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16.02.2006
 

Actionfilm "Im Tal der Wölfe"

"Die Übertreibung des Jahres"

Von Miriam Schröder

Der türkische Film "Im Tal der Wölfe" zieht in Berlin die muslimischen Migranten in die Kinos. Die Vorstellungen sind ausverkauft. Den Vorwurf, der Streifen verstärke antiamerikanische und antisemitische Klischees, können die meisten Besucher nicht nachvollziehen.

Berlin - Sie sind angerückt, um den Kampf der Kulturen zu filmen - das Bild aber, das sich den Kameraleuten bietet, ist rundherum friedlich: Im Saal sitzen 500 Zuschauer, durchschnittliches Kinopublikum: Überwiegend Pärchen, viele junge Leute, aber auch Ältere, Frauen und Männer, ganze Familien. Sie essen Popcorn, trinken Cola, tippen während des Filmes Kurznachrichten in ihr Handy und verlassen den Saal, kaum dass der letzte Satz verklungen ist. "Allah ist groß" hat niemand gerufen, allenfalls gedämpftes Gemurmel ist zu hören. Gekämpft wird im Berliner Kino Karli nur unter Journalisten - um den kleinen Rest des Publikums, der nach zweieinhalb Stunden Film noch über "Im Tal der Wölfe " reden will.  

Die teuerste türkische Filmproduktion aller Zeiten hat in ihrem Heimatland in der ersten Woche mehr als eine Million Zuschauer angelockt. In der vergangenen Woche ist der Film auch in Deutschland, Holland und Österreich angelaufen und in wenigen Tagen an die Spitzen der Kinocharts geklettert. In den Medien hat diese Begeisterung bereits Besorgnis hervorgerufen: Vom "Kampf der Kulturen" ist die Rede, der durch antisemitische und vor allem antiamerikanische Propaganda in "Tal der Wölfe" heraufbeschworen werde. Und so war es auch die Presse, die am Dienstagabend dafür sorgte, dass die Kinokarten für "Im Tal der Wölfe - Irak" in Berlin-Neukölln schon eine Stunde vor Filmbeginn restlos ausverkauft waren. Dass der Film hier im türkischen Original mit deutschen Untertiteln gezeigt wird, liegt auf der Hand: In dem Stadtteil mit über 300.000 Einwohnern sind fast ein Drittel Türken und Araber. 

Kultdarsteller als Held

Der Film erzählt die Geschichte von Polat Alemdar, einem türkischen Geheimdienstagenten, der in den Irak kommt, um die Ehre der türkischen Nation zu retten - indem er Sam Marshall, einen US-amerikanischen General tötet. Dieser General hat, erzählt nach einer wahren Begebenheit, im Juli 2003 das Quartier einer türkischen Spezialeinheit im Nordirak besetzt und elf Soldaten zum Verhör abführen lassen - mit einem Sack über dem Kopf. Die sogenannte "Sackaffäre" kennt jeder in der Türkei.

Sie ist aber nicht der Grund, aus dem die meisten Zuschauer gespannt sind auf den Film. Der smarte Polat nämlich ist zugleich der Hauptdarsteller einer Serie, die im türkischen Fernsehen längst zum Kult geworden ist. "Wir gucken die Serie jede Woche, über Satellit", sagt ein junger Türke, der diesen Kinoabend seiner Freundin zum Valentinstag geschenkt hat. In der Serie geht es weder um Religion, noch um Amerika: Polat ermittelt im Auftrag der Regierung undercover in Mafiakreisen. 

Im Film ist er ein Kämpfer, er ficht für die türkische Ehre und gegen das Vorgehen der Besatzungsmacht USA im Irak. Die grausamen Misshandlungen im Gefängnis von Abu Ghureib werden in Szene gesetzt, dazu ein Arzt, der den Gefangenen bei lebendigem Leib die Niere herausoperiert, um sie als Organspende zu verwenden. Kritisiert wird in den Medien vor allem die einseitige Darstellung der Charaktere: Sam, der Truppenführer der Amerikaner, ist ein Sadist und zugleich ein fanatischer Christ. Die Opfer sind Muslime, zu Unrecht des Terrorismus verdächtigt. Der Arzt soll einen Juden darstellen, auch wenn das Wort nicht fällt, so ist es doch offenkundig -die Nieren werden nach Tel Aviv, New York und London verschickt.  

