Samstag, 21. November 2009

Politik



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13.12.2005
 

Khaled el-Masri

Kronzeuge gegen die CIA

Von Matthias Gebauer

Der Deutsche Khaled el-Masri ist inzwischen weltberühmt. Jeder kennt den Mann, der von der CIA entführt wurde. Während Politiker nach der Verantwortung der Bundesregierung fragen, will Masri nur eines: dass sich die Verantwortlichen endlich entschuldigen. Ein Besuch bei dem Mann, der es mit der CIA aufnimmt.

Ulm - Der Kronzeuge gegen die CIA trägt einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd unter einem Pullover. Das kleine Besprechungszimmer im Büro des Anwalts Manfred Gnjidic ist für ihn wie ein zweites zu Hause. An einem Samstag Anfang Juni 2004 war Khaled el-Masri zum ersten Mal hier. Ohne große Vorrede erzählte er unter den vier Halogenlämpchen eine schier unglaubliche Geschichte.

Entführungsopfer Khaled el-Masri: "Nach der Freilassung sah ich aus wie ein Terrorist"
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AP

Entführungsopfer Khaled el-Masri: "Nach der Freilassung sah ich aus wie ein Terrorist"

Anwalt Gnjidic erinnert sich noch, wie er damals "mit den Füßen schlackerte". Masri beschrieb seine Entführung durch die CIA, die Verschleppung nach Afghanistan und was dort passierte. Es dauerte ein bisschen, bis Gnjidic zu glauben begann, was er hörte. Seitdem befasst er sich jeden Tag mit seinem "größten Fall"; Khaled el-Masri ist Dauergast in seiner Kanzlei geworden.

Bis heute laufen Treffen mit Masri konspirativ ab. Interviews bei ihm zu Hause sind Tabu, er bevorzugt neutrale Orte. Nirgends fühlt sich der bullige Mann mit den zum Zopf gebundenen grau-schwarzen Haaren sicher. Ständig sieht er aus dem Fenster, als ob er ungebetene Besucher erwartet. Masri glaubt, beobachtet, verfolgt oder abgehört zu werden. "Wenn sie das erlebt haben, glauben sie nichts und niemandem mehr", sagt er. Dann setzt er sich, legt die Arme auf den Tisch, beginnt zu reden.

Auf dem Tisch der Anwaltskanzlei liegen detaillierte Skizzen. Minutenlang starrt der 42-Jährige darauf. Er knetet seine kräftigen Hände, nimmt die Brille ab, reibt sich die Augen. Sichtlich bemüht er sich um Fassung. Dann fährt er mit dem Finger auf dem Plan umher. "Hier war meine erste Zelle", sagt er leise, "hier wachte ich auf und sah aus einem Fenster einen afghanischen Wachmann." Das Farsi-Gekritzel an den Wänden bestätigte die Befürchtung: Tausende Kilometer weg von Ulm war er im Januar 2004 in einem afghanischen Knast gelandet.

"Die Amerikaner kamen immer nur nachts"

Nur selten hebt Masri den Blick von den Papieren. Die Erinnerungen kommen wieder. Daran, dass es in der Zelle nur eine dreckige Flasche mit gelblichem Wasser, eine harte Pritsche mit einer Baumwolldecke und abgeklemmte Heizkörper gab. An den Moment, als er zum Verhör geholt wurde. "Die Amerikaner kamen immer nur nachts", sagt er, "meist waren sie zu viert oder zu fünft, alle von ihnen in Schwarz mit Skimasken." Sofort machten die Männer Masri seine Situation klar. "Du bist hier in einem Land ohne Gesetze", sagten sie, "niemand weiß, dass du hier bist und niemand kümmert es, was mit dir hier passiert".

Stationen der Entführung Masris: Per Privat-Jet in den Knast
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DER SPIEGEL

Stationen der Entführung Masris: Per Privat-Jet in den Knast

Während er seine Geschichte erzählt, wirkt Khaled el-Masri gefasst. Nur ganz selten macht er eine Geste. Meist liegen die beiden kräftigen Pranken vor ihm. Auch in seinem Gesicht sind kaum Regungen zu erkennen. Ab und an, wenn er auf Nachfragen hin in seinem Gedächtnis nach kleinen Details über seine Haftzeit bohrt, wirkt er leicht angestrengt und zieht die Stirn in Falten. Immer wieder schweigt er zwischen den Sätzen, will alles ganz genau sagen.

