Sie wurden am 4. Februar in Bagdad von Mitgliedern der Gruppe "Mudschaheddin ohne Grenzen" entführt. Was war Ihr erster Gedanke?
Sgrena: Ich hatte überhaupt keine Zeit nachzudenken und war vollauf damit beschäftigt, mit der Realität klarzukommen. So eine Entführung ist ein furchtbarer Schock, man versteht zunächst überhaupt nicht, was da vor sich geht. Es ist das blanke Entsetzen, die totale Angst.
SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Entführer Sie behandelt?
Sgrena: Wie eine Gefangene. In materieller Hinsicht konnte ich mich nicht beklagen - es gab genug zu essen und bei Bedarf Medikamente. Das Schlimmste war, nichts zu tun zu haben, dort zu sitzen, ohne Bücher, Zeitungen, ohne Papier und Stift zum Schreiben.
SPIEGEL ONLINE: Hat sich Ihr Zustand im Laufe der vierwöchigen Geiselhaft verschlechtert?
Sgrena: Nein, da gab es keine graduelle Entwicklung. Man schwankt permanent zwischen Hoffnung und Todesangst.
SPIEGEL ONLINE: Wie sollte eine Geisel im Irak sich verhalten? Gibt es hilfreiche Überlebensstrategien?
Sgrena: Das ist schwer zu sagen. In einer so bedrohlichen Situation werden die Instinkte geweckt. Und dabei reagiert jeder so, wie es seinem Wesen entspricht. Die einen beten, die anderen verlassen sich auf ihren Verstand. Ich habe versucht durchzuhalten, habe darauf vertraut, dass die Menschen draußen mir helfen werden. Ich habe mir gesagt, dass andere Geiseln unter sehr viel schlimmeren Bedingungen überlebt haben.
SPIEGEL ONLINE: Ist die Tatsache, dass Susanne Osthoff das Land gut kennt, fließend Arabisch spricht und zum Islam konvertiert ist, ein Vorteil?
Sgrena: Das könnte man annehmen. Doch auch die entführte britische Care-Mitarbeiterin Margaret Hassan brachte ähnliche Voraussetzungen mit und wurde doch im November vergangenen Jahres von Terroristen brutal ermordet. Der Verlauf einer Entführung hängt ganz wesentlich davon ab, wer die Kidnapper sind.
SPIEGEL ONLINE: Die italienische Regierung hat trotz zahlreicher anders lautender Zeitungsberichte die Zahlung eines Lösegeldes in Ihrem Fall immer bestritten. Wie wichtig ist Geld für die irakischen Geiselnehmer?
Sgrena: Erstens: Auch ich weiß nichts von Lösegeldzahlungen. Zweitens: Bei solchen Entführungen geht es nie nur ums Geld, sondern immer auch um Politik. Ich wurde freigelassen, weil erfolgreich Verhandlungen geführt wurden, weil man sich für mich eingesetzt hat, weil Hunderttausende in Rom für die französische Reporterin Florence Aubernas und mich auf die Straße gegangen sind. Das ist es, was wir tun müssen: in Aktion treten und Flagge zeigen.
SPIEGEL ONLINE: Würden Sie in den Irak zurückkehren?
Sgrena: Um mich noch einmal entführen zu lassen? Nein, natürlich nicht.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, Susanne Osthoff hat leichtsinnig gehandelt, indem sie vorausgegangene Warnungen ignoriert und weiter im Irak gearbeitet hat?
Sgrena: Das ist eine ganz persönliche Entscheidung. Ich würde mir niemals anmaßen, so etwas zu beurteilen.
SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie selbst das Trauma der Entführung verarbeitet?
Sgrena: Das ist ein Prozess, der noch lange andauern wird. Ich versuche, durchzuhalten und meine Ängste zu bekämpfen. Eines jedoch ist klar: Mein Leben ist nicht mehr das, was es einmal war.
Das Interview führte Annette Langer
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