Berlin - Grünen-Chefin Claudia Roth sagte SPIEGEL ONLINE, dass Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer und seine Regierung "bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus versagt" hätten. Das Landratsamt Halberstadt habe "kapituliert". Es reiche nicht aus, Zivilcourage von den Bürgern zu fordern, so Roth, "gerade Politik und Verwaltung müssen mit guten Beispielen vorangehen und dürfen sich nicht wegducken". Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Fraktion, Volker Beck, forderte die Kreisverwaltung Halberstadt auf, die Entscheidung zurückzunehmen.
Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Sebastian Edathy (SPD), warnte: "Man darf gegenüber Rechtsextremisten nicht zu kuschen anfangen" Der Sozialdemokrat kritisierte, den für die Absage Verantwortlichen fehle es an demokratischer Zivilcourage. Es sei auch nicht wegen möglicher Sicherheitsbedenken zu rechtfertigen, solchen Drohungen nachzugeben. "Wir sind ein freies Land. Es kann nicht sein, dass wir den Rechtsextremisten hier die Entscheidung darüber zubilligen, was an kulturellen oder sonstigen Veranstaltungen stattfindet."
Für Sachsen-Anhalts Innenminister Klaus Jeziorsky ist die Konzertabsage nicht nachvollziehbar. Der Christdemokrat mahnte: "Den Drohungen rechtsextremer Kräfte darf nicht nachgegeben werden."
Der Kabarettist Dieter Hildebrandt rief die Bürger von Halberstadt zum Protest auf. "Wenn wir jetzt schon Angst haben vor einer Splittergruppe, muss etwas im Kopf nicht funktionieren." Er wisse nicht, wie sehr sich Halberstadt noch blamieren wolle. Der Kabarettist will im Sommer ebenfalls in dem Ort auftreten und den Vorfall thematisieren.
Landrat Henning Rühe verteidigte dagegen die Absage des Konzerts, das in der Aula des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums unter dem Motto "Nazis raus aus dieser Stadt" stattfinden sollte. Grund sei die Drohung der NPD gewesen, eigene Veranstaltungen in Schulen einzuklagen. Der Landrat fügte hinzu: "Ich wollte der NPD nicht die Möglichkeit einräumen, in einer Schule aufzutreten." Junge Leute seien nämlich empfänglich für rechtsextreme Theorien. "Ich würde die Entscheidung wieder so treffen", sagte Rühe der dpa.
Wecker selbst äußerte sich erfreut darüber, dass es eine große Solidarisierung gebe. So hätten ihn mehrere Bürgermeister und Gymnasialleiter angerufen und gesagt, "dass wir bei ihnen in der Schule sofort spielen könnten". Der Liedermacher warnte zugleich: "Die Rechtsradikalen versuchen, sich über die Provinz stark zu machen." Gegenüber SPIEGEL ONLINE kündigte Wecker an, im Sommer möglicherweise ein Open Air-Konzert in dem Ort zu veranstalten. "Man sollte vor der NPD nicht einknicken, das wäre doch traurig. Ich gebe Halberstadt nicht auf", sagte Wecker.
Die Stadtverwaltung unterstütze das Vorhaben eines Nachholkonzert, teilte der stellvertretende Oberbürgermeister Michael Haase mit und distanzierte sich damit klar von der Verwaltung des Landkreises.
Offiziell war die Absage zunächst damit begründet worden, dass in schulischen Gebäuden keine kommerziellen Veranstaltungen stattfinden dürften. Weckers Manager Manfred Berkard bezeichnete dieses Argument als vorgeschoben. Er betonte, das als Alternative in Halberstadt angebotene Theater hätte man als Veranstaltungsort teuer anmieten müssen. Daher habe man sich für ein Ersatzkonzert in Jena entschieden: "Dort war es problemlos möglich, in einer Schule aufzutreten."
ler/jto/dpa/ddp/AP
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