Schockiert und traurig

Nach dem Ende des Films werden Zuschauer von den Medien umlagert. "Schockiert" sei sie, "und traurig", sagt ein Mädchen, das die Tränen sichtbar zurückhalten muss. Sie sagt das nicht nur einmal, sie sagt es etwa fünfzehnmal, denn viele Zuschauer sind nicht geblieben und die Presseleute beginnen schon, sich gegenseitig zu befragen. "Macht das nicht auch wütend zu sehen, wie Muslime hier behandelt werden?", ermuntert eine Journalistin. "Ja ich bin wütend, aber ich bin als Mensch wütend, nicht als Muslima", sagt das Mädchen mit Nachdruck. Es scheint, als mache auch diese Frage sie wütend.

Das ist der Grundtenor unter den überwiegend jugendlichen Türken, die jetzt noch im Karli zusammenstehen. Sie sind misstrauisch angesichts der vielen, immergleichen Fragen und sie wissen, dass das Thema dieses Filmes nur allzu gut hinein passt in die Nachrichten von Karikaturstreits und brennenden Botschaften. "Das hat doch nichts mit Religion zu tun", beeilt sich einer zu sagen. "Natürlich können Christen und Muslime gut zusammenleben. Den Amis im Irak geht es doch nur um Geld und Öl."

Ein anderer behauptet, die Darstellung der amerikanischen Soldaten entspreche der Realität. "So waren die doch schon immer. Die Indianer haben sie abgeknallt, und dann Vietnam und jetzt Irak." Ihn habe der Film überhaupt nicht schockiert: "Die Bilder kennt man doch alle aus den Nachrichten."

Verleiher wehrt sich

Eine antisemitische Botschaft will keiner gesehen haben. Gefragt, welcher Religion der Gefängnisarzt angehört, antworten die meisten: "Keine Ahnung. Der war nur Amerikaner." Andere zucken mit den Schultern: "Da werden halt Klischees bedient. Das macht Hollywood doch auch." Eine Botschaft haben alle gesehen: "Der Islam ist friedlich und Muslime dürfen keine Unschuldigen  töten, das haben die gesagt", betont ein Türke, der erst seit wenigen Jahren in Berlin ist und sich freuen würde, wenn auch ein paar Deutsche "Im Tal der Wölfe - Irak" guckten, "damit ihr mal seht, dass wir nicht alle Selbstmordattentäter sind". "Ihr" und "wir", das sind die Worte, auf die alle gewartet haben, die dem Film vorwerfen, er spalte die Gesellschaft und sei neuer Brennstoff im Kampf der Kulturen. Der, der das gesagt hat, verwehrt sich dagegen: "Das ist ein Film gegen den Krieg. Und für Frieden", sagt er.  

Auch ohne Journalisten wird Saal 1 im Karli und in zwei anderen Berliner Kinos wohl in den nächsten Tagen ausverkauft sein. Das freut vor allem Anil Sahin, Chef der Maxximum Film und Kunst GmbH, die den Film europaweit verleiht und an jedem Besucher verdient. Sahin ist Türke und stolz darauf, dass sein Land mit der Zehn-Millionen-Dollar-Produktion einen Film gemacht hat, der auch in Amerika laufen wird.  Der Film sei ein Spiegelbild der Wirklichkeit, er zeige das hässliche Gesicht des Krieges. Der Vorwurf, der Streifen sei antisemitisch, sei absurd. Sahin hält den Arzt im Film für einen "verrückten Amerikaner", dessen jüdische Herkunft sei gar nicht erkennbar. Die Kritik der Medien an "Im Tal der Wölfe" kann der Verleiher nicht nachvollziehen. Das sei "die Übertreibung des Jahres".

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