Mittwoch, 10. Februar 2010

Politik



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
30.11.2005
 

Verlierer-Ehrung

Preise für den SPD-Wahlkampf

Von Lisa Wandt

Bei den "Politikawards 2005" hat sich die Berliner Republik selbst gefeiert. Die PR-Lobby ehrte die besten Wahlkampfmanager und Polit-Aufsteiger des Jahres. Doch die Gewinner sahen teilweise wie Verlierer aus.

Berlin - Der beste Freund von Garry Kasparow heißt Kajo Wasserhövel, Staatssekretär in Franz Münteferings Ministerium für Arbeit und Soziales. Kasparow war 20 Jahre lang Schachweltmeister. Jetzt steht er auf der Bühne des Konzerthauses am Berliner Gendarmenmarkt und hält eine Laudatio auf "Kajo", wie er sagt.

Wasserhövel, der für den viel gelobten SPD-Wahlkampf verantwortlich war, wird als bester "Kampagnenmanager des Jahres 2005" geehrt. Und Kasparow kann den Eindruck erwecken, als kenne er Wasserhövels Leistung genau, obwohl er dessen Namen bis zu dieser Veranstaltung vermutlich nie gehört hat. Er rettet sich mit wolkigen Sprüchen über die angeblichen Beziehungen von Politik und Schach. Und Wasserhövel strahlt, als er auf die Bühne darf.

Es ist eine ziemlich merkwürdige Veranstaltung, die sich an diesem Dienstagabend in dem glamourösen Konzerthaus abspielt. Zum dritten Mal verleiht der Berliner Helios Media Verlag die "Politikawards", insgesamt neun Preise für Kampagnen und Akteure der politischen Kommunikation.

Ihre silberne Trophäe bekommen die Preisträger von Vertretern von McDonalds, AOL und den Volks- und Raiffeisenbanken. Die sind stolz, dass sie einem Politiker mal die Hand schütteln dürfen. Aber Glanz bekommt die Veranstaltung dadurch nicht.

Neben Wasserhövel wird der künftige CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla zum "Aufsteiger des Jahres" gekürt, der Grüne Hans-Christian Ströbele als "Mobilisierer" gefeiert und Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher für sein "Lebenswerk" geehrt. Wolfgang Böhmer nimmt als Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt den Preis für die beste "Kampagne von öffentlichen Institutionen" entgegen, weil "Sachsen-Anhalt früher aufsteht", so das siegreiche Image-Projekt. Und Franz Müntefering lässt sich für die beste Wahlkampagne des Jahres feiern, weil die SPD entgegen aller Prophezeiungen die Bundestagswahl nur knapp verloren hat.

Der Helios Media Verlag, der drei Fachmagazine der politischen Kommunikation herausgibt, organisiert seit fünf Jahren Netzwerke in den Bereichen Politik, Kommunikation und Medien. Für knapp 400 Euro können Lobbyisten, Journalisten und Politiker den Vorträgen von PR-Experten lauschen und vor allem: sich vernetzen - neudeutsch für Vetternwirtschaft.

Einen Preis gewinnt jeder gern, man sieht dann automatisch wie ein Gewinner aus. Wasserhövel war in den letzten vier Wochen allerdings eher ein Verlierer. Seine Nominierung für den Generalsekretärsposten der SPD löste das große politische Beben in der Partei aus und führte schließlich zum Rücktritt Münteferings vom Parteivorsitz. Weil Müntefering seinen langjährigen Weggefährten unbedingt zum Generalsekretär machen wollte, stand dieser am Ende mit leeren Händen da. Die feierliche Stimmung des Abends passt nicht zur Krise der letzten Wochen. Wasserhövels silberne Trophäe wirkt in seinem Arm wie ein Trostpreis, eine Entschädigung für die Strapazen der letzten Monate, ein Preis für den Verlierer des Jahres.

Auch Hans-Dietrich Genscher hat offenbar noch nicht genug Ehrungen erfahren, als dass ihm nicht dieser Preis willkommen wäre. Er darf als Letzter auf die Bühne. Die Lobrede hält der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, John C. Kornblum. Genscher ist sichtlich gerührt, lange bleibt er nach der Laudatio seines amerikanischen Weggefährten sitzen, bevor er nach oben geht und dankt: "Dieser Preis macht mich fröhlich, diese Rede auch."

Niemand stört sich daran, dass ausgerechnet der "Verband forschender Arzneimittelhersteller" einen "Politikaward" bekommt. Bislang waren die Lobbyisten eher als Gegner der Politik bekannt. Sie wehren sich seit Jahrzehnten gegen niedrigere Pharmapreise und Industriebeiträge zu den verschiedenen Gesundheitsreformen. Nun können sich die Lobbyisten rühmen, den gleichen Preis gewonnen zu haben wie Genscher, Ströbele und Pofalla.

Zweifelhafter Höhepunkt des Abends ist die Laudatio von Claus Strunz, Chefredakteur der "Bild am Sonntag". Ausgerechnet er lobt den ewigen Linken Hans-Christian Ströbele als "Mobilisierer des Jahres". Ströbele habe "die große Politik zurück auf die Straße geholt". Doch dann erklärt er Ströbele zur "Marke" und rückt ihn damit in eine Reihe mit Volkswagen, Nivea oder "Bild". Ströbele, der mehr und mehr aussieht wie Clint Eastwood, sagt etwas säuerlich in seiner Erwiderung: "Was hab ich verbrochen, dass ich mich von der 'Bild'-Zeitung loben lassen muss." Aber den Preis nimmt er dann doch gerne an.

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH













Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern