Von Arndt Ginzel und Thomas Datt, Leipzig
Leipzig - Er ist zurück. Für eine halbe Stunde verwandelt sich der noch junge Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee wieder in den alten Oberbürgermeister von Leipzig. An diesem Februartag dominiert er das unscheinbare Podest auf dem Querbahnsteig des Hauptbahnhofs. Beim Wahlkampftermin für seinen Wunschnachfolger Burkhard Jung redet Tiefensee sich schnell heimisch.
Bei schneidender Kälte nähert er sich im ICE-Tempo seinem Lieblingsthema: Leipzig und der Rest der Welt. Gerade hat er bis 2020 die ICE-Strecke Berlin-München fertig gestellt und ans europäische Schnellbahnnetz angeschlossen. Doch nun ist er ganz bei den Leipziger Großbaustellen, dem S-Bahn-Tunnel und dem Autobahnring um die Stadt. Jung liefert ihm geduldig die Stichworte. Hier spielt ein eingeschworenes Duo, auch wenn für gemeinsame Hausmusik längst keine Zeit mehr ist.
Vor sieben Jahren beerbte Jung Tiefensee als Jugend- und Sozialdezernent, am 5. Februar soll er bereits im ersten Wahlgang dessen verwaisten OB-Schreibtisch übernehmen. Gute Chancen hat der 47-Jährige; die jüngste Umfrage sieht ihn bei 54 Prozent. Jung profitiert von der Popularität der beiden Nachwende-Oberbürgermeister Tiefensee und Hinrich Lehmann-Grube. Ihnen verdankt es die Leipziger SPD, dass sie den Chefposten der Stadt bis auf weiteres abonniert hat. Schon deshalb hat sich keiner der anderen sechs Kandidaten darum gerissen, gegen Jung anzutreten. Für den künftigen OB düften es alles andere als sieben beschauliche Jahre werden.
Nicht ans Ende denken
Jeder fünfte Leipziger, der arbeiten könnte, hat keinen Job; jeder siebte Einwohner fällt unter Hartz IV. Mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von 1780 Euro liegt die Stadt weit über dem ostdeutschen Durchschnitt. Seit Jahren kämpft Leipzig mit einem defizitären Haushalt. Das Regierungspräsidium warnt, die Kommune drohe handlungsunfähig zu werden. Wo andere ins Grübeln geraten, bemüht Jung lieber Beppo Straßenkehrer aus Michael Endes "Momo": "Wenn er eine lange Straße kehrt, denkt er nicht an das Ende. Er macht Besenstrich, Atemzug, Schritt. Anders geht es nicht."
Öffentlich gibt sich der evangelische Religionslehrer aus Siegen als gelehriger Jünger seines Meisters und kopiert ihn bis in Gesten und Formulierungen. Beispiele aus dem gemeinsamen Tiefensee-Jung-Fundus: "Ein Oberbürgermeister kann keine Arbeitsplätze schaffen, sondern nur Rahmenbedingungen verbessern." Oder: "Deutschland und Leipzig haben nur eine einzige Ressource - die jungen Menschen." Auch politisch bleibt Jung seinem Freund Tiefensee treu: Er verteidigt das Leipziger Modell, das Regieren mit wechselnden Mehrheiten. Dabei ficht ihn auch Kritik nicht an, das Gekuschel im Rathaus habe Filz und Versorgungsposten in den 147 städtischen Beteiligungsfirmen erst möglich gemacht.
Wie Tiefensee hofft Jung weiter auf neue wirtschaftliche Leuchttürme. Dabei kann es sich die Stadt angesichts ihrer Finanzprobleme gar nicht mehr leisten, wie zum Beispiel beim BMW-Werk 125 Millionen Euro zuzuschießen. Doch für Jung gilt: "Es gibt keine Alternative zu dieser Ansiedlungspolitik. Wir müssen bis zum Rückgang der EU-Fördermittel ab 2007 alles versuchen, um Automobilzulieferer und Logistikanbieter in den Raum Leipzig zu holen."
Schmeicheleien für die Leipziger Seele
Vor allem aber eint Mentor und Schüler der Glaube an Leipzig als Bürgerstadt europäischen Ranges. Jung spricht von einer Metropole, die sich zwar nicht mit Berlin messen könne, aber immerhin eine lebendige Kulturstadt mit wachsender Bevölkerung sei. Was der Leipziger Seele schmeicheln soll, wirkt durchaus glaubhaft. Der Westdeutsche lebt seit 15 Jahren in der sächsischen Halbmillionenstadt, wird aber trotz seines harten Dialekts nicht als solcher wahrgenommen. Nie hat er die Klaviatur des Besserwessis gespielt, sondern sich unaufdringlich nach oben gearbeitet. Am evangelischen Schulzentrum, das er Anfang der neunziger Jahre aufgebaut hat, ist er noch heute sehr beliebt. Und selbst die Dunkelroten von der Linkspartei schätzen ihn, weil er sich bevorzugt zum Sozialen bekennt.
Diesseits der Phrasen hebt sich Jungs Führungsstil von Tiefensees ab. Unter Rathausangestellten und Stadträten heißt es, er entscheide weniger einsam und öffne sich eher den Argumenten anderer. Der Protestant bezeichnet sich selbst als harmoniebedürftig und kündigt dennoch an, Verwaltung und städtische Unternehmen stärker zu kontrollieren. Gemeinsam mit den Angestellten will er das Rathaus auf Effizienz trimmen.
Über genügend Selbsterfahrung verfügt er. Bereits als Sozialbeigeordneter hat er mehr als die Hälfte des Leipziger Etats verwaltet. Bei der schließlich verpatzten Olympia-Bewerbung der Stadt vor zwei Jahren genehmigte Jung umstrittene Provisionszahlungen und musste als Olympia-Beauftragter zurücktreten. Auch von seinem Amt als Dezernent wurde er für kurze Zeit suspendiert. Schützend fing er so das mediale und politische Störfeuer ab, das eigentlich Hauptdarsteller Tiefensee treffen sollte. Jung räumt heute ein, dass Leipzig sich beim olympischen Wettbewerb mit London, Paris und anderen Weltstädten übernommen hat: "Wir waren auf die internationale Phase nicht genügend vorbereitet und haben es nicht verstanden, Deutschland mitzunehmen. Und plötzlich waren wir allein."
Anders als eine seiner vier Töchter ist Burkhard Jung bisher kaum über die Grenzen von Leipzig hinaus bekannt. Alissa Jung spielt in der ARD-Krankenhaus-Soap "In aller Freundschaft" die Chefarzttochter. Ihre Liaison mit Jan Hahn, der Quasselstrippe des SAT1-Frühstücksfernsehens, machte Burkhard Jung zum zweifachen Großvater. Wie ungewöhnlich so viel Prominenz für Leipzig ist, erlebten die drei vor kurzem bei einem Spaziergang im Rosental. Ein Radfahrer, der ihnen entgegenkam, fuhr vor Überraschung in die Büsche.
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