt davor, sich erpressbar zu machen. Die Forderung der Entführer sei unakzeptabel.
Die Grünen kündigten an, die Regierung unterstützen zu wollen. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin forderte die sofortige Freilassung Osthoffs. Deutschland müsse ein Interesse an der Stabilisierung des Irak haben. "Wir werden deshalb mit der gewählten Regierung kooperieren und diese unterstützen", erklärte Trittin.
Morgen wird die Regierung dem Auswärtigen Ausschuss des Bundestags einen Lagebericht geben. Dann, so hofft Weisskirchen, werden die Motive der Entführer klar sein: "Wenn es sich um eine Räuberbande handelt, ist es schneller vorbei."
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