• Drucken
  • Senden
  • Feedback
03.09.1999
 

Neue Bischöfin

Interview mit Margot Käßmann

Margot Käßmann wird am Sonnabend zur zweiten Bischöfin Deutschlands gekürt. Die 41-jährige ist dann Oberhaupt von 3,2 Millionen Gläubigen in der evangelischen Landeskirche Hannover, der größten in Deutschland. Ihre Amtseinführung wird überschattet von den Protesten einer Gruppe extrem konservativer, selbsternannter bibeltreuer Christen, die eine "Notsynode" einberufen haben.

SPIEGEL ONLINE:

Zu Ihrer Amtseinführung findet eine Gegenveranstaltung statt. Der Initiator der "Notsynode", Rudi Weinmann, Kirchenvorsteher im Amt Neuhaus (Elbe), sagt, "Gottes Wort verbietet ausdrücklich, dass eine Frau Pastor oder Bischof wird". Er wirft Ihnen vor, Sie verhöhnten die Bibel und das sei "ein Versuch linker Gruppen, die Kirche zu spalten".

Margot Käßmann
DPA

Margot Käßmann

Käßmann: In den 60er Jahren ist lange und ausführlich über die Frauenordination diskutiert worden. Das Ergebnis war: Es gibt keine theologischen und keine biblischen Argumente dagegen. Jesus hat selbst Frauen in die Nachfolge und in die Verkündigung gesandt. Alle 24 evangelischen Landeskirchen in Deutschland ordinieren inzwischen Frauen. Was Sie zitieren, sehe ich mit Gelassenheit. Wir müssen die Diskussion nicht noch einmal führen. 22,5 Prozent der Ordinierten beispielsweise in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers sind Frauen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr schärfster Kritiker Weinmann ("alles, was Frau Käßmann äußert, basiert nicht auf der Bibel und sind glatte Verstöße gegen Gottes Wort") erregt sich nicht nur an ihrer Person als Frau, sondern auch an Sachthemen. Sie diskutieren, ob schwule und lesbische Paare kirchlich getraut werden können.

Käßmann: Für eine kirchliche Trauunng homosexueller Paare bin ich nicht eingetreten. Aber ich habe erklärt, dass ich die Notwendigkeit zivilrechtlicher Klärungen sehe. Im übrigen diskutiert die hannoversche Landeskirche diese Frage seit vielen Jahren. Was das Reformieren betrifft, so ist es gute Tradition, dass die Kirche stetig erneuert werden muss. Eine Bischöfin verändert nicht plötzlich alles. Besondere Themen sind für mich die Partizipation Jugendlicher, die Beteiligung von Frauen und die Ökumene. Mit den Kreisen in der Landeskirche, die mir kritisch gegenüber stehen, werde ich das Gespräch suchen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Sachthema der letzten Wochen sind die Ladenöffnungszeiten: Die Kirchenglocken läuten SOS - die ohnehin spärlich besetzten Reihen in den Gotteshäusern drohen durch den Sonntagsbummel noch lichter zu werden. Wie wollen Sie es schaffen, dass die Menschen nicht zum Shoppen, sondern in die Kirche gehen?

Käßmann: Für den Erhalt des Sonntags setze ich mich ganz entschieden ein. Der Sonntag ist wirklich ein Gottesgeschenk. Die Menschen brauchen doch den Rhythmus von Schaffen und Ruhen. Wir als Gesellschaft benötigen gemeinsame freie Zeit für die Pflege von Familie, Freundschaft und Kultur. Einkaufen ist doch nicht Lebenssinn und Lebenszweck! Die Menschen können doch gar nicht mehr konsumieren als sie brauchen und finanzieren können.

SPIEGEL ONLINE:Die Bibel predigt gegen Hass, Gewalt und für Nächstenliebe. Mit frommen Sprüchen werden Sie sich wohl kaum Ihrer Kritiker erwehren können. Inwiefern wollen Sie, als Bischöfin, Ihre Gegner ins Gebet nehmen?

Käßmann:Meine Erfahrung sagt mir: Wer überzeugt ist von den eigenen Standpunkten, kann sich verständlich machen und wird auch akzeptiert. Da geht es nicht um fromme Sprüche, sondern eine Glaubenshaltung. Wir Evangelisten bejahen die Vielfalt. Die Landeskirche ordiniert Frauen und erkennt mich als Bischöfin an. Nun geht es für mich darum, den Kontakt vor Ort herzustellen, Sprengel und Gemeinden aufzusuchen, die Pfarrerschaft zu besuchen. Wir werden ins Gespräch kommen. Dazu gehört Kritik ebenso wie gegenseitige Rechenschaftspflicht und Ermutigung.

Das Interview führte Hubertus von Hörsten

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland

© SPIEGEL ONLINE 1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP