Von Jochen Bölsche
Verstärkte Immigration kein Patentrezept
Weil antidemokratische Ressentiments sich häufig mit Fremdenfeindlichkeit paaren, scheint in vielen Schrumpfregionen auch der Ausweg verstellt, den Fortzug von Deutschen durch Zuzug von Ausländern zu kompensieren - ein ohnehin fragwürdiges Konzept.
Zwar wäre massenhafte Immigration ganz im Sinne des Zuwanderungsrats, der schon 2004 unter Vorsitz der CDU-Politikerin Rita Süssmuth der Bundesregierung die gezielte Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte empfohlen hat. Ohne Zuwanderung, so das Gremium, werde das Arbeitskräfteangebot in der Bundesrepublik ab 2010 stark einbrechen und bis 2040 von derzeit 45,3 Millionen auf nur noch 26,7 Millionen Menschen absacken.
Eine Patentlösung für die Schrumpfregionen sei verstärkte Immigration keineswegs, wenden dagegen politische Praktiker wie auch Regionalplaner ein. Weil es einen Großteil der Migranten in die Parallelwelten der Ballungsgebiete ziehe, würden sich dort nur die ohnehin beträchtlichen Integrationsprobleme verschärfen, ohne dass dem ländlichen Raum nennenswert geholfen wäre.
In Berlin zum Beispiel scheint es für die inzwischen von vielen Politikern geforderte "nachholende Integration" in manchem Viertel fast schon zu spät. Eine interne Studie des Polizeipräsidiums hat bereits in neun "Problemkiezen" bedrohliche Entwicklungen ausgemacht. Dort registrieren die Beamten "mafiose" Strukturen, "bewaffnete Gewalt" und eine "heranwachsende Frust-Generation", die "nach eigenen Regeln und Gesetzen lebt". Fazit: "Szenarien, die aus amerikanischen, englischen und französischen Großstädten beziehungsweise deren Ghettos bekannt sind", seien "auch hier vorstellbar".
An der Ruhr schrumpft alles - außer dem Ausländeranteil
Auch angesichts von bald fünf Millionen Arbeitslosen hatte schon voriges Jahr der seinerzeitige Innenminister Otto Schily die Zuwanderungsempfehlungen des Süssmuth-Gremiums mit spitzen Fingern entgegengenommen: Sie müssten mit "sehr, sehr großer Sorgfalt geprüft werden".
Die Städte und Gemeinden sehen in ungeregelter Zuwanderung sowieso ein Zukunftsproblem ersten Ranges. Weil vier von fünf Einwanderern derzeit keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, beruht laut Demografie-Professor Herwig Birg "die prekäre Finanzsituation der Kommunen nicht zuletzt auf der hohen Belastung durch Sozialhilfeausgaben für die großenteils nichtdeutschen Mitbürger"; in Hannover beispielsweise sind 40 Prozent der Sozialhilfeempfänger ausländischer Herkunft.
Besonders schnell wächst der Bedarf an "nachholender Integration", etwa an Deutschkursen für Ausländer, in jenen Städten, in denen alles schrumpft - außer dem Migrantenanteil. Nach einer Studie über "Bevölkerungsentwicklung und Sozialraumstruktur im Ruhrgebiet" werden in den kreisfreien Städten im früheren Kohlenpott, ausgenommen nur Bottrop, Mülheim und Hamm, "bereits im nächsten Jahrzehnt die Mehrheit der Bevölkerung im jungen Erwachsenenalter und die Mehrheit der Kinder ,Ausländer' sein beziehungsweise einen Migrationshintergrund haben".
Soll Deutschland die Arbeitselite Osteuropas abwerben?
Trotz der schon jetzt wahrnehmbaren Integrationsprobleme werde Deutschland ohne Immigration nicht auskommen, argumentiert "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher. Der "Methusalem"-Autor plädiert daher für eine gesteuerte "Zuwanderung aus verschiedenen Kulturkreisen - und eben nicht nur aus der islamischen Welt". Das gleiche wünscht sich, etwas verklausuliert, der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt, wenn er die Zuwanderung von Menschen fordert, "die keine Integrationskosten verursachen".
Auch der Hamburger Ex-Bürgermeister und Ost-Experte Klaus von Dohnanyi regt an, junge Mittel- und Osteuropäer - sofern sie zur "industriellen Arbeitselite" zählen und "gerne Deutsch lernen" - dafür zu gewinnen, den "großen und zum Teil entvölkerten Raum Ostdeutschlands mit seiner exzellenten Infrastruktur zu nutzen". Dabei solle die Bundesrepublik, so Dohnanyi, allerdings verfahren wie die traditionellen Einwanderungsländer, etwa die USA: "Die nehmen die Leute herein, die ihnen wirklich nutzen können - und das nutzt auch diesen Leuten." Experten sprechen von einer skilled immigration tüchtiger Fachleute.