Noch vor einem Jahr war er nicht so ruhig. Als sich SPIEGEL-Reporter im Januar 2005 mit ihm trafen, brach er mehrmals in Tränen aus, musste das Interview unterbrechen. Monatelang hat er seitdem seine Geschichte erzählt und viele glaubten ihm nicht - bis vor einigen Monaten. Auch seine Frau, die nach seinem Verschwinden in die Heimat Libanon reiste, wollte ihm die skurrile Schnurre von CIA-Agenten und Kabuler Knast nicht abkaufen. Mühsam musste er sie davon überzeugen, nicht wegen einer anderen Frau verschwunden zu sein.

Aus der Räuberpistole wurde ein Musterbeispiel

Heute ist die Lage anders. Niemand bezweifelt mehr, dass Masri am Silvestertag 2003 an der mazedonischen Grenze festgenommen, zuerst für einige Tage in einem Hotel festgehalten und anschließend von der CIA als Terrorverdächtiger in einen Kerker nahe Kabul verschleppt wurde. Was sich im Juni 2004 wie eine Räuberpistole anhörte, ist plötzlich das Musterbeispiel für die kruden Methoden der CIA im Kampf gegen den Terror, Masri einer der raren Zeugen für die düsteren Machenschaften der Häscher aus Langley.

Die Wochen in der dreckigen Zelle, die endlosen Verhöre und die zehrende Ungewissheit raubten Masri fast den Verstand. "Nach einigen Wochen wollte ich ein Geständnis ablegen, egal worüber", sagt er. Nur wusste Masri nicht, was die Agenten hören wollten. Aus den Fragen erahnte er, dass es um Terrorismus und die radikal-islamistische Szene in Neu-Ulm ging. Bis heute bestreitet er, von deren dubiosen Aktivitäten gewusst zu haben. Zwar kenne er einige der Islamisten, nach denen die Vermummten fragten. Doch was diese mit dem Kampf der Qaida zu tun haben sollten, hätte er nicht sagen können. Immer wieder forderte er einen Anwalt. Die Männer lachten nur. Er solle lieber gestehen, sonst werde er hier verrotten.

Skizze des Kerkers in Afghanistan: Verhöre immer nur nachts
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DER SPIEGEL

Skizze des Kerkers in Afghanistan: Verhöre immer nur nachts

Irgendwann im Mai 2004 sei bei einem der Verhöre auch ein Deutscher aufgetaucht, der sich "Sam" nannte. Masri wollte wissen, ob er Mitarbeiter einer deutschen Behörde sei. Nach kurzem Geflüster habe "Sam" mit norddeutschem Akzent eine Antwort abgelehnt. Den Deutschen skizziert er genau. Angeblich war er der erste nicht vermummte Mann, den er in Afghanistan sah. Jeans und T-Shirt habe der rot-blonde Mann getragen. Am Arm blinkte eine Sportuhr, die auch die anderen CIA-Agenten trugen. Auch dass "Sam" eine Ausgabe des "Focus" mit Bildern aus Neu-Ulm dabei hatte, erinnert Masri. Bei der zweiten Vernehmung hätte "Sam" dann angekündigt, die Freilassung stehe kurz bevor.

Wer ist "Sam"?

Bis heute ranken sich um "Sam" viele Unklarheiten. Wer war der Deutsche, der Masri nett behandelte, ihm Kekse gab und auch noch sein Gesicht zeigte? War er ein Deutscher auf der Gehaltsliste der CIA, der noch einmal versuchte, Masri zu einem Geständnis zu bewegen? Fragt man hohe Beamte im deutschen Sicherheitsapparat, wird diese These vertreten. Vor allem aber wird mit aller Vehemenz bestritten, es könne sich um einen deutschen Agenten handeln. Träfe dies zu, erwüchse aus der Affäre um die Machenschaften der CIA in der Tat ein Super-GAU für die bundesrepublikanischen Behörden.

Bisher ist weiter unklar, warum die USA Masri nach Afghanistan entführten. Zwar hatten auch deutsche Dienste Hinweise auf seine Kontakte zu radikalen Islamisten in Neu-Ulm, die aber nie für ein Verfahren reichten. Vermutlich waren die Amerikaner nach 9/11 selbst aktiv im Umfeld Masris. Eine Verwechslung hingegen wird mittlerweile ausgeschlossen. Eher scheinen Fehler bei der Auswertung von Informationen oder der Interpretation vermeintlicher Erkenntnisse verantwortlich für die Entführung des Deutschen.

Die Versprechungen von "Sam" jedenfalls traten ein. Schon wenige Tage später wurde Masri mit verbundenen Augen zu einem Flugzeug gebracht, in dem auch "Sam" saß. Quasi als Vorbereitung sagte er, dass Deutschland einen neuen Präsidenten habe. Stunden später landete der Jet, Masri wurde in ein Auto geladen und nach weiteren drei Stunden abgesetzt. "Die Männer sagten mir, ich solle die Straße hinunter laufen und mich nicht umdrehen", erinnert er sich. Damals dachte er, dass sie ihn nun von hinten erschießen wollten. Stattdessen nahm ihn nur wenige Meter weiter eine albanische Streife fest, fuhr ihn umgehend zum Flughafen in Tirana. Kurz darauf saß er in einer Linien-Maschine nach Frankfurt am Main.

"Damals sah ich wirklich aus wie ein Terrorist"

Als Khaled Masri am 28. Mai 2004 gegen neun Uhr morgens in einen Spiegel am Frankfurter Flughafen sah, erkannte er sich kaum. "Damals sah ich wirklich aus wie ein Terrorist", erinnert er sich. Die schwarz-grauen Haare hingen struppig bis zur Schulter, sein Gesicht versteckte sich hinter einem dichten Bart, die eigenen Augen starrten den Heimkehrer aus tiefen Höhlen an. Auch der Grenzer hatte Zweifel. Zum Abschied empfahl er Masri ein neues Bild für den Pass. "Das Bild ist nur wenige Monate alt", entgegnete er. Er hatte es erst im November 2003 beim Meldeamt in Elchingen abgegeben, damals mit kurzen Haaren und ohne Bart.

Möglicherweise hat die CIA inzwischen bedauert, dass sie den Deutschen nach einigen Monaten wieder laufen ließ. Obwohl die Agenten und auch "Sam" mehrmals drohten, der Gang zu deutschen Behörden oder gar zur Presse sei gefährlich, ließ sich Masri nicht einschüchtern. Aus den Erinnerungen des mutmaßlichen CIA-Opfers und vielen Indizien für seine Geschichte ist mittlerweile eine Klage gegen die CIA vor einem US-Zivilgericht entstanden, welche die US-Regierung gewaltig unter Druck setzt.

Khaled el-Masri interessiert die große Politik nur am Rande. "Ich will, dass die Wahrheit endlich herauskommt", sagt er, "die Amerikaner sollen sich entschuldigen". Selbst die Pressekonferenz von US-Außenministerin Condoleezza Rice und Angela Merkel vor rund einer Woche hat Masri gar nicht gesehen, obwohl es dort fast nur um ihn ging. "Wir schauen uns das noch mal an", verspricht ihm sein Anwalt. Die beiden wirken fast wie Kumpels, duzen sich und sind froh, dass sie langsam vorankommen.

Nur das Arbeitsamt forschte nach

Von einem normalen Leben indes ist Masri noch weit entfernt. Erst nach langem Kampf erreichte er im Sommer, dass er weiter Arbeitslosengeld bekommt. Noch immer aber wollen die Behörden von ihm das ausgezahlte Geld für die Zeit seines Verschwindens eintreiben - schließlich hatte er sich nicht ordnungsgemäß abgemeldet. Die Entscheidung vor dem Sozialgericht wurde nach den Berichten und Enthüllungen der letzten Tage vorläufig ausgesetzt - bis der Fall der Entführung abschließend geklärt ist.

Bis dahin wird Masri noch viele Nachmittage in der Anwaltskanzlei in Ulm verbringen. "Ich fahre jetzt zu meiner Familie", sagt er zum Abschied. Die beiden älteren Jungs seiner fünf Kindern fragen ihn schon jetzt dauernd, warum Papa jeden Tag im Fernsehen ist. "Irgendwann muss ich ihnen alles erklären", sagt Masri, "doch dazu ist jetzt keine Zeit."

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