Solchen Strategien widerspricht der Demograf Birg, der entschieden für eine Steigerung der deutschen Geburtenrate durch eine betont familienfreundliche Politik wirbt und der die Abwerbung fremder Eliten als "demografische Ausbeutung anderer Länder" und als "neuen Kolonialismus" verurteilt. "Wir wollen die Besten importieren und profitieren von Menschen, die anderswo eine Lücke hinterlassen", empört er sich: "Das ist desaströs."
"Brandenburg reicht bis Kamtschatka"
Gleichwohl glaubt auch der Hallenser Wirtschaftsforscher Peter Franz ("Regionalpolitische Optionen für schrumpfende Städte"), dass gerade die besonders schnell schrumpfenden Kommunen an der deutschen Ostgrenze "von einer Zuwanderung aus Osteuropa profitieren könnten". Andere Wissenschaftler wiederum warnen vor übertriebenen Hoffnungen.
"Kein einziges Land der Alten Welt kann sich aus dem eigenen Nachwuchs erhalten," sagt der Bremer Zivilisationsforscher Gunnar Heinsohn. Auch in Osteuropa seien die Geburtenzahlen in der letzten Dekade dramatisch gesunken. Polnische Frauen etwa hätten "mit 1,23 Kindern im Durchschnitt noch weniger Nachwuchs als die Mütter Brandenburgs", und auch Ukrainer, Weißrussen, Russen, Balten, Slowaken und Tschechen lägen "mit 1,2 bis 1,3 Kindern pro Frauenleben unterhalb der Reproduktionsgrenze" von 2,1 Kindern. Heinsohn: "Brandenburg reicht in Wirklichkeit bis Kamtschatka."
So wird sich wohl auch der polnische Beitrag zur Stabilisierung der deutschen Geburtenrate in Grenzen halten. Zwar sind schon jetzt polnische Frauen die begehrtesten ausländischen Ehepartnerinnen deutscher Männer - dennoch sind die absoluten Zahlen ernüchternd: Im vorigen Jahr heirateten gerade mal 4900 Deutsche eine Polin.
Dennoch hat manch ein Bürgermeister an der deutschen Ostgrenze die Hoffnung nicht aufgegeben und schon begonnen, die dort besonders starken "Ängste vor Überfremdung" (Franz) zu überwinden - etwa in der potemkinschen Stadt Görlitz.
Görlitz bald zur Hälfte polnisch?
Links der Oder das ausblutende Stadtkleinod mit seinen 10.000 großenteils sanierten, aber leer stehenden Wohnungen; rechts der Oder, gleich vis-à-vis, das polnische Zgorzelec mit massiver Wohnungsnot - liegt da nicht nahe, was dem langjährigen Oberbürgermeister Rolf Karbaum vorschwebte: die Menschen aus Westpolen zum Umzug nach Ostdeutschland zu animieren? "Die Polen sind unsere letzte Hoffnung", glaubt Karbaum. "Wird Görlitz", fragte bereits die konservative "Welt", "in 20 Jahren zur Hälfte polnisch sein?"
Auch die sächsische Landesregierung setzt bei ihren Bemühungen, wieder Leben in die sterbenden Städte zu bringen, offen auf die Macht der Liebe: Auf ihrer Homepage weist sie darauf hin, dass in diesem Bundesland laut Statistik 70.000 Frauen zwischen 18 und 40 Jahren fehlen, während im benachbarten Westpolen Männermangel herrsche.
Die Sprachbarriere zwischen Deutschen und Polinnen sei "zwar ein Hindernis, aber überwindbar", zitiert die regierungsamtliche Website eine deutsch-polnische Kontaktagentur aus Görlitz. In der Stadt sei bereits jetzt zu beobachten, dass "deutsche Männer durch die Straßen laufen, mit der einen Hand die polnische Freundin haltend, mit der anderen das Wörterbuch".
Lesen Sie in der nächsten Folge:
Der Lockruf der Leere - Was tun mit einem Raum ohne Volk? Planer fahnden nach Ideen für ein verlassenes Land.
Zu den ersten beiden Teilen der Serie:
1. Verlassenes Land, verlorenes Land
2. Keine Zukunft für die Kuhzunft